Lade Inhalte...

Fall Kurras Mielkes Glücksfall

Der Ohnesorg-Todesschütze Karl-Heinz Kurras war ein unheimlicher Waffennarr, ein fast perfekter Spion - und zu allem bereit. Von Bernhard Honnigfort

Das Grab des 1967 erschossenen Studenten Benno Ohnesorg und seiner Frau Christa in Hannover. Foto: dpa

Berlin. Nur kurz sah man ihn jetzt im Fernsehen. Einen Rentner an der Wohnungstür, überrascht, schlohweißes Haar, der unangenehme Fragen abwehrte. Seine Frau einen Schritt hinter ihm im Flur des Hauses in Berlin-Spandau. "Und wenn ich für die Staatssicherheit gearbeitet habe? Was macht das schon", sagte der 81-Jährige der Bild am Sonntag. "Das ändert nichts."

Am 28. Mai erscheint im Deutschland Archiv, Zeitschrift für das vereinigte Deutschland, auf den Seiten 395 bis 400 die Stasi-Geschichte des Karl-Heinz Kurras, des Mannes, der am 2. Juni 1967 in West-Berlin den Studenten Benno Ohnesorg während einer Demonstration gegen den Schah von Persien aus nächster Nähe erschoss. Recherchiert haben sie zwei Mitarbeiter der Birthler-Behörde, Helmut Müller-Engbergs und Cornelia Jabs. Sie suchten nach Akten von Stasi-Mitarbeitern und mysteriösen Todesfällen. Dabei stießen sie zufällig auf den West-Berliner Polizisten Kurras.

Es ist die Geschichte eines Waffennarren, eines geschickten Spions und eines strebsamen Polizisten, der vor nichts zurückschreckte. Die Geschichte eines düsteren Doppellebens im Kalten Krieg. Die Geschichte eines Mannes, der einen Studenten tötete und vor Gericht davonkam.

Karl-Heinz Kurras hatte am 15. Dezember 1962 seinen Aufnahmeantrag in die SED gestellt. In "ehrlicher Überzeugung", wie die Mitarbeiter der Birthler-Behörde in den Akten fanden. Die österreichische Altkommunistin Charlotte Müller hatte für ihn gebürgt. Nach einer Kandidatenzeit bekam Kurras sein SED-Mitgliedsbuch, Nummer 2002373.

Für die DDR wichtiger war der Mann allerdings als Stasi-Mitarbeiter. Im März 1950 war Kurras Polizist in West-Berlin geworden. Er arbeitete als Polizeimeister in Charlottenburg, wollte jedoch eigentlich in die DDR übersiedeln. Aber das SED-Regime hatte eine andere Verwendung für ihn: Statt Kurras einzubürgern, nahm sie ihn als Spitzel. Am 26. April 1955 verpflichtete sich Kurras laut Birthler-Bericht schriftlich zur Zusammenarbeit. Fortan führte ihn die Stasi unter dem Decknamen "Otto Bohl".

Die Stasi-Abteilung IV hatte ihn angeworben, jene Abteilung, die mit einem Briefbombenattentat auf den saarländischen Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann für Aufsehen gesorgt hatte.

Kurras wurde zum Glücksfall für Stasichef Erich Mielke und zum Alptraum für die Sicherheitsbehörden in West-Berlin. Er sollte, so sein Auftrag, in die Abteilung I gelangen, wo alles Wissen über Staatssicherheit, Spionage und Überläufer zusammenlief. Mit den Jahren gelangte er an sein Ziel: 1960 wurde Kurras Kriminalpolizist, im Januar 1965 war er angekommen: Kurras, der Stasi-Spion, arbeitete als Kriminalmeister in einer Sonderermittlungsgruppe, die Verräter in den eigenen Reihen suchte.

Was er an Informationen in Ostberlin ablieferte, übertraf angeblich die kühnsten Erwartungen der Stasi: "Das MfS hatte bald eine umfangreiche Kenntnis über alle Aktivitäten der West-Berliner Polizei gegen das Ministerium."

Die Stasi bezahlte Kurras gut - auch eine Pistole bekam er 1961 und Geld für weitere Waffen. " Waffen waren sein Leben", heißt es im Bericht. Den überwiegenden Teil seiner Freizeit verbrachte er laut Stasi auf dem Schießstand, 300 bis 400 Mark pro Monat gingen nur für Munition drauf. Laut Stasi eine "charakterliche Schwäche".

Kurras, so die Akten, hätte seine Waffen auch im Sinne seines Ostberliner Arbeitgebers benutzt. 1965 war im West-Berliner Stadtteil Neukölln ein Kriminalmeister aufgeflogen, der als IM "Heinrich Schwarz" für die Stasi gearbeitet hatte. Dessen Frau legte ein Geständnis ab. "Gebt mir den Auftrag, die würde ich umbringen, so eine Verräterin", notierte Kurras' Führungsoffizier in den Akten.

Dass er Benno Ohnesorg als Auftragsmörder der Stasi tötete, scheint "wenig wahrscheinlich", befinden Müller-Engbergs und Jabs. "Betrachten Ereignis als sehr bedauerlichen Unglücksfall", funkte die Stasi nach eigenen Untersuchungen wegen des Todesschusses auf Ohnesorg an Kurras. "Vorerst Arbeit einstellen."

Das tat er. 1976 gab es aber einen erneuten Kontakt mit der Stasi. Damals wurde er auch auf den 2. Juni 1967 angesprochen, Ohnesorgs Todestag. Die Stasi notierte dazu, "dass der Kurras von der Richtigkeit seiner Handlungsweise überzeugt ist" und "kein Mitleid in irgendeiner Form hat".

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen