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Framkfurt 1427 Menschen, die sich den Nazis widersetzten

Frankfurt gilt manchem Historiker nicht als Stadt des Widerstandes, weil der Blick erst allmählich über die Verschwörer des 20.Juli hinaus geht

Im Preungesheimer Gefängnis an der Homburger Landstraße unterhielten die Nazis eine Hinrichtungsstätte, wo 100 Menschen, die sich widersetzt hatten, ermordet wurden. Die Gedenkstätte nennt die Namen. Foto: FR

Es gab die Männer des 20.Juli, den militärisch-bürgerlichen Widerstand. Es gab den Widerstand der kleinen Leute, die folgenschweren Widersetzlichkeiten, die Aktionen der Flugblattschreiber, die illegalen Zirkel, die Kuriere. Es gab auch den "Rettungs-Widerstand" (Arno Lustiger) derer, die anderen das Überleben ermöglichten. Für den Frankfurter Historiker Walter Pehle, Herausgeber des "Lexikons des Deutschen Widerstandes", sind gegenüber all dem die Taten der Verschwörer des 20.Juli seit Jahren "hochgequatscht" worden: "Es waren halt sehr formulierungsfreudige Familien."

Nicht nur Stauffenberg

"Die Offiziersgruppe um Stauffenberg bildete nur die Spitze des Eisbergs" kann man in diesen Tagen an den Wänden der Paulskirche lesen, in einer Ausstellung des Hessischen Hauptstaatsarchivs. 6000 widerständige Personen, Abweichler, Aufklärer, Quertreiber, würde Walter Pehle im Reich als Beteiligte am Widerstand zusammenzählen. Menschen, die Strafe, Haft, ihr Leben riskiert haben. Für Frankfurt hat die Expertin Susanna Keval 1427 Personen addiert, die nach 1933 an Aktionen gegen Boykott-Hetze und Ausgrenzungspolitik, Säuberungen und Gleichschaltung des Lebens unter die nationalistische, rassistische, kriegerische Ideologie beteiligt waren - ganz überwiegend Menschen, die aus der Arbeiterjugendbewegung kamen. Gleichwohl ist für den Historiker Dieter Rebentisch die "Stadt des Handwerks" der Nazis "kein Zentrum des politischen Widerstandes" gewesen. Das Überwachungssystem der Gestapo, des Sicherheitsdienstes, der Parteidienststellen, der Blockwarte und Spitzel habe dafür wenig Raum gelassen.

Und doch hat es die andere, die wohl tuende Seite gegeben. Noch 45 Jahre nach dem Untergang des Nazi-Unterdrückungsstaats hat die Stadt Frankfurt zwischen 1991 und 1995 insgesamt 174 Menschen in Frankfurt gefunden, die für ein Aufbegehren in jenen zwölf Jahren mit der damals gestifteteten Johanna-Kirchner-Medaille ausgezeichnet werden konnten. Im Namen der Sozialdemokratin Johanna Kirchner, die Elenden geholfen, sich um Verhaftete gekümmert, Verfolgten Zuflucht gegeben hatte. Dafür musste die Frankfurterin 1944 in Berlin-Plötzensee unter dem Fallbeil ihr Leben lassen. Die couragierten Männer Peter Gingold und Franz Kremer konnten in der "abgrundtiefen Einsamkeit des Widerständlers" (der Historiker Peter Steinbach) überleben und Dank dafür in Kirchners Namen erfahren (siehe Porträts unten).

Bürgerliche Familien setzen sich ein

"Liebe Gertrud", schreibt Mrs. Paul Ehrlich am 5. März 1948 in die Arndtstraße 51, "ich habe immer mit Bewunderung verfolgt, wie viel Gutes und Heldenhaftes Sie für die Opfer der Verfolgung getan haben. . ." Der Brief der Witwe des Wissenschaftlers Paul Ehrlich ist an Gertrud Roesler-Erhardt gerichtet, deren Haus im Westend laut Susanna Keval "in bestimmten Kreisen als Anlaufstelle und Unterschlupf für rassisch Verfolgte bekannt war".

Auch der Botaniker Professor Martin Möbius gibt ein Beispiel dafür, dass sich nicht alle Bessergestellten der Stadt mit "einem verhaltenen Räsonnieren über den proletenhaften Charakter der Parteibonzen" (Dieter Rebentisch) begnügt haben. In einem Brief interveniert er am 16. Juli 1935 bei Oberbürgermeister Krebs: "Vermutlich haben Sie schon gesehen, wie die Bockenheimer Landstraße durch ein riesiges antisemtisches Plakat (. . .) verschandelt worden ist. Wir Frankfurter müssen uns ja vor den die Stadt besuchenden Fremden schämen, dass hier die Judenhetze in einer so gehässigen und geschmacklosen Weise betrieben wird."

Der Student Arndt von Wedekind betreut die hierher verschleppten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, er nimmt Stellung gegen die schlechte Behandlung, wird angezeigt - und 1943 nach einem Verfahren vor dem Volksgerichtshof des Roland Freisler in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Als im Jahr 1937 der Städelschüler Bernhard Becker, der seine katholischen Jugendgruppen bestärkt hatte, einem Verbot standzuhalten, an den Folgen der "Schutz-Haft" stirbt, macht Pastor Alois Eckert das Begräbnis auf dem Hauptfriedhof vor 1000 Menschen zu einer Demonstration gegen das Regime. Der Name dieses Widerständlers ist als einer der wenigen auch im Standardwerk "Frankfurter Biographie" vermerkt; da steht, dass der Pfarrer "mutig dem Nationalsozialismus entgegentrat".

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