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Erinnerung an die Bombennacht von 1945

Luftangriff legt in Wiesbaden ganze Straßenzüge in Schutt und Asche / Stadtarchiv plant Ausstellung und GedenkfeierMit Gedenkfeier, Ausstellung und Zeitzeugen-Interviews werden die Wiesbadener im Februar an den Luftangriff erinnern, der vor 60 Jahren 500 Todesopfer forderte und ganze Straßenzüge in Schutt und Asche legte. Britische Militärs hatten die Stadt eine knappe Stunde lang bombardiert.

14.02.2005 00:02
MARGIT FEHLINGER

Wiesbaden · 9. August · Es war Samstagabend, 2. Februar 1945, gegen 22.30 Uhr: Der Biebricher Chemiker Julius Voß wollte gerade zu Bett gehen, als die Alarmsirenen heulten. Britische Kampfverbände näherten sich von Südwesten und Nordosten der Stadt. Im Polizeibericht wird später zu lesen sein: "Etwa 300 bis 350 Feindmaschinen führten einen Terrorangriff aus." Das Wohnhaus von Julius Voß wurde von drei Bomben getroffen. Er notierte in seinem Tagebuch: "Der Adolfsplatz war mit Brandbomben bepflastert. Es brannte fast jedes Haus. Das schlimmste war das Kaufhaus, die Oranierkirche und das Zollamt. Letzteres brannte vollständig aus, ebenso ist ein Flügel des Schlosses abgebrannt."

Die Schreckensbilanz des Großangriffs kurz vor Kriegsende: 900 Sprengbomben, 29 Luftminen, 800 Phosphorkanister und 26 500 Stabbrandbomben forderten 500 Todesopfer und legten ein Drittel der Stadt in Schutt und Asche. "Wer diese Schreckensnacht miterlebt hat, wird das Motorengedröhn der feindlichen Flugzeuge, das Pfeifen der Tod und Vernichtung bringenden Bomben, die schweren Detonationen, das einem Erdbeben gleiche Schwanken des Bodens, das Krachen der zusammenstürzenden Häuser und das riesige Flammenmeer der brennenden Stadtviertel niemals vergessen", schreibt Richard Rudolph in seinem Vorwort zu einer Fotodokumentation seines Vaters. Der Wiesbadener Fotograf Willi Rudolph hatte mit seiner Kamera die Verwüstungen nach der Bombennacht für die Nachwelt festgehalten. Sie werden in einer Ausstellung gezeigt, die das Stadtarchiv zum 60. Jahrestag des Luftangriffs auf Wiesbaden vorbereitet.

Ein Bild der Hoffnungslosigkeit

Große Teile der Stadt glichen Trümmerfeldern, ganze Häuserfronten und Straßenblöcke waren weggerissen. Wiesbaden bot "ein Bild des Schreckens und der Hoffnungslosigkeit", schilderte ein Zeitgenosse. Das Kurhaus und das Theater samt der Kolonnaden zerstört, das Rathaus eine Ruine, das benachbarte Lyzeum ein Trümmerhaufen, die Marktkirche ebenso wie die Bonifatiuskirche schwer angeschlagen, das Schloss teilweise vernichtet, ebenso das Polizeipräsidium. 28 000 Wiesbadener waren obdachlos. Auch wer noch ein Dach über dem Kopf hatte, musste mit heftigen Widrigkeiten kämpfen: Bei fast allen Häusern seien die Fensterscheiben herausgeschlagen, beschreibt Julius Voß in seinem Tagebuch-Eintrag vom 5. Februar. "Ein Problem, wo überhaupt Pappe und Bretter herkommen sollen, um wenigstens in jeder Wohnung ein paar Fenster dicht zu machen, ganz davon zu schweigen, wo die Nägel herkommen sollen."

Viele Todesopfer

In den Kriegsjahren zuvor war Wiesbaden vergleichsweise glimpflich davon gekommen. Am 4. Oktober 1943 wurden über dem Wohngebiet zwischen Dambachtal und Lahnstraße Sprengbomben abgeworfen, die 29 Todesopfer forderten, in Biebrich zerstörte am 8. Februar 1944 ein Bombenteppich mehrere Wohnhäuser und einen Teil der Sektkellerei Henkell: 74 Menschen, darunter auch der Seniorchef der Firma Henkell, fanden den Tod.

Dass es in den ersten Kriegsjahren "für Wiesbaden verhältnismäßig ruhig verlief", wie Herbert Müller-Werth in einem Zeitzeugen-Bericht schreibt, nährte in der Stadt Spekulationen, dass die Amerikaner den renommierten Weltkurort als künftigen Stützpunkt zu verschonen trachteten. Doch für solche Vermutungen gibt es laut Stadtarchivarin Brigitte Streich keine Anhaltspunkte.

Die letzten Kriegsmonate nach der Bombennacht waren für die Wiesbadener desolat: Die Gleise der Straßenbahn zerstört, die Oberleitungen beschädigt, nur noch zwei Busse und zwei Triebwagen einsatzfähig, die Schulen geschlossen, nachdem permanente Luftalarme einen geregelten Unterricht nicht mehr zuließen, die Gasrohre an 220 Stellen geborsten, und das städtische Krankenhaus zu zwei Dritteln vernichtet.

Herbert Müller-Werth in seinem Bericht: "In welch krassem Widerspruch stand die trümmerreiche Wirklichkeit Wiesbadens zu dem weltbekannten Ruf von der Schönheit der stolzen Badestadt." Wiesbadens Antlitz sei durch den "unseligen Zweiten Weltkrieg in erschütternder Weise geschändet worden".

(Zuerst publiziert am 10. August 2004)

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