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"Er schätzte auch Widerspruch"

Zeitzeugen erinnern sich an ihre Begegnungen mit Fritz Bauer

16.07.2003 00:07
Markus Dobstadt

An seine erste Begegnung mit Fritz Bauer erinnert sich Johannes Warlo noch gut. Anfang der 60er Jahre war er Staatsanwalt in Wiesbaden. Generalstaatsanwalt Bauer wollte ihn für Ermittlungen gegen Martin Bormann, Parteisekretär Adolf Hitlers, nach Frankfurt holen, den man damals noch am Leben glaubte. Zum ersten Gespräch kam Warlos Wiesbadener Chef mit, der ihn gerne in seiner Behörde behalten hätte und entsprechend auf Bauer einredete.

"Nach einer gewissen Zeit", sagt Warlo, habe Bauer seinem Chef knapp erklärt, er brauche gar nicht weitersprechen: "Der Mann ist abgeordnet." Warlo selber "wurde gar nicht gefragt". Fritz Bauer war sehr durchsetzungsfähig und wusste, was er wollte. In Frankfurt war das nötig. "Wir hatten eine Justiz, die von alten Nazis beherrscht war, Bauer war da ein Weißer Rabe", berichtet Heinz Düx, der als Richter mit den Voruntersuchungen beim Auschwitz-Prozess betraut war.

Dass Bauer auch hart zu sich selbst sein konnte, zeigt folgender Vorfall. Bei der Fahrt zu einem Vortrag in Osthessen hatte er einen Unfall. Der Wagen überschlug sich, sein Fahrer wurde schwer verletzt. Den Vortrag hat Bauer dennoch gehalten.

Bemühungen aus der Justiz, den großen Auschwitz-Prozess zu behindern und in Einzeltaten aufzusplittern, erteilte er eine Absage. "Sinn des Prozesses war es ja gerade aufzuzeigen, wie die Strukturen in einem deutschen KZ waren", erklärt Düx. Oft habe Bauer, der Kontakte nach Polen knüpfte, Prozessangelegenheiten mit ihm besprochen. Im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz sei er selbst wohl nicht gewesen, meint Düx. Der Untersuchungsrichter Düx schaute sich den Schauplatz der Verbrechen an. Er schlief im früheren Zimmer des Lagerkommandanten. Als er nachts rangierende Eisenbahnen hörte, bekam er einen Eindruck davon, "wie das damals gewesen ist, als die Transporte ankamen". Im Lager wurde gerade ein Spielfilm gedreht, mit polnischen Komparsen in deutschen Uniformen und Schäferhunden.

Auf einem Feld zog Düx eine Pflanze raus - es hing ein Knochen dran. Bauer, "ein ausgezeichneter Jurist", ging rational an das Verfahren heran, in dem er 20 Menschen anklagte. Der Kettenraucher war kein Nazi-Jäger im wahren Sinn des Wortes. Ihm ging es darum, die Schuld der Täter klar ans Licht zu bringen. "Es muss vermieden werden, dass eine zweite Dolchstoßlegende entsteht", sagte er einmal. "Es waren nicht nur drei, vier Dutzend Leute an der Spitze. Es gab derartig viele Mitläufer."

Er sei gut mit Bauer ausgekommen, sagt Warlo. Der Generalstaatsanwalt mochte Leute, die ihre Meinung sagten, selbst wenn sie ihm widersprachen. "Er konnte heftig werden, ich war es auch, das hat er geschätzt", erinnert sich der Staatsanwalt im Ruhestand. Engagiert hat sich Bauer aber nicht nur für die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Er setzte sich auch stark für die Resozialisierung von Straftätern ein. Man müsse sich mit den Tätern zusammensetzen, einen Sachverständigen aus dem sozialen Bereich hinzunehmen und überlegen, wie es weitergehen könne. Er machte sich für bessere Haftbedingungen stark. Dass er bei einem Vortrag in der Haftanstalt Butzbach die Gefangenen mit "Kameraden" ansprach, war nach Warlos Meinung "nicht ganz unsinnig": "Bauer hatte ja auch gesessen, unter den Nazis."

Knapp 65 Jahre alt ist Fritz Bauer geworden. An den Julitag, an dem er starb, kann sich der ehemalige Staatsanwalt Warlo noch gut erinnern. "Es war heiß, wir hatten einen Betriebsausflug gemacht", erzählt er. Fritz Bauer sei zu einem Vortrag nach Karlsruhe gefahren und habe um 18 Uhr in das Lokal Oberschweinstiege kommen wollen. Als er um 19 Uhr noch nicht da war, "hatte ich das Gefühl, es ist etwas passiert", berichtet Warlo. Später wurde Bauer tot in seiner Wohnung gefunden.

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