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Im Schutz der roten Felsen - Bunker auf Helgoland

Bunkerbau begann in der Kaiserzeit

19.04.2005 00:04
IMKE ZIMMERMANN (HELGOLAND, AP)

An der Oberfläche von Deutschlands einziger Hochseeinsel sonnen sich die Gäste, baden, genießen das pollenfreie Klima, geben sich die Klinken der Duty-Free-Shops in die Hand. Im Innern des roten Felsens umfängt Stille die Besucher, Algen und Salpeter-Kristalle überziehen die Wände gekalkter Gänge, an manchen Stellen sammelt sich das Wasser. Rund zehn Kilometer lang war dieses unterirdische Tunnel- und Raumsystem einmal. Die Zivilschutzbunker, die den Helgoländern im April vor 60 Jahren das Leben retteten, sind heute eine Attraktion für historisch Interessierte.

8.000 bis 10.000 Menschen lassen sich den Angaben zufolge jährlich die Anlagen zeigen. "Seit Jahresbeginn gab es schon mehr als 200 Anfragen", sagt Jürgen Geuther, Chef des ehrenamtlich geführten Museums.

Die Touristen werden von zwei Gängen mit insgesamt 370 Metern Länge angelockt, zu denen man über große, mit zwei Auf- und Abgängen ausgestaltete Treppe hinabsteigt. An den Wänden von stehen Bänke, darunter konnten die Schutzsuchenden in Kisten einige Wertsachen verstauen. "Jede Familie hatte ihren angestammten Platz", berichtet Bunker-Führer Dieter Teuber.

Beim Marsch durch "Fuchsbau" und "Weddigen-Stollen" weist der 68-Jährige die Besucher auch auf verschiedene davon abzweigende Räume hin. In einem zum Beispiel standen die Wasserklosetts. Ein anderer diente als Küche, ein dritter als Schulraum, "doch Unterricht wurde hier nie abgehalten", erzählt Teuber.

Die Geschichte der unterirdischen Anlagen reicht bis in die Kaiserzeit zurück. 1890 hatte Kaiser Wilhelm II die strategisch wichtige Insel vor der Deutschen Bucht von den Engländern gegen Sansibar eingetauscht und ließ sie zur Seefestung hochrüsten. In den weichen Buntsandsteinfelsen wurden Stollen für ein Lazarett, Munitionslager und eine Kaserne getrieben.

Schon 1935 begannen die Nationalsozialisten mit der Wiederbefestigung der nach dem 1. Weltkrieg weit gehend zerstörten militärischen Anlagen. Und das im weit größeren Stil, denn das 60 Kilometer vor dem Festland gelegene Helgoland sollte einer der größten eisfreien Seehäfen Europas werden.

Rund 4.000 Soldaten waren damals auf der nur einen Quadratkilometer großen Insel stationiert, etwa 2.500 Helgoländer lebten dort. 1941 war Helgoland erstmals Ziel von Luftangriffen - der Bau der Zivilschutzbunker begann. Fortan musste die Bevölkerung darin häufig Schutz suchen, denn die Insel lag in der Einflugschneise der Alliierten auf Norddeutschland.

7.000 Bomben auf Helgoland

Ihre Feuertaufe bestanden die Bunker am 18. April 1945. Gegen 12 Uhr dröhnten die Sirenen, die Menschen stürzten in das unterirdische Höhlensystem. "Wir hatten alles das Gefühl, es könne lange dauern", erinnert sich Erni Rickmers, Schwester des Helgoländer Kinderbuchautors James Krüss. Dann kamen die Einschläge, "im Bunker war es mucksmäuschenstill".

104 Minuten dauerte der Angriff, 1.000 britische Flieger warfen dabei etwa 7.000 Bomben ab, haben Historiker ermittelt. Doch starben angesichts der Gewalt des Angriffs offenbar nur relativ wenige Menschen, die sich nicht rechtzeitig ins Felsinnere gerettet hatten. Die Angaben schwanken zwischen 128, darunter zwölf Zivilisten, bis hin zu einer Gesamtzahl von 285 Todesopfern.

Dieser folgenschwerste britische Angriff hatte indes fast alle Gebäude dem Erdboden gleich gemacht. Die Bewohner mussten noch einen weiteren Tag in den Bunkern ausharren, in der Nacht zum 20. April 1945 begann die Evakuierung aufs Festland - der Beginn eines bis 1952 dauernden Exils.

Nach der Rückkehr der Helgoländer auf die Insel gerieten die Bunker zunächst in Vergessenheit. Nur der Kuba-Krise 1962 ist zu danken, dass sie nicht gänzlich verfallen sind. In Tag- und Nachtarbeit wurden damals "Fuchsbau" und "Weddigen-Stollen" wieder hergerichtet und zum Beispiel mit ganz neuen Lichtleitungen ausgestattet.

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