Lade Inhalte...

Nur drei Tage fehlten bis zur Befreiung

In Bensheim ermordete die Gestapo kurz vor Einmarsch der Amerikaner noch zwölf Häftlinge und zwei amerikanische KriegsgefangeneDer gebürtige Bensheimer und ehemalige Oberbürgermeister von Fulda, Wolfgang Hamberger, hat als Dreizehnjähriger die Ereignisse miterlebt. In seinem neuen Buch "Faszination Amerika - Biografie einer Freundschaft von der NS-Zeit bis heute" fasst er seine Eindrücke dieses Tages zusammen: "Mord vor unserer Haustür, und die Erwachsenen haben nichts gehört und nichts gesehen."

24.03.2005 00:03
Von FRANK W. METHLOW
Drei Tage nach den Kirchbergmorden, am 27. März 1945, marschieren die Amerikaner durch die Bensheimer Innenstadt. Foto: Stadtarchiv Bensheim

Vergangenen Samstag in Bensheim - vor dem Sandsteinbau des ehemaligen Amtsgerichts in der Wilhelmstraße sammeln sich rund 50 Menschen. Gut die Hälfte von ihnen deutlich unter 25 Jahre alt. Auch sie sind dem Aufruf der Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger gefolgt zum Gedenken an die Kirchbergmorde vor 60 Jahren. Die jungen Leute gehören zur Bensheimer Antifa-Gruppe.

Das Gedenken an die Ereignisses ist inzwischen feste Einrichtung im Bensheimer Jahresablauf. Mittlerweile ist es Brauch, alle zehn Jahre den letzten Gang der Ermordeten nachzuvollziehen bis hin zur Hinrichtungsstätte im Wald am Hang des Kirchberges.

Dort, auf einem schlichten rohen Granitstein, sind die Namen jener zwölf Menschen festgehalten, die die Gestapo drei Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner aus dem inzwischen abgerissenen Gefängnis im Hof des alten Amtsgerichts holte und dann zur Hinrichtung führte. Ihr Weg führte sie vorbei an der Gestapo-Zentrale in der ehemaligen Taubstummenanstalt. Dort waren am Tag zuvor bereits zwei amerikanische Kriegsgefangene ermordet worden. Weiter führt der Weg die Kirchbergstraße hinauf, durch die Ernst-Ludwig-Straße bis hin zu dem steilen Anstieg auf den Kirchberg am Metzendorfbrunnen, Ecke Dürerstraße.

Dort wagen vor sechs Jahrzehnten der Russe Alex Romanow und die Offenbacherin Gretel Maraldo einen fast hoffnungslosen Fluchtversuch. Während Romanow mit einem Wadenschuss die Flucht gelingt, bleibt Gretel Maraldo tödlich getroffen zurück.

Der Rest der Gefangenen wird von den Gestapo-Schergen in den Brunnenweg getrieben. Am Nachmittag des 23. März werden die Franzosen Eugene Dumas und Lothaire Delaunay, der Niederländer Frederik Roolker, Rosa Bertram, Erich Salomon, Walter Hangen, Lina Bechstein, Jakob Gramlich, und drei bis heute nicht identifizierte Gefangene einer nach dem anderen mit Genickschüssen hingerichtet. Auch der Pole Johann Goral wird von hinten erschossen. Aber Goral wird nur verletzt und stellt sich tot. In einem unbeobachteten Augenblick schlüpft er aus seinem Mantel und rettet sich in den Wald.

Die Menschen wurden erschossen, weil sie jüdischer Abstammung waren oder Kriegsgefangene, oder Zwangsarbeiter, weil sie den Krieg nicht weiter mitmachen wollten oder weil sie ganz einfach denunziert worden waren.

"Mord vor unserer Haustür"

Der gebürtige Bensheimer und ehemalige Oberbürgermeister von Fulda, Wolfgang Hamberger, hat als Dreizehnjähriger die Ereignisse miterlebt. Mit einem Freund zusammen konnte er am Metzendorfbrunnen den Zug beobachten: "In der Mitte sind ein paar ganz junge Soldaten. Sie machen auf uns einen verzweifelten Eindruck, einige weinen. Das kann nichts Gutes bedeuten. Uns berührt das sehr, denn diese Soldaten sind nicht viel älter als wir." In seinem neuen Buch "Faszination Amerika - Biografie einer Freundschaft von der NS-Zeit bis heute" fasst er seine Eindrücke dieses Tages zusammen: "Mord vor unserer Haustür, und die Erwachsenen haben nichts gehört und nichts gesehen."

Gegen diese Art des Wegsehens demonstrieren am Samstag auch die jungen Antifa-Mitglieder. Sie wollen mit ihrem Marsch auf den Kirchberg auch ein Zeichen setzten "gegen den nur aus rechtsextremen Kreisen kommenden Geschichtsrevisionismus", erklärt Sprecher Dennis Fischer. "Immer öfter und vehementer wird von rechter Seite eine Umdeutung der Geschichte versucht. Leider auch mit zunehmendem Erfolg." Nicht mehr die individuelle Verantwortung unter der Diktatur, die aktive Teilhabe der Volksgenossen und Parteimitglieder an der nationalsozialistischen Terrorherrschaft stehe heute im Zentrum der Debatte. Betont werde die passive Rolle als Leidtragende von Bombenkrieg und Vertreibung. Fischer: "Wenn alle zu Opfern werden, vermengt man zwangsläufig die deutschen Opfer des Krieges mit den Leichen der Konzentrations- und Vernichtungslager." Diesem Zustand gelte es entscheidend entgegenzuwirken.

Und auch Eva Petermann vom Deutschen Gewerkschaftsbund mahnte an, dass eine solche Verschiebung, bei der die deutschen Opfer plötzlich im Vordergrund stünden, nicht hinzunehmen sei. Petermann: "Wir müssen aller Opfer gedenken." Auch seien die Versprechen der Nachkriegstage bis heute nicht eingelöst. Petermann: "Eine Enteignung der Rüstungskonzerne hat bis heute nicht stattgefunden."

Die Morde am Kirchberg am 23. März 1945 und die Erschießung der beiden amerikanischen Soldaten am Tag zuvor wurden zumindest teilweise gesühnt. Der Leiter der Gestapo-Dienststelle Bensheim SS-Sturmbannführer Richard Fritz Girke, sein Stellvertreter Oberscharführer Heinz Hellenbroich, der Oberscharführer Franz Karl Stattmann und der Sturmscharführer Michael Raaf wurden von den Amerikanern nach Kriegsende wahrscheinlich in Tirol aufgetrieben und festgenommen. Am 10. Januar 1947 begann in Dachau vor einem US-Militärgericht der Prozess. Die Urteile wurden am 17. und 18. März des gleichen Jahres gesprochen. Girke, Hellenbroich, Stattmann und Raaf wurden zum Tode durch den Strang verurteilt. Die Vollstreckung wurde zunächst aufgeschoben. Nachdem Gnadengesuche abgewiesen worden waren, wurden sie am 18. Oktober 1948 hingerichtet.

Heute um 14 Uhr hat der Magistrat der Stadt Bensheim zum stillen Gedenken an die Gedenkstätte auf dem Kirchberg eingeladen.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum