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Götz Alys "Unser Kampf" 68, ungenau

Die Bundeszentrale für politische Bildung verbreitet Götz Alys Buch "Unser Kampf" mit Fehlern.

06.05.2008 00:05
MATTHIAS THIEME

Götz Alys ruft mit seinem Buch "Unser Kampf 1968" bei Fachleuten Verwunderung hervor - nicht nur wegen manch steiler Thesen, sondern wegen einer Reihe von gravierenden Sachfehlern, die jetzt entdeckt wurden.

So behauptet Götz Aly, der Polizist Karl-Heinz-Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno erschoss, sei für diese Tat verurteilt worden. "In zweiter Instanz wurde Kurras 1970 zu zwei Jahren Haft verurteilt, saß vier Monate ab und blieb bis zu seiner Pensionierung 1987 im Westberliner Polizeidienst tätig", heißt es auf Seite 27 des Buches. Doch die Gerichtsurteile der verschiedenen Verfahren belegen: Diese Behauptung ist falsch. "Es gibt keinen Zweifel daran, dass Kurras niemals verurteilt wurde", sagt der Berliner Journalist und Herausgeber Uwe Soukup. Er hat das akribisch recherchierte Buch "Wie starb Benno Ohnesorg?" verfasst. "Kurras hat mir selbst bestätigt, dass er nie in Haft saß", sagt Soukup.

Beim S. Fischer Verlag, in dem Alys Buch erscheint, heißt es, man prüfe den Vorwurf. Aly war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Fehler gebe es bei Büchern immer wieder, sagte Lektor Walter Pehle der FR. Man könne nicht jedes Detail nachprüfen.

Kopfschütteln bei den Kennern

Doch die Kurras-Passage ist nicht die einzige Stelle im Buch, die bei Kennern der Materie Kopfschütteln auslöst. Die Studenten hätten sich 1968 nicht mit den großen Prozessen gegen NS-Täter beschäftigt, lautet eine weitere These von Aly. Dabei seien im Jahr 1968 "mehr NS-Prozesse geführt" worden "als in jedem anderen Jahr", behauptet Aly auf Seite 151 seines Buches.

"Das stimmt überhaupt nicht", sagt der Archivar des renommierten Fritz-Bauer-Instituts, Werner Renz. Die hauptsächlichen NS-Prozesse hätten in den Jahren von 1963 bis 66 stattgefunden. "Es ist völlig unverständlich, warum er diesen Fehler macht", so Renz. Götz Alys Kenntnis der wichtigsten NS-Verfahren "dürfte im Jahr 2008 nicht besser sein als die der revoltierenden Studenten vor 40 Jahren", spottet der Fachmann.

Damit nicht genug. Über eine Rede des FU-Professors Richard Löwenthal, die sich kritisch mit der Studentenbewegung befasste, schreibt Aly: "Die Rede findet sich in keiner der umfangreichen Dokumentationen zur Geschichte der der Freien Universität oder der Studentenbewegung." Auch den Grund meint Historiker Aly zu kennen: Die Quellensammlungen zu den unruhigen Jahren seien "ausschließlich von einst beteiligten ehemaligen Linksradikalen erstellt, die selbstlegitimatorische Tendenzgeschichte produzierten", schreibt er auf Seite 94.

Auch dies ein Fehler: Eine der meistzitierten Quellen zur Geschichte der FU in diesem Zeitraum (die Dokumentation "Freie Universität Berlin 1948-1973 - Hochschule im Umbruch") enthält genau diese Rede Löwenthals. Aly hat die umfangreiche Dokumentation für sein Buch sogar benutzt, doch die Rede scheint er übersehen zu haben.

Sein Buch wird von heute an auch von der Bundeszentrale für politische Bildung verbreitet. Man habe einen Teil der ersten Auflage angekauft, sagte ein Sprecher. Jetzt werden die Bücher in Umlauf gebracht - mit allen Fehlern.

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