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Der gute Geist der Überlebenden

Elisabeth Abendroth wird nicht müde, für die Ehre der Nazi-Verfolgten und Widerständler zu streiten

"Ich bin ein Transmissionsriemen", sagt Elisbeth Abendroth über sich. Foto: FR

Ein ziemlich hilfloser Versuch, mit Elisabeth Abendroth über Elisabeth Abendroth reden zu wollen: Die Gäste kommen, die Gäste gehen an jenem kühlen Sommermorgen im Café Hauptwache, einer aber bleibt auf Dauer präsent, der doch gar nicht mehr da sein kann, der Papa. "Papa sagt immer", "Papa war ja immer. . ." Papa ist, Papa hat, Papa musste, Papa sollte, Papa wurde. Elisabeth Abendroth verschmilzt im persönlichen Gespräch mit ihrem Vater Wolfgang Abendroth (1906-1985), dem Professor und marxistischen Sozialwissenschaftler, dem Widersetzlichen und Verfolgten, dem Fahnenflüchtigen. Einer moralischen Instanz, deren Name "von den Nachgeborenen als Verkörperung des Widerstandsgeistes gegen Hitler empfunden" wird, wie im "Lexikon des Deutschen Widerstandes" steht.

Energisch wie ein Kerl

Der Name Wolfgang Abendroth, geboren in Wuppertal, in der Frankfurter Musterschule zur Schule gegangen, ist der Nachkriegs-Generation tatsächlich geläufig. Wer aber ist seine Tochter, die liebenswürdige, groß gewachsene, rötlich gelockte Elisabeth, die mit ihren langen Beinen ausschreiten kann wie ein Kerl. Die in ihrer energischen Art und durchdringenden Stimme, wie zuletzt bei einer Gedenkveranstaltung in dieser Woche, eine ganze Paulskirche voller Schüler zu sortieren, zu dirigieren und zum Hinsetzen zu bringen vermag. Die in den Geschichten hunderter Ausgegrenzter, Verfolgter und Gequälter lebt und sie auf eine Art weiterträgt, als sei sie selbst es gewesen, die damals Johanna Kirchner traf, die bei Bruno Asch zum Mittagessen war, die mit Emil Schmidt im Chor gesungen hat, die in den 30er Jahren die Großeltern Abendroth "traurig in Frankfurt im Café sitzen" sah, weil weder sie noch die Freunde glaubten, "dass Papa die Folter überlebt".

"Ich bin ein Transmissionsriemen", sagt Elisabeth und das klingt so nach blanker Funktion, nach wenig Leidenschaft. Sie will damit sagen, ihre Person stehe dafür, dass zur Sprache gebracht wird, was zur Sprache gebracht werden muss. Wenn man das Wort näher betrachtet, steckt das Wort Mission drin, und das passt. Elisabeth Abendroth sei davon getrieben, "die Überlebensschuld des Vaters abzuarbeiten", soll der Historiker Arno Lustiger ihr schon gesagt haben, was sie gern zitiert.

Dass Überlebende der Konzentrationslager sich des Vorzugs, am Leben geblieben zu sein, gegenüber den zu Tode Gequälten schämen, verstehen nur Einbezogene, Eingeweihte - die Kreise der Verfolgten und ihrer Nachfahren. "Es ist ein Netz, weißt Du?" sagt Elisabeth und lässt das leere Milchkaffee-Glas aus einer Hand in die andere rollen. Unter dem Druck der damaligen Verhältnisse sei ein Schulterschluss entstanden, eine Zusammengehörigkeit; auch die Familie Abendroth habe sich "erweitert um alle die, die was dagegen gemacht haben, die ihr Leben gewagt haben und fliehen mussten". Und nicht selten sind es die Nachgeborenen, die die Sache umgetrieben hat.

Ein großes und ein kleines Wunder

Elisabeth, so kann man ihrem Bericht entnehmen, ist wie ein Wunder auf die Welt gekommen, damals 1947, als die Eltern in Potsdam, in der "Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ)" lebten. Das war kurz vor der nächsten Flucht, diesmal in den Westen, diesmal vor dem Stalinismus. Das "Riesen-Wunder" war, "dass man überlebt hatte". Und "dann ging es sogar weiter" - nämlich mit diesem kleinen Wunder namens Elisabeth. Ganz streng E-l-i-s-a-b-e-t-h, nicht irgendwie niedlich sollte sie heißen, so "potthässlich und rothaarig" wie sie gewesen sei. Und die geburtshelfende Schwester habe erklärt, sie habe vor Wolf Abendroth "noch nie einen Vater gesehen, der sich so gefreut hat".

Damit war also schon der Einstieg ins Leben vielseitig, was sich dann fortsetzte. Denn Menschen, die aus dem Widerstand oder der Emigration kamen, galten im Nach-Nazi-Deutschland bis in die 60er Jahre als Vaterlandsverräter. Der riesengroßen Liebe, die sie und die beiden Geschwister im Elternhaus fanden, stand die Feindseligkeit draußen vor der Tür gegenüber: "Ich bin als Outcast aufgewachsen." Es muss eine schlimme Zeit gewesen sein: "Wir haben die Eltern oft gefragt, warum wir in diesem scheußlichen Land leben müssen."

Bei so einem familiären Hintergrund kann man schon harmoniebedürftig werden; so klar die Abendroth-Tochter ("Ich bin Marxistin") ihren politischen Standpunkt formuliert, so deutlich wird ihre Sehnsucht nach Verständigung. Erst seit dem Börneplatz-Konflikt im Jahr 1987, als die Ausgrabungen von Getto-Fundamenten geschichtsbewusste Intellektuelle und heimatlose Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde gemeinsam gegen obrigkeitliches Besserwissertum aufbrachten, fühlt sie sich wirklich zugehörig, und zwar in Frankfurt: "Vorher hatte ich immer nur so getan, als ob ich eine von allen wäre."

Weil aufgrund städtischen Ratschlusses damals die meisten der Judengassen-Keller am Börneplatz unter dem Neubau der Stadtwerke verschwunden sind, setzte Kompensation ein - das, was man hier "Erinnerungsarbeit" nennt. Elisabeth Abendroth, die nach ihren Examen als Sozialwissenschaftlerin bei Medico International, bei der Arbeiterwohlfahrt, im Reisebüro, bei einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet, die gerade ihre zweite Ehe hinter sich hatte, konnte loslegen. Ihr Posten war ab 1989 im Institut für Stadtgeschichte, dem Stadtarchiv, und nannte sich "Historiker-Koordination".

"Die Leute sollen sich, verdammte Hacke, daran erinnern, was sie verloren haben", sagt E.A. im Café Hauptwache, jetzt kämpferisch. Gedenkgänge, Schweigemärsche, Erinnerungstafeln, die Einrichtung der Gedenkstätte Börneplatz; damals nach dem Börneplatz-Konflikt war etwas aufgebrochen in der an Haupt und Gliedern verwundeten Stadt. Und Elisabeth gab den Ton an: "Das ist so eine Woge geworden."

Eine Medaille für "die Ollerchen"

Endlich kam es auch zu Ehren für "meine Ollerchen": 174 damals noch lebende Verfolgte aus dem christlichen, gewerkschaftlichen, kommunistischen, sozialistischen oder sozialdemokratischen Widerstand hat die Stadt zwischen 1991 und 1995 die Johanna-Kirchner-Medaille übergeben. Viele darunter, "die kannten den Papa". Viele dazwischen, "die haben zum ersten Mal wieder darüber gesprochen". Elisabeth, getragen von Geschichts-Initiativen, verbandelt mit der Aufarbeitungs-Szene, hatte es so gewollt: "Die Leute sterben mir weg."

Da hat es der Felix (Semmelroth) eingebracht und der Andreas (von Schoeler) hat gesagt: Das machen wir. Und die Linda (Reisch) hat dann zugestimmt. So etwa fädelt sie die Reihenfolge auf; "es ist ein Netz, weißt du?"

Natürlich gab es Ärger, "weil so viele Kommunisten darunter waren". Aber Elisabeth und "die Ollerchen" hatten mehr Gewicht. Gedenktafeln, Mahnmale, Erinnerungszeichen: "Ich kann den Leuten jetzt meine Stadt zeigen".

Inzwischen hat sich die Abendroth zu einem öffentlichem Gewissen entwickelt. Leben in Ansprachen hessischer Politiker die Opfer der Nazi-Zeit auf, ist ihre Autorenschaft zu erkennen. Volker Hauff (SPD), Linda Reisch (SPD), Andreas von Schoeler (SPD), Ministerpräsident Hans Eichel (SPD), Ministerin Ruth Wagner (FDP), Ministerpräsident Roland Koch (CDU), Minister Udo Corts (CDU) - das Spektrum derer, die Elisabeths Standpunkte als die eigenen ausgeben, ist breit. Körperlich ist sie dann im Saal dabei, vielleicht klatscht sie sich Beifall. Warum sie das tut? "Für meine Zuhörer; es ist mir wichtig, dass die Leute nicht verletzt werden."

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