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Die Normalität besichtigen

Exemplarisch zeigt Wibke Bruhns den Weg der eigenen Familie ins "Dritte Reich"

06.04.2004 00:04
ELKE SCHUBERT

Anlässlich der Vorstellung ihres Buches in einer großen Berliner Buchhandlung wurde die Journalistin Wibke Bruhns gefragt, warum es erst sechzig Jahre nach der Hinrichtung ihres Vaters erscheine und was sie aus der Reise in die Vergangenheit gelernt habe. Die erste Frage war schnell beantwortet: Rücksicht auf die Verwandten und vor allem auf ihre Mutter. Aber sie sei froh über die "Verspätung", da jetzt die Selbstgerechtigkeit der jungen Jahre fehle. Die Arbeit an dem Buch habe sie verändert, sie sei vorsichtiger in ihrer Beurteilung von Menschen und Zeitgeschichte geworden.

Wie ein Mosaik haben sich in den letzten Jahrzehnten die Forschungsergebnisse über den Nationalsozialismus zusammengesetzt. Gerade die Untersuchungen über einzelne Berufsstände trugen dazu bei, dass man sich ein Bild machen kann. Zwar ist dieses Bild noch lange nicht vollständig und wird es wahrscheinlich auch nie werden, aber nach der Lektüre von Meines Vaters Land hat man die Gewissheit, dass ein weiterer Schritt getan ist: Am Beispiel ihrer großbürgerlichen Familie demonstriert Wibke Bruhns in einer Zeitspanne von rund fünfzig Jahren, wie es zur menschlich gemachten Katastrophe kommen konnte, nicht um zu entschuldigen, sondern um zu verstehen - was ein großer Unterschied ist.

Wibke Bruhns hat keinerlei Erinnerung an ihren Vater; sie war gerade sechs Jahre alt, als er wegen Hochverrats im Zusammenhang mit der Verschwörung des 20. Juli 1944 hingerichtet wurde. In Kriegszeiten kommt ein Vater selten nach Hause. Auch nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reiches" wurde wenig über ihn gesprochen. Erst eine Sendung über seine Verhandlung vor dem Volksgerichtshof, die 1979 im Fernsehen ausgestrahlt wurde, konfrontierte die ahnungslose Tochter mit der Vergangenheit. Es sollte noch einmal über zwanzig Jahre dauern, bis sie sich an die Erforschung der eigenen Familiengeschichte machte.

Eine Familie von Chronisten

Dabei konnte sie auf eine Fülle von Material zurückgreifen: Die Klamroths aus Halberstadt waren besessene Chronisten, für ihre Kinder schrieben sie Tagebücher, die auch die großen Weltgeschehnisse einschlossen, es gab einen regen Briefverkehr sowie zahlreiche Protokolle von Familientreffen, die wie durch ein Wunder die Bombardierungen in den letzten Kriegsmonaten überstanden haben. Anhand von diesem Material erzählt Bruhns die Geschichte einer Kaufmannsfamilie, deren Weg in den Nationalsozialismus als exemplarisch an gesehen werden kann. Sie hatte es zu Wohlstand gebracht, die im 19. Jahrhundert gegründete Dünge- und Futtermittelfabrik wurde in schöner Regelmäßigkeit weitervererbt, und um in den bewunderten adligen Kreisen Anerkennung zu finden, musste man es beim Militär zu einem gewissen Rang gebracht haben - auch das eine lange Tradition. Doch nun sollte sich der vorgesehene Weg, der auch vom Festhalten an dem einmal geleisteten militärischen Eid geprägt war, dramatisch verändern.

Der erste Riss zeigt sich im Ersten Weltkrieg, als aus den Kriegsspielen blutiger Ernst wird und sich der noch nicht einmal 18jährige Hans-Georg, kurz HG genannt, freiwillig zur Front meldet. Nachdem der Krieg verloren und der Kaiser in die Niederlande geflüchtet ist, muss der von Traumata heimgesuchte HG als Lehrling noch einmal von vorn anfangen. Ihm machen die Abhängigkeit von seinen Eltern und das erzwungene Warten auf die Heirat mit seiner großen Liebe mehr zu schaffen als die Wirren der Weimarer Republik. Die Ehe mit Else Klamroth stand trotz der fünf Kinder unter keinem gutem Stern. Denn dem notorischen Fremdgänger HG konnte die Ehefrau irgendwann nicht mehr verzeihen, sodass er später ohne eine Versöhnung in den Tod gehen musste.

Als Hitler, den sie wie so viele unterschätzt und für lächerlich befunden haben, 1933 an die Macht kommt, bleibt diese Zäsur fast unsichtbar und auch in der Familienchronik unkommentiert. In Bruhns' Buch bekommt der Leser ein Foto mit der demonstrativ lapidaren Unterschrift "Wir singen Hitlerlieder" zu sehen, der Vater sitzt am Klavier, die Kinder singen mit zum Hitlergruß erhobenen Arm, auch der kleinste, vielleicht gerade mal vier/fünf Jahre alt, im Hintergrund steht lachend die Mutter. Man hat sich arrangiert. Wie schnell, zeigt sich an der Tatsache, dass beim großen jährlichen Familientreffen im selben Jahr nach einem Dringlichkeitsantrag ein "Arierparagraph" in das "Familiengrundgesetz" aufgenommen wird. "Hitler ist gerade vier Monate im Amt, und wenn auch die Nazis ein atemberaubendes Tempo vorlegen, kann man nicht erst mal abwarten, ehe man sich zu deren Handlanger macht, ohne Not?", fragt sich später die Tochter, die fünf Jahre nach diesem Ereignis geboren wurde.

Von da an kann man in aller Detailliertheit und bis ins Privateste hinein eine "Normalität" zu besichtigen, die für die meisten bürgerlichen Familien in dieser Zeit wohl Konsens war: Die Kinder begeistern sich für Jugendorganisationen und Uniformen, der Vater macht zwar anfangs noch Geschäfte mit jüdischen Firmen, lässt dies aber bald bleiben. Die Nürnberger Gesetze werden begrüßt, weil sie die chaotischen Verhältnisse scheinbar regeln, und nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 regt sich die Mutter allenfalls über die Zerstörung von Sachwerten auf.

Nach langem Zögern

Der Beginn des Krieges geht dagegen an die Substanz, und erst gegen Ende, als nichts mehr zu gewinnen ist, haben sich einige Offiziere endlich zum Handeln entschlossen. Sie haben unter anderen deshalb so lange gezögert, weil sie den einmal geleisteten Eid trotz des offensichtlichen Unrechts nicht brechen wollten. Nach dem missglückten Attentat des 20. Juli werden HG und sein Schwiegersohn Bernhard Klamroth zum Tode verurteilt und kurze Zeit später hingerichtet, HG als Mitwisser, Bernhard als Sprengstoffbeschaffer.

Wie es zu einer Beteiligung an der Verschwörung kam und was HG zu diesem Schritt bewogen haben könnte, auf diese Frage hat Bruhns trotz aller Mühe keine Antwort gefunden. Die Verschwörer hatten auch engste Familienangehörige nicht eingeweiht, um sie nicht zu gefährden. Doch viel bedeutsamer als die Annäherung an den unbekannten Vater und seine Beweggründe ist, dass es der Autorin gelungen ist, die Zwangsläufigkeit und Ignoranz aufzuzeigen, mit der die Klamroths trotz aller Weltoffenheit in den Nationalsozialismus "hineinrutschten" und innerhalb kürzester Zeit jene Werte akzeptierten, welche die "rassisch" begründete Verfolgung und die Unterdrückung jeder abweichenden Anschauung implizierten. So kann man endlich am Beispiel dieser Familie eine Vorstellung gewinnen, wie es funktionierte: Zunächst war keinerlei Druck nötig, um die bürgerlichen Deutschen auf das neue System einzustimmen, vielmehr bauten die Nationalsozialisten auf Gleichgültigkeit und Familientraditionen, deren entscheidendes Element die Anpassung war.

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