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Prag 1968 Rückblick auf eine Illusion

Wer die alten Berichte aus Prag liest, der ist verblüfft wie blind einen die Hoffnung damals machen konnte -und wie anders das heute aussieht.

14.08.2008 00:08
xxawi
Lone car passing dozens of Russian tanks
Ein Auto, viele Panzer, und trotzdem wollte man lange glauben, sie würden nicht eingesetzt. Foto: Getty Images

Wer auf der Website der Frankfurter Rundschau die Möglichkeit nutzt, die Zeitung des Jahres 1968 zu lesen, dem wird klar, wie hinfällig die Urteile einer Tageszeitung sind, wie blind gegenüber einer dem späteren Betrachter als evident erscheinenden Realität. Das hat nichts mit der Intelligenz des Beobachters, mit seinen Kenntnissen und seinen Vorurteilen zu tun. Auch den Klügsten fehlt der Abstand und gerade dem Klügsten ist klar, dass alles auch ganz anders kommen kann, als er es sich denkt. Beides trübt den Blick.

Wer in diesen Tagen die alten Berichte aus Prag liest, die Kommentare über die Entwicklungen dort, der ist verblüfft, wie blind einen die Hoffnung damals machen konnte. Russische Panzer waren längst - zu Übungszwecken - in der Tschechoslowakei, da hielten sich viele, vielleicht sogar die meisten, noch an der Illusion fest, die Panzer würden nicht eingesetzt.

Im Böhlau-Verlag ist in zwei Bänden eine Dokumentation "Prager Frühling - Das internationale Krisenjahr 1968" erschienen. Der erste Band - 1296 Seiten - versammelt Beiträge von mehr als siebzig Autoren zur Geschichte des Prager Frühlings - also auch zum Beispiel des tschechoslowakischen Films -, zur Rolle der Sowjetunion, der USA, der DDR, der BRD. Die Rolle auch der westlichen Geheimdienste wird ebenso wenig ausgespart wie zum Beispiel der Einsatz weißrussischer Spezialeinheiten.

Wer aus aktuellem Anlass heute zum Beispiel das Kapitel über die georgischen Reaktionen auf den Prager Frühling und seine Niederschlagung liest, der erfährt, dass die Sowjetunion weniger den Bazillus Demokratie fürchtete als vielmehr den des Nationalismus. Wenn Prag ein eigener Weg gestattet worden wäre, dann hätte Tiflis den auch für sich beansprucht. Hier sah man in Moskau die wirkliche Bedrohung des Vielvölkerstaates Sowjetunion.

Der zweite Band bringt auf 1589 Seiten Zeitdokumente. Das erste stammt vom 1. Februar 1968. Das letzte trägt die Nummer 232 und stammt vom 4.Juni 1971. Es ist die Liste der mit Orden auszuzeichnenden sowjetischen Besatzer der Tschechoslowakei.

Das Mammutprojekt ist das Produkt der Zusammenarbeit u.a. österreichischer, tschechischer, russischer, amerikanischer und deutscher Stellen. Der Dokumentenband erscheint in deutsch und russisch. Die Aufsätze werden demnächst in einer Auswahl in englisch und russisch erscheinen. Vergleichbar intensiv und extensiv ist bisher - blocküberschreitend - wahrscheinlich kein Abschnitt der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts bearbeitet worden. Leider ist die Hoffnung gering, dass das, wie es 1968 hieß, "nur ein Anfang" sein könnte. Die Archive - nicht nur in Russland - werden wieder geschlossen. Man muss befürchten, dass die beiden schwer gewichtigen Bände in den Bibliotheken stehen werden als Marksteine eines kurzen Augenblicks in der Geschichte, in der West- und Osteuropa, Russland, der Kaukasus und die baltischen Staaten - natürlich fehlen auch sie nicht - bereit waren, auch unangenehme Augenblicke ihrer gemeinsamen Geschichte gemeinsam anzusehen.

Am 8.Mai 1968 trafen sich die Führer der Kommunistischen Parteien der Sowjetunion, Bulgariens, Ungarns, der DDR und Polen. Sie bestärkten einander in dem Eindruck, dass man den Kampf gegen Dubcek und seine Genossen in der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei aufnehmen müsse. Er treibe das Land dem Westen in die Arme. Breschnew, Gomulka, Kadar, alle fanden, man könne das konterrevolutionäre Treiben der Reformer um Dubcek nicht länger zulassen, man müsse viel energischer eingreifen. Es war Walter Ulbricht, der - so das hier als Dokument 77 veröffentlichte Protokoll - den Vorschlag machte: "Was die militärischen Manöver in der Tschechoslowakei betrifft, so wäre es gut, sie so zu organisieren, dass sich die dorthin entsandten Truppen ein wenig länger dort aufhalten und entlang der Grenze der BRD patrouillieren können."

Man kann sich das Grinsen der Herren am Tisch im Kreml vorstellen. Aber noch votierte Breschnew für Zurückhaltung. Beim Lesen in den beiden Bänden wird einem klar, wie lange es manchmal dauert und von welchen Zufällen es abhängt, bis das später als so selbstverständlich Erscheinende Wirklichkeit wird. Und wie schnell und unwiderruflich es dann mit einem Male auch gehen kann. Am 21. August rollten die von Ulbricht gepriesenen Panzer in Prag ein. Vorbei war die Illusion eines Sozialismus mit menschlichem Gesicht.

Prager Frühling - Das internationale Krisenjahr 1968. Stefan Karner u.a. (Hg.),

Böhlau-Verlag,

70s/w-Abbildungen,€ 84,90

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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