Lade Inhalte...

Philipp von Boeselager Der letzte Überlebende

Philipp von Boeselager war am Hitler-Attentat direkt beteiligt.

07.07.2004 00:07
Christoph Arens
"Et si omnes ego non" steht auf den roten Balken des 1648 erbauten Fachwerkhauses im Schatten von Burg Kreuzberg im Ahrtal. "Und wenn alle, dann ich gerade nicht." Was in Generationen zu einem Familienspruch geworden ist, hat im Leben des jetzigen Hausherrn Philipp Freiherr von Boeselager (86) eine beklemmende Aktualität gewonnen. Foto: ddp

Die alte Inschrift ist eine Warnung vor dem Herdentrieb. "Et si omnes ego non" steht auf den roten Balken des 1648 erbauten Fachwerkhauses im Schatten von Burg Kreuzberg im Ahrtal. "Und wenn alle, dann ich gerade nicht." Was in Generationen zu einem Familienspruch geworden ist, hat im Leben des jetzigen Hausherrn Philipp Freiherr von Boeselager (86) eine beklemmende Aktualität gewonnen.

Zusammen mit seinem Bruder Georg war der damalige Major unmittelbar in die Pläne des Stauffenberg-Attentats auf Hitler einbezogen. Er besorgte den Sprengstoff, mit dem Hitler am 20. Juli 1944 beseitigt werden sollte. Er stand am Tag des Attentats zusammen mit 1.200 Kavallerie-Soldaten bereit, um rechtzeitig in Berlin zu sein und den Erfolg des Staatsstreichs zu sichern. Der Anschlag auf Hitler scheiterte. Viele der Verschwörer wurden hingerichtet. Philipp von Boeselager ist einer der letzten Überlebenden aus dem inneren Kreis der Widerstandskämpfer.

"Es war eine Zeit voller persönlicher Ängste, in der man täglich einsamer wurde", erinnert er sich an die Tage und Wochen unmittelbar nach dem Attentat. Der Verlust von Freunden aus dem Widerstandskreis, die Angst um die Familie, die Sorge, entdeckt zu werden, und die Frage, warum ausgerechnet man selbst die schwere Entscheidung zum Attentat getroffen und als einer von wenigen überlebt hatte - das alles nagte am Selbstbewusstsein. Und überdies: Man durfte mit niemandem drüber reden, und der harte Krieg ging weiter. "Die Überlebenden einer Tragödie sind niemals deren Helden", hat von Boeselager selbstkritisch vor einigen Jahren in einem Gedenkartikel geschrieben. Von besonderem Heldentum könne auch deshalb keine Rede sein, weil die Gefahr für das persönliche Leben beim Attentat nicht höher war als bei zahlreichen Kriegseinsätzen vorher und nachher.

Das Nachdenken über das Verbrecherische der Nazis begann im Frühjahr 1942: Als Ordonnanzoffizier von Generalfeldmarschall von Kluge an der Ostfront eingesetzt, erfuhr der Freiherr, dass Juden und Zigeuner systematisch umgebracht wurden. Begegnungen mit hohen SS- und Naziführern überzeugten ihn davon, wie gewissenlos die Partei mit Menschenleben umging. 1942 schlossen sich die Brüder Boeselager der Widerstandsgruppe an, die sich in der Heeresgruppe Mitte um Generalmajor Henning von Tresckow bildete.

Ein erstes, für den 13. März 1943 geplantes Pistolen-Attentat scheiterte, weil Hitler ohne SS-Führer Heinrich Himmler die Heeresgruppe Mitte besuchte. Philipp von Boeselager, der es zusammen mit anderen Offizieren ausführen sollte, war tief deprimiert. Auch am 20. Juli 1944 hatte Hitler unglaubliches Glück. Boeselager, der mit seinen Reitern einen Gewaltritt von 200 Kilometern hinter sich hatte, um rechtzeitig in Berlin zu sein, kehrte unbemerkt an die Ostfront zurück. Bruder Georg hatte ihm telegraphiert "Zurück in die alten Löcher." Den Zettel hat der Freiherr heute noch. Boeselager geriet nicht in die Fänge der Gestapo, weil Tresckow Selbstmord verübte und Widerstandskämpfer Fabian von Schlabrendorff auch unter Folter keine Namen preisgab.

"Vom obrigkeitstreuen Spross des rheinischen grundbesitzenden Adels zum Sprengstoffschmuggler und Hochverräter" - so hat ein Historiker den Weg Boeselagers charakterisiert. Das Wörtchen "obrigkeitstreu" will der Freiherr schnell streichen. "Als rheinischer Katholik war man alles andere als Preußen-hörig", darauf besteht er ausdrücklich. Deutsch-nationales Denken allerdings war während der Weimarer Republik nicht verpönt am linken Rheinufer - allein schon aus Opposition zur Besatzungsmacht Frankreich. "Dass der Staat als solcher unrecht und unmoralisch handeln könnte, dieser Gedanke passte damals einfach nicht in unsere Köpfe", sagt Boeselager. Selbst nach dem Pogrom gegen die Juden im November 1938 hoffte er noch, dass die staatlichen Institutionen gegen die SA durchgriffen.

Dass der Freiherr trotz allem Staat und Partei kritisch beobachtet hat und schließlich zum Widerstand bereit war, führt er nicht zuletzt auf die Erziehung im von Jesuiten geleiteten Gymnasium in Bad Godesberg zurück. "Die haben uns beigebracht, viele Fragezeichen zu machen", erinnert er sich. Fragezeichen, die auch die überzeugten Preußen und evangelischen Christen in der Widerstandsgruppe um Tresckow setzten. "Das war mein Aha-Erlebnis bezüglich Preußen und Protestantismus", sagt er schmunzelnd. "Im Widerstand ist auch die Ökumene gewachsen." Den 60. Jahrestag des Hitler-Attentats am 20. Juli will der Freiherr in Berlin verbringen und mit seinen Enkeln den Gottesdienst in der Gedenkstätte Plötzensee feiern. "Denn das ist das Beeindruckenste: Der Gottesdienst unter den Haken, an denen viele meiner Bekannten und Freunde damals aufgehängt wurden. Keine schöne Erinnerung, aber eine wichtige."

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen