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Internierungslager mit eigener Zeitung und Universität

In Darmstadt hielten die Amerikaner nach Kriegsende bis zu 25 000 Nazi-Verdächtige fest / 1945 erster Kriegsverbrecherprozess

30.03.2005 00:03
ASTRID LUDWIG
Das US-Internierungslager an der Darmstädter Rheinstraße. Eine Stadt innerhalb der Stadt, in der auch der Mussolini-Befreier Skorzeny zeitweilig inhaftiert war. Foto: Stadtarchiv

Darmstadt · 29. März · Darmstadt war damals Landeshauptstadt und das Lager an der Rheinstraße eine der zentralen Sammelstellen. Es befand sich auf dem Kavalleriesand, auf dem Gelände der stark beschädigten Reiterkasernen. "Civil Internment Enclosure 91", kurz CI Camp 91 genannt. Seit März brachten die Amerikaner Nationalsozialisten hierher, die sie in ganz Hessen und Deutschland aufgegriffen hatten. Umgeben von Stacheldraht und Wachtürmen stand auf dem heutigen Telekom-Gelände Zelt an Zelt. Bis zu 25 000 Internierte aus allen NS-Bereichen wurden im Camp festgehalten.

"Alle möglichen Leute haben die Amerikaner damals verhaftet", weiß Stadtarchivar Peter Engels aus den Akten. Darunter so genannte Mitläufer, hohe Parteifunktionäre, aber auch politische Gefangene, Kommunisten oder Juden, die aufgegriffen, fälschlicherweise festgesetzt und später wieder freigelassen wurden. In den Archiven, so Engels, liegen ausführliche Namenslisten. Im Lager an der Rheinstraße waren NS-Obere wie der ehemalige Kasseler Oberpräsident Prinz Philipp von Hessen interniert, örtliche Parteigrößen, Dorfschul- und Hochschullehrer, Polizisten, Gestapoangehörige, SA- oder SS-Führer.

Engels nennt als einen der bekanntesten Häftlinge den SS-Obergruppenführer Otto Skorzeny. Skorzeny war am "Unternehmen Eiche" beteiligt, das im September 1943 Italiens Diktator Mussolini in den Abruzzen befreite. 1944/45 bildete er Angehörige der Untergrundorganisation "Werwolf" aus. Zusammen mit Otto Ernst Remer schlug er den Widerstand um Stauffenberg nieder. Am 15. Mai 1945 in der Steiermark verhaftet, wurde Skorzeny vor dem amerikanischen Kriegsverbrecher-Tribunal in Dachau angeklagt, jedoch freigesprochen. Einer Bestrafung durch deutsche Behörden entzog er sich im Juli 1948 durch Flucht aus der Haft in Darmstadt. Er tauchte in Spanien unter.

Archivunterlagen vermitteln ein Bild des Lagers. "Das war wie eine Stadt innerhalb der Stadt", sagt Peter Engels. Nicht allein von den Ausmaßen her. Es existierte eine gewählte Selbstverwaltung, eine eigene Lagerpolizei, ein separates Frauenlager und eine eigene - bei "Stars and Stripes" in Pfung-stadt hergestellte - Lagerzeitung mit dem Titel "Die Bergstraße". Die Häftlinge wurden beschäftigt, es gab ein Sportprogramm, Versorgungsbetriebe und Werkstätten, ein Lager-Theater und sogar eine Universität für die Internierten. Für Unmut bei der Bevölkerung, berichtet der Stadtarchivar, sorgte aber vor allem die Tatsache, dass die Inhaftierten täglich eine größere Essensration bekamen, als so mancher Stadtbewohner auf dem Tisch hatte.

Im Lager warteten die Häftlinge auf ihre Entnazifizierung oder den Strafprozess. Jeder über 18 Jahre musste seine politische Vergangenheit in einem Meldebogen ausführlich offen legen Ein von der Besatzungsmacht eingesetzter öffentlicher Kläger entschied über die Einreihung in fünf Sühnegruppen: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete mit Bewährung, Mitläufer, Entlastete. Noch vor Eröffnung der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse trat im Juli 1945 im Darmstädter Amtsgericht das erste Kriegsverbrecher-Tribunal auf deutschem Boden vor einem amerikanischen Militärgericht zusammen. Elf Angeklagte, darunter zwei Frauen, wurden von der Militärregierung des Lynchmordes an sechs Soldaten eines US-Bombers angeklagt, der bei Groß-Gerau abgeschossen worden war.

Das Internierungslager "CI Camp 91" wurde am 1. November 1946 an die Deutschen übergeben, von 1948 an war es nicht mehr belegt und wurde 1950/51 aufgelöst.

Weitere Berichte im Chronik 1945 im Dossier 60 Jahre Kriegsende

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