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Hörsaal VI Busenattentat im Raum für Ideen

Mit dem Hörsaal VI verbindet sich bis heute das fiese "Busenattentat" auf Adorno - heute werden dort trockene Betriebswirtschaftsfakten vermittelt. Von Anne Lemhöfer

DocCenter
Frankfurter Studenten hatten an Adorno (Mitte) viele Fragen - auch außerhalb des Hörsaales. Foto: FR/Harald Meisert

Hier vorne hat er immer gestanden. Und um die Vorlesung "Ästhetik II" zu hören, kamen sie alle. Rappelvoll war der Hörsaal VI der Frankfurter Universität fast immer, wenn er da stand. Theodor W. Adorno, von Fans liebevoll Teddy oder lässig T.W.A. genannt. Er soll in den 60ern veranlasst haben, dass die Wände des größten verfügbaren Saals im obersten Stock des Hörsaalgebäudes in der Mertonstraße grau gestrichen wurden, komplett grau. Damit nichts von der Philosophie ablenkte, nichts von der reinen Lehre.

Dass das dann trotzdem passierte, hier im Hörsaal VI, das ist Geschichte, und es ist nicht die schönste, die es aus diesen Jahren zu erzählen gibt. Vom berühmten "Busenattentat", davon, dass Studentinnen sich hier an diesem Ort vor seiner Nase entblößt hatten, hat sich Adorno nie wieder erholt. Der Hörsaal VI ist legendär, aber nicht nur deshalb. 40 Jahre ist das her, oder 42 oder 41 oder 39, je nachdem, was man als denkwürdigstes Ereignis in "Römisch sechs" bezeichnet, die Theorie oder die Praxis.

Vielleicht muss man die Geschichte rückwärts erzählen. 2008, an einem Regentag um die späte Mittagszeit jedenfalls ist alles sehr theoretisch im sechsten Stock. Die längst nicht mehr graue, sondern weltfrauentagslilafarbene Tür steht auf, sonst wird es so schnell stickig. Vor allem die großen Grundstudiums-Veranstaltungen der Wirtschaftswissenschaftler finden jetzt in "HS VI" statt, die Titel sind noch knapper gehalten als "Ästhetik II", heute zum Beispiel sind hunderte Leute zusammengekommen, um etwas zu hören, das "JOFI:IALO" heißt. Es ist kurz nach 14 Uhr, es prasselt gut hörbar auf das Dach, und da, wo vor 40 Jahren Adorno stand, steht heute Hans Dieter Mathes, BWL-Professor. Er fummelt an den Einstellungen seiner Power-Point-Präsentation herum.

Richtiges im Falschen

Ob es tatsächlich kein richtiges Leben im Falschen gibt, also wirklich überhaupt gar keines, und wenn nein, weshalb nicht, das ist im Moment sowas von egal, die Stifte, die über Collegeblöcke kratzen, malen die "konvex gekrümmte Indifferenzkurve" ab, die man auf der Leinwand sieht. Dann spricht Hans Dieter Mathes. "Weitere Fragen? Wenn dem nicht so ist, dann schauen wir uns das mit dem Haushaltsgleichgewicht nochmal an." Gegen das mit dem Haushaltsgleichgewicht hat niemand was einzuwenden. Vorne entsteht eine neue Kurve.

Für Kapitalismuskritik ist der Hörsaal VI also nicht mehr da. Auch draußen vor der Tür sind eindeutig 40 Jahre vergangen. Da hängt ein Werbeplakat des Mobilfunkanbieters E-Plus: "Günstiger telefonieren geht über studieren." Am 6. Dezember 1968 forderten Studenten in diesem Treppenhaus eine Demokratisierung der Uni. Währenddessen beschloss das Konzil, die Studentenschaft mit 20 Prozent der Stimmen an seiner Sitzung zu beteiligen. Es entsprach damit dem Wunsch des Asta, der am nächsten Tag 30 Prozent Beteiligung forderte. Mit einem Teach-in im Hörsaal VI, auf dem der Entwurf einer neuen Satzung beraten wurde, ging das Jahr, um das sich gerade alles dreht, zumindest hochschulpolitisch am 19. Dezember zu Ende.

Der Aufzug zuckelt heute ziemlich lahm in den sechsten Stock und zurück nach unten in den Regen, das war wohl schon immer so, auch wenn man sich nicht vorstellen kann, dass in vier Jahrzehnten nichts daran repariert wurde. Aber es ist noch derselbe, ganz bestimmt. Der Publizist Michael Rutschky erinnert sich daran, hier drin mal als Student seinem Idol T.W.A. begegnet zu sein. Adorno habe zu ihm gesagt, die Studenten sollten doch mal gefälligst gegen diese grässlich langsamen Fahrstühle protestieren.

T.W.A.-Anekdoten gibt es viele, nicht alles ist verbürgt, das berühmteste Ereignis, das vor den Klappsitzen im "Sechser" geschah, aber schon. Das "Busenattentat" wurde jedoch mehr als eine Fußnote der Studentenproteste, mehr als eine Anekdote. Es wurde zum Drama. "Ich gebe Ihnen fünf Minuten Zeit. Entscheiden Sie, ob meine Vorlesung stattfinden soll oder nicht." Für Theodor W. Adorno ist es an diesem 22. April 1969 nicht das erste Mal, dass Studenten seine "Einführung in das dialektische Denken" mit Zwischenrufen stören - er ist auch nicht der einzige Professor, dem das widerfährt.

Demütigung des Lehrers

In dem Moment, als er seinen Satz beendet hat, treten drei Studentinnen in Lederjacken auf ihn zu. Sie umringen ihn, versuchen ihn zu küssen und reißen sich die Jacken auf: Darunter kommen ihre Brüste zum Vorschein. Das ist mehr als eine Kampfansage an den 65-Jährigen. Die Initiatoren wollen ihren Lehrer demütigen. Geschockt greift der Sozialphilosoph seine Aktentasche, hält sie sich schützend vors Gesicht und läuft in Tränen aufgelöst aus dem Hörsaal. Hinter sich vernimmt er Johlen und Gelächter. "Wer nur den lieben Adorno lässt walten, der wird den Kapitalismus ein Leben lang behalten" steht an der Tafel, mit Kreide, ungefähr da, wo 39 Jahre später die konvex gekrümmte Indifferenzkurve per Mausklick erscheint und verschwindet.

Es war die letzte Vorlesung, die Theodor W. Adorno in seinem Leben gehalten hat. Wenige Wochen später stirbt er im Urlaub in der Schweiz an einem Herzinfarkt.

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