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Im Rausch der Selbstherrlichkeit

Christiane Kohl spürt den deutschen Kriegsverbrechen in Italien während des Zweiten Weltkriegs nach / "Wir waren ein bissel rücksichtslos"

30.03.2005 00:03
ELKE SCHUBERT

Als Bündnispartner der Achse Rom-Berlin waren die Italiener selbst unter Benito Mussolini den Nationalsozialisten immer suspekt erschienen. In den besetzten Ländern missachteten sie die Befehle der Deutschen zugunsten der verfolgten jüdischen Bewohner, und auch der Entrechtung der Juden in Italien durch entsprechende Gesetze setzten sie nur zögerlich um. Hinzu kamen der wachsende Widerstand gegen den Faschismus, kämpfende Partisanen und ein immer lauter werdender Unwille von großen Teilen der Bevölkerung.

Die Italiener wurden von den Machthabern in Deutschland als zu lasch eingestuft, sie galten als unzuverlässig, wie Erich Kubys leider vergriffenes Buch Verrat auf Deutsch detailreich belegt. Nach Mussolinis Sturz im Sommer 1943 vereinbarte die neue Regierung schließlich einen Waffenstillstand mit den Alliierten, die sich vom Süden aus immer weiter ins Land vorkämpften. Zu diesem Zeitpunkt begannen in zahlreichen Dörfern Nord- und Mittelitaliens die Massaker der Deutschen

Die meisten Verbrechen an Zivilisten, die deutsche Soldaten in der Zeit von 1943 bis 1944 begingen, sind bis heute nicht gesühnt und auch nicht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen. Mehr als 10 000 Zivilisten fanden innerhalb eines knappen Jahres den Tod. Sie wurden erschossen, erschlagen und in geschlossenen Häusern verbrannt. Erst in den neunziger Jahren begann die deutsche Justiz, sich ernsthaft mit diesen Kriegsverbrechen zu beschäftigen, während in den Jahrzehnten zuvor Staatsanwälte angesichts der Zeugenprotokolle in den Akten vermerkt hatten, dass die Italiener "als Südländer zu Übertreibungen" neigten. Aber auch in Italien schwieg man, zum einen aus Rücksicht gegenüber dem Nato-Partner Deutschland, zum anderen wegen der zahlreichen Touristen aus der Bundesrepublik, die ins Sehnsuchtsland Italien strömten.

Die Flüchtlinge von Sant' Anna

Die Italien-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung, Christiane Kohl, ist eine profunde Kennerin des Landes und hat sich in einer Artikelserie des Themas angenommen. Kohl besuchte die betroffenen Orte, befragte Zeitzeugen in Italien und Deutschland. Ihre Artikel sind inzwischen in einem Buch zusammengefasst, das auf eindrückliche Weise Verborgenes wieder sichtbar macht. Ausgehend von dem Massaker im toskanischen Bergdorf Sant'Anna di Stazzema, bei dem mehr als 500 Bürger von SS-Männern umgebracht wurden, spannt Kohl den Bogen bis in die Gegenwart hinein, in der diese Gräueltaten nur zögerlich ans Tageslicht kommen. Sie berichtet auch vom Schicksal einzelner Personen wie dem jüdischen Kaufmann Abramo Bonomi, den italienische Polizisten vor einer Razzia warnten und der dennoch seinen Häschern nicht entkam, oder von einem Cousin Albert Einsteins, der in einem Versteck überlebte und sich unmittelbar nach dem Krieg das Leben nahm, weil seine Familie an einem einzigen Tag ausgelöscht worden war.

Bis heute ist nicht geklärt, warum die Deutschen am 12. August 1944 in Sant'Anna wüteten. Hunderte von Flüchtlingen hatten sich in dem entlegenen Ort versteckt, weil sie glaubten, dort in Sicherheit zu sein. Nur durch einen Zufall wurden in den neunziger Jahren die NS-Unterlagen von einem italienischen Historiker in Washingtoner Archiven entdeckt, so dass ein Verfahren eingeleitet werden konnte. Kohl schildert minutiös den Einfall der SS-Männer, sie sprach mit Überlebenden, die damals noch Kinder waren, sich unter Stufen oder hinter Türen versteckten und ansehen mussten, wie ihre Familien getötet wurden.

"Wir waren ein bissel rücksichtslos", sagt ein früherer SS-Mann der Panzergrenadierdivision im Gespräch mit der Autorin - und diese Untertreibung trifft mehr als jede Schilderung des Massakers. Die meisten Täter blieben unbehelligt und konnten ungestört ihren Lebensabend beispielsweise im spanischen Rentnerparadies Dénia verbringen, wie Anton Galler, einer der Verantwortlichen des "Einsatzes".

Mit und ohne "Führerbefehl"

Aber auch außerhalb Italiens verfolgten die Deutschen den einstigen Bündnispartner nach dem Zusammenbruch des Mussolini-Reiches gnadenlos. Zu trauriger Berühmtheit gelangte die griechische Insel Kephalonia, auf der im September 1943 mehr als 5000 italienische Soldaten von deutschen Gebirgsjägereinheiten erschossen wurden, unter Missachtung aller Vorschriften der Genfer Konventionen für die Behandlung von Kriegsgefangenen.

Das dokumentierte Kriegstagebuch eines Gebirgsjägers schildert den erschütternden Ablauf der Ereignisse, allerdings bezweifelt der geschockte Tagebuchschreiber einen "Führerbefehl…, alle Männer der Division Acqui, gegen die wir angetreten sind, zu erschießen" und vermutet eher einen "Rausch der Selbstherrlichkeit der Kommandeure".

Kohl deckt etliche Skandale auf, die zudem belegen, dass sich die Deutschen nie ernsthaft mit den Kriegsverbrechen in Italien auseinander gesetzt haben: 650 000 italienische Soldaten sind als Zwangsarbeiter ins Reich verschleppt worden. Ihren Antrag auf Entschädigung lehnte man mit dem Hinweis ab, dass sie als Kriegsgefangene keinerlei Ansprüche erheben dürften, obwohl auch hier die Genfer Konventionen massiv verletzt wurden.

Christiane Kohl ist all diesen Ungeheuerlichkeiten mit eindeutiger Parteilichkeit für die Opfer nachgegangen, dabei hat sie jene (wenigen) Deutschen nicht vergessen, die den Bedrohten zur Seite gestanden haben. Doch leider fehlen Datumsangaben und nähere Erläuterungen, so dass man beispielsweise nicht weiß, wann der geschilderte Prozess über das Massaker in Sant'Anna begonnen und ob er bereits zu einem Ergebnis geführt hat. Eine Überarbeitung der Artikel hätte diesem wichtigen Buch gut getan.

Serie: Bibliographie und Rezensionen zum Kriegsende

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