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Auschwitz Wie die DDR ihr eigenes Tribunal inszenierte

Im zweiten Frankfurter Auschwitz-Prozess wurden 1966 die Urteile gesprochen. Ost-Berlin verhandelte den I.G. Farben-Komplex parallel.

04.10.2001 00:10
Christian Dirks
Der ostdeutsche "Staranwalt" Friedrich Karl Kaul (l.) mit Wiese & Zsck beim Zweiten Frankfurter Auschwitz-Prozess am 14.12.1965. Foto: dpa

Im düsteren Saal 146 des alten Frankfurter Landgerichts herrschte kein Platzmangel, als am 14. Dezember 1965 das Verfahren "4 Ks 3/63 gegen Burger u. a.", besser bekannt als so genannter zweiter Auschwitz-Prozess, begann. Das Interesse in der Stadt Frankfurt, aber auch das der Presse hatte gegenüber dem ersten, dem "großen" Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963-1965) deutlich abgenommen. An diesem hatten noch schätzungsweise 20 000 Zuschauer teilgenommen. Ganze Schulklassen waren nach Frankfurt gereist, um die Verhandlung zu verfolgen, und die Berichterstattung in der Presse war beispiellos für einen NS-Prozess.

Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach Beginn des ersten Verfahrens, fünf Jahre nach dem Eichmann-Prozess und in Anbetracht einer langwierigen Debatte um die Verjährung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen in der Bundesrepublik schien man das Interesse an einer weiteren Strafverfolgung verloren zu haben.

Der Gegenstand der Verhandlung lässt dieses Desinteresse indes als ungerechtfertigt erscheinen. Schließlich war der zweite Auschwitz-Prozess nicht etwa nur eine reine Nachlese des ersten Verfahrens. Vielmehr wurden größtenteils Komplexe thematisiert, die während des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses nicht zur Sprache gekommen waren.

So war Wilhelm Burger als Leiter der Abteilung Verwaltung der Kommandantur des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz wegen der Beschaffung von Zyklon B zur Vernichtung der Häftlinge in den Gaskammern angeklagt.

Josef Erber war als Leiter der Aufnahme- wie der Politischen Abteilung (Lagergestapo) angeklagt. Er wurde beschuldigt, Aussonderungen von Häftlingen, so genannte Selektionen, auf der Rampe von Birkenau vorgenommen und dabei eine unbestimmte Anzahl von Deportierten zur Vernichtung ausgesucht zu haben. Darüber hinaus wurde er angeklagt, in zahlreichen Fällen eigenhändig Häftlinge getötet und an so genannten Liquidierungsaktionen teilgenommen zu haben.

Der dritte Angeklagte war schließlich Gerhard Neubert. Ihm wurde vorgeworfen, als SS-Sanitätsdienstgrad in Auschwitz III (Monowitz), dem größten der insgesamt fast 40 Nebenlager von Auschwitz in unmittelbarer Nähe des "Bunawerkes" der I.G. Farben, an Selektionen mitgewirkt zu haben.

Nachdem der Bundesgerichtshof 1959 die Zuständigkeit für die Strafverfolgung von in Auschwitz begangenen NS-Verbrechen an die Frankfurter Justiz delegiert hatte, war Neubert bereits einer der Angeklagten des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses gewesen. Sein Verfahren wurde aber wegen vorübergehender Verhandlungsunfähigkeit abgetrennt und gemeinsam mit den Voruntersuchungen gegen Burger und Erber weitergeführt. So kam es, dass im Dezember 1965 Frankfurt Schauplatz eines zweiten Auschwitz-Verfahrens wurde. Unter Vorsitz des Amtsgerichtsrates Emil Opper wurden knapp 140 Zeugen aus dem In- und Ausland vernommen. Anklage, Verteidigung und Nebenklagevertreter bestanden größtenteils aus Personen, die bereits am ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess teilgenommen hatten.

Mit von der Partie war ebenfalls wieder der ostdeutsche "Staranwalt" Friedrich Karl Kaul. Mit der Teilnahme am zweiten Auschwitz-Prozess wollte die SED-Führung propagandistische Ziele einlösen, die man während des ersten Verfahrens nicht hatte erreichen können. So hatte das Politbüro des Zentralkomitees der SED in einem Beschluss vom November 1963 bereits gefordert, den Auschwitz-Prozess zu einem "Tribunal gegen die IG-Farben-Industrie" und die gesellschaftlichen Verhältnisse im westdeutschen Konkurrenzstaat zu gestalten. Die agitatorischen Aktionen Ost-Berlins hatten dabei zwei Ziele: einerseits innenpolitisch die Stabilisierung der fragilen Verhältnisse in der DDR; andererseits die internationale Diskreditierung der Bundesrepublik, die in diesem Sinne nicht nur rechtlich als der Nachfolgestaat des "Dritten Reiches" erschien, sondern auch geistig und personell. Flankiert wurden sie von einer Kampagnenpolitik, die seit Ende der 50er Jahre diese Kontinuitäten zunächst in der Justiz, später auch in der Ministerialbürokratie wie innerhalb des diplomatischen Korps, der Bundeswehr und der Geheimdienste fokussierte und in der Publikation von Namenslisten NS-belasteter westdeutscher Funktionsträger in Form der "Braunbücher" gipfelte.

So befanden sich führende Manager der I.G. Farben, wie der Betriebsführer der I.G. Auschwitz, Walther Dürffeld, oder die I.G.-Vorstandsmitglieder Otto Ambros und Heinrich Bütefisch - im I.G. Farben-Prozess 1948 von den Amerikaner zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, aber bereits 1950 auf freien Fuß gesetzt - wieder in wichtigen Positionen der westdeutschen Chemieindustrie. Unbehelligt von der bundesdeutschen Justiz konnten sie ihre Karrieren in der "Gesellschaft der vertuschten Biografien" (Norbert Frei) fort-setzen.

Als Aufhänger für diese Strategie dienten dem DDR-Anwalt Kaul im zweiten Auschwitz-Prozess die Angeklagten Burger und Neubert, die in Auschwitz mit den I.G. Farben zu tun gehabt hatten. So stellte sich als Ergebnis der Beweisaufnahme zu Burger heraus, auf welchen Vertriebswegen das Gas Zyklon B nach Auschwitz kam. Von der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch) ursprünglich als Desinfektions- und Entwesungsmittel hergestellt und von Lieferfirmen vertrieben, wurde das Gas direkt bei der Firma Tesch & Stabenow in Hamburg bestellt und bezahlt. Tonnenweise geliefert, wurde Zyklon B zum "bevorzugten" Mittel des Massenmordes in Auschwitz. Teilhaber der Degesch waren die I.G. Farbenindustrie AG, die Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt (Degussa) und die Firma Th. Goldschmidt.

Ungeachtet der Ergebnisse der Beweisaufnahme zogen sich die Angeklagten auf bekannte Rechtfertigungsmuster zurück. Sie wollten von nichts gewusst haben, leugneten jegliche Verantwortung für die in Auschwitz verübten Verbrechen und gaben im Übrigen vor, auf höheren Befehl gehandelt zu haben. Burger, der nach der Versetzung von Auschwitz im April 1943 zum Chef des Amts D IV (Verwaltung der Konzentrationslager) im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin aufstieg, behauptete vor Gericht, er habe Zyklon B lediglich zur Desinfektionszwecken bestellt. Während der gerichtlichen Voruntersuchungen hatte er dagegen noch ein Teilgeständnis abgelegt und bekundet, er sei sich im Klaren darüber gewesen, dass er "bei der Herausgabe der Zyklon-B-Bestellungen auch mitwirkte für die Heranschaffung des Zyklon B zu Vergasungszwecken."

In der Hauptverhandlung widerrief er dieses Geständnis und behauptete vielmehr, mit der Beschaffung des Gases für die Ermordung der Häftlinge nichts zu tun gehabt zu haben. Die Beweisaufnahme ergab, dass während seiner Dienstzeit als Leiter der Verwaltung des KZ Auschwitz mindestens 12 000 Kilogramm des Giftgases geliefert wurden. Der Beweislast zum Trotz beklagte Burger mit tränenerstickter Stimme sein eigenes Schicksal voller Selbstbedauern: "Dieses Auschwitz hängt mir seit 20 Jahren an!"

Gerhard Neubert war von 1942-1945 in Auschwitz-Monowitz, dem so genannten Buna-Lager, als SS-Sanitätsdienstgrad eingesetzt, wo die I.G. Farben seit 1941 eine Produktionsstätte für synthetischen Kautschuk (Buna) errichten ließ. Bis zu 15 000 Häftlinge waren in einfachen Holzbaracken untergebracht. Das Buna-Lager war das erste private KZ des Hitler-Staates. Die Insassen im Lager Monowitz mussten schwerste Zwangsarbeit auf der Baustelle der I.G. Farben verrichten, die Lebensbedingungen im Lager waren in jeder Hinsicht unmenschlich.

Erkrankte und vollkommen erschöpfte Häftlinge, im Lagerjargon "Muselmänner" genannt, kamen in den Häftlingskrankenbau. Bis zu 300 Personen waren pro Baracke in dreistöckigen Pritschen unter unsagbaren hygienischen Bedingungen zusammengepfercht. Manche Betten waren doppelt, zuweilen gar dreifach belegt. Wenn ihre Arbeitsfähigkeit nicht innerhalb von 14 Tagen wiederhergestellt werden konnte, wurden die ausgemergelten Gestalten von einem SS-Arzt in Begleitung des Sanitätsdienstgrades sowie eines Häftlingsarztes zur "Überstellung" oder "Verlegung" nach Birkenau ausgesondert, wie die Tarnbezeichnung für die Vernichtung in den Gaskammern lautete.

Auch wenn das Krankenrevier nicht mehr aufnahmefähig war oder der Krankheitsstand zehn Prozent der Gesamtlagerstärke überschritt, wurde selektiert. Die Selektionen in Monowitz fanden vielfach auf Betreiben der I.G. Farben statt, da das Arbeitspensum der entkräfteten Häftlinge für den Konzern nicht zufriedenstellend war. In Abwesenheit des SS-Arztes, der nur ein- bis zweimal pro Woche in Monowitz weilte, war der Angeklagte Neubert der für den Häftlingskrankenbau zuständige SS-Mann. Er war es, der für die Verladung und den Transport der selektierten Häftlinge nach Birkenau verantwortlich war und täglich Meldungen für den SS-Standortarzt über den "Abgang" in Monowitz zu fertigen hatte. Die Verteidiger Neuberts führten es auf eine "tragische Verkettung unvorhersehbarer Umstände" zurück, dass ihr Mandant zum Rädchen in einer bis dahin unbekannten Mordmaschinerie wurde. Die Neubert schwer belastenden Aussagen einiger überlebender Häftlinge bezeichneten die Verteidiger mitunter als "übertriebene Reproduktionen von Verfolgungsvorstellungen".

Zu seinen Tätigkeiten im Lager erklärte Neubert vor Gericht, seines Wissens sei der gesamte Betrieb im Krankenbau von Monowitz darauf ausgerichtet gewesen, kranke Häftlinge gesund zu pflegen bzw. in andere Krankenbauten zur, wie er sich ausdrückte, "Aufpäppelung", zu verlegen. Von der Vernichtung der Häftlinge in Birkenau habe er nichts erfahren. Seine Aufgabe sei lediglich gewesen, ab und zu nach dem Rechten zu schauen, er habe aber "praktisch nichts zu tun" gehabt.

Angesichts dieser Schilderung platzte selbst dem Vorsitzenden Richter der Kragen: "Da setzen sie doch nicht jahrelang einen SS-Oberscharführer hin, nur damit er nichts tut", entgegnete ihm Opper. Neubert hingegen unterstrich: "Ich war ja nur ein dummes Schaf, das so herumgelaufen ist."

Auch der dritte Angeklagte, Josef Erber, wollte als subalterner Sachbearbeiter nur die Karteien geführt und ansonsten keinerlei Einfluss auf das Schicksal der Häftlinge besessen haben. Erber, der sich in besonders brutaler Weise auf der Rampe von Birkenau an den Aussonderungen der Judentransporte und deren anschließender Vernichtung beteiligte, wurde vor Gericht als "Schrecken von Birkenau" geschildert. Der Angeklagte hingegen behauptete, er habe die ankommenden Transporte lediglich gezählt und Statistiken angefertigt. Der Zufall wollte es, dass im Sommer 1965 der SS-Lagerarzt von Monowitz und direkte Vorgesetzte Neuberts, Dr. Horst Fischer, in der DDR verhaftet wurde. Fischer hatte zuvor 20 Jahre lang unbehelligt in einem kleinen Örtchen vor den Toren der Hauptstadt der DDR als Landarzt unter seinem richtigen Namen praktiziert. Durch häufige Westkontakte war er dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) aufgefallen.

Das MfS plante in der Folge einen groß angelegten Schauprozess gegen Fischer. Als SS-Hauptsturmführer war er der ranghöchste SS-Arzt, der jemals vor einem deutschen Gericht stand. Mit diesem, dem ostdeutschen Auschwitz-Prozess sollte demonstriert werden, wie konsequent und unnachgiebig die DDR mit NS-Verbrechern umzugehen pflegte - im Gegensatz zur Bundesrepublik, so der Tenor der SED-Propaganda.

Der minutiös vom MfS vorbereitete Prozess im März 1966 glich einem Theaterstück. Das Urteil (Todesstrafe) stand bereits vorher fest, und die Stoßrichtung des Verfahrens wurde klar benannt: Man wollte Einfluss auf den zweiten Frankfurter Auschwitz-Prozess nehmen und endlich das lang ersehnte Tribunal gegen die I.G. Farben veranstalten. In scharfem Kontrast zu den für westdeutsche NS-Prozesse typischen Aussagen der Angeklagten, die sich in der Regel auf ein schlechtes Gedächtnis beriefen, jegliche Mitverantwortung leugneten oder sich auf einen vermeintlichen Befehlsnotstand beriefen, standen die Aussagen des SS-Arztes Fischer.

Fischer wirkte bei der Aufklärung der in Auschwitz herrschenden Tatzusammenhänge in einzigartiger Weise mit. Er leugnete nicht die ihm vorgeworfenen und durch zahlreiche Zeugenaussagen und Dokumente bewiesenen Verbrechen. Darüber hinaus machte er umfangreiche Angaben über den Tathergang, die Lebensverhältnisse sowie die Verantwortlichkeiten in Auschwitz.

Kaul erklärte vor der Presse in Frankfurt am Main, die Verhaftung Fischers sowie neues dokumentarisches Material aus ostdeutschen Archiven böten nun endlich die Möglichkeit, im zweiten Auschwitz-Prozess "die Schallmauer, die die Initiatoren des Völkermordes um sich gezogen haben, zu durchstoßen". Mit dem Prozess gegen Fischer, so erklärte ein Mitarbeiter der Untersuchungsabteilung des MfS seinem Minister Erich Mielke bereits im Oktober 1965, wolle man die "eventuell zu erwartende unobjektive Sachverhaltsaufklärung" des Frankfurter Schwurgerichtes hinsichtlich der Mitschuld der I.G. Farben an den Verbrechen in Monowitz sowie personelle Kontinuitäten im Bonner Staat aufdecken.

"Unobjektiv" aber waren allenfalls die Ermittlungsbemühungen des MfS: im Zuge der Recherchen zum Auschwitz-Komplex und zum Fall Fischer stieß man auf eine ganze Reihe von ehemaligen SS-Angehörigen und I.G. Farben-Mitarbeitern, die in Auschwitz "Dienst" getan hatten. Unter ihnen befand sich zum Beispiel ein SS-Zahnarzt sowie der Leiter der Personalabteilung der I.G. Auschwitz. Obwohl dem MfS die braune Vergangenheit dieser DDR-Bürger bekannt war, wurden keine weiteren strafrechtlichen Maßnahmen ergriffen.

Doch die Sorge des MfS war unbegründet. Die Verantwortung der I.G. Farben für die Verbrechen in Auschwitz-Monowitz kamen während des zweiten Auschwitz-Verfahrens in einem wesentlich stärkeren Maße zur Sprache, als dies im ersten Prozess der Fall gewesen war.

Im Verlauf der Beweisaufnahme in Frankfurt traten zahlreiche ehemalige Angehörige der NS-Ministerialbürokratie, ranghohe SS-Führer sowie Manager der I.G. Farben und der Degesch auf. Zwar erklärten sowohl der stellvertretende Betriebsführer des I.G. Farben-Werkes in Monowitz, Max Faust, als auch der frühere Degesch-Direktor Gerhard Peters sowie der ehemalige Personalchef im RSHA, Bruno Streckenbach, von den Verbrechen in Auschwitz keinerlei Kenntnis gehabt zu haben.

So gab Faust zu Protokoll, von der Ermordung der von Monowitz in das Stammlager Auschwitz verlegten Häftlinge erst nach Kriegsende erfahren zu haben, obwohl er in Monowitz täglich den Geruch verbrannten Menschenfleisches hatte wahrnehmen können müssen und der Feuerschein der Krematorien nachts kilometerweit zu sehen war. Peters sagte aus, er habe angenommen, dass das von der SS bestellte Zyklon B für den "humanen" Vollzug "ordnungsgemäß" gefällter Todesurteile bestimmt gewesen sei, obgleich ihm bekannt war, wie er vor Gericht zugeben musste, dass im deutschen Strafrecht der Vollzug der Todesstrafe durch Giftgas nicht vorgesehen war. Auch die gelieferte Menge, die nach seinen eigenen Berechnungen ausreichte, um schätzungsweise 500 000 Menschen zu töten, gab ihm angeblich nicht zu denken.

Doch an der Mitschuld der I.G. Farben für die Verbrechen in Auschwitz konnte - auch wenn dies nur geringen Niederschlag in der Urteilsbegründung fand - auf Grund der Beweisaufnahme kein Zweifel bestehen. Überzeugender als bereits während des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses gelang es Staatsanwaltschaft und Nebenklage darüber hinaus, die Mär vom Befehlsnotstand zu widerlegen. Die Rechtsanwälte der Angeklagten hatten - ein traditionelles Element der Verteidigung in NS-Verfahren seit den Nürnberger Prozessen - behauptet, dass die Morde in den Konzentrations- und Vernichtungslagern auf ausdrücklichen Befehl der NS-Führung erfolgt seien und dass die Verweigerung eines solchen Befehls eine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben dargestellt hätte. Folglich könnten ihre Mandanten wegen der Ausführung dieses Befehls nicht strafrechtlich belangt werden.

Zur Unterstützung dieser These fuhr die Verteidigung so prominente Zeugen wie den Kommentator der Nürnberger Rassegesetze und späteren Kanzleramtschef Adenauers, Hans Maria Globke, auf. In der Beweisaufnahme wurde allerdings deutlich, dass von einem Befehlsnotstand nicht die Rede sein konnte. Den Strafverfolgungsbehörden war nach Durchsicht aller bekannten Fälle und umfangreichen Recherchen kein einziger Fall bekannt, in dem die Verweigerung eines verbrecherischen Befehls zu einer Gefahr für Leib und Leben des Befehlsverweigerers geführt hat. Lediglich die Versetzung an die Front oder der Ausschluss von einer Beförderung waren als Konsequenzen zu verzeichnen.

Nach 63 Verhandlungstagen wurden schließlich am 16. September 1966 die Urteile verkündet. Wie schon zu Prozessbeginn hatten sich nur wenige Interessierte in den Verhandlungssaal verirrt: Lediglich etwa 30 Personen verfolgten auf der Zuschauertribüne die fünfstündige Urteilsbegründung durch den Schwurgerichtsvorsitzenden Opper, dessen ruhige und energische Verhandlungsführung den Prozess geprägt hatte. Bei Burger sah das Frankfurter Schwurgericht die Mitwirkung an der Ermordung von "mindestens 3112 Menschen" als erwiesen an, wobei Opper in seiner mündlichen Urteilsbegründung hinzufügte, dass er in Wahrheit wohl an der Vernichtung von zehntausend Menschen beteiligt gewesen sei.

Burger erhielt eine Freiheitsstrafe von acht Jahren, wobei man berücksichtigte, er habe die Massentötungen innerlich abgelehnt und einigen Häftlingen eine gewisse Hilfe zukommen lassen. Da er bereits 1953 in Warschau zu einem achtjährigen Freiheitsentzug verurteilt worden war, rechnete ihm das Gericht diese Strafe sowie die abgesessene Untersuchungshaft an, so dass er den Gerichtssaal als freier Mann verlassen konnte.

Neubert sprach das Gericht der Beihilfe zum gemeinschaftlichen, meist vielfachen Mord in 35 Fällen für schuldig. So nahmen die Frankfurter Richter in zwei dieser Fälle an, dass jeweils 80 Menschen getötet wurden. Das Gericht setzte für jeden dieser Fälle die Mindeststrafe von drei Jahren Zuchthaus an und bildete aus den Einzelstrafen von 35 mal drei Jahren eine Gesamtstrafe von dreieinhalb Jahren Zucht-haus. Strafmildernd wertete das Schwurgericht Aussagen von Insassen des Buna-Lagers, Neubert habe sich "gegenüber den Häftlingen menschlich" gezeigt und sein Verhalten daher eine positive Ausnahme unter dem SS-Personal gebildet.

Den dritten Angeklagten, Erber, befand das Frankfurter Schwurgericht für schuldig, er habe das Vernichtungsprogramm zu seiner eigenen Sache gemacht und aus Überzeugung gehandelt. Erber wurde wegen gemeinschaftlichen Mordes in 70 Fällen verurteilt und erhielt eine lebenslängliche Zuchthausstrafe.

Das Urteil löste in der Öffentlichkeit unterschiedliche Reaktionen aus. Empfindlich reagierte beispielsweise die Standesvertretung der deutschen Industrie auf die Prozessergebnisse. Im Unternehmerbrief des deutschen Industrieinstituts, herausgegeben vom Bundesverband der deutschen Industrie und der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände, wurde der zweite Auschwitz-Prozess recht deutlich kritisiert. Unter der Überschrift "Geschichtslügen vor deutschen Gerichten" berichtete das Organ über die Vernehmung der I.G. Farben-Direktoren in Frankfurt. Die Nebenklagevertretung Kauls wurde als "billige Dienstleistung im Sinne politischer Zielsetzungen des SED-Regimes" qualifiziert, die die deutsche Wirtschaft im Allgemeinen wie die chemische Industrie im Besonderen treffen solle. Eine Auseinandersetzung mit den Vorwürfen aus Ost-Berlin fand indes nicht statt und wäre auf Grund der Faktenlage auch wohl zu riskant gewesen.

Anders sah das Bild bei den Opferverbänden aus. Der im unteren Bereich der möglichen Strafzumessung liegende Spruch gegen Neubert sowie die Anrechnung der polnischen Haftzeit bei Burger wurden als unverantwortliche Milde der Richter kritisiert. Andererseits kamen auch entschiedene Kritiker der westdeutschen Verfolgungspraxis wie das Internationale Auschwitz-Komitee zu dem Schluss, das Gericht sei der Beweisaufnahme über die Hintergründe der Verbrechen in Auschwitz - anders als im ersten Verfahren - nicht ausgewichen.

Selbst die DDR-Presse kam nicht umhin, dies anzuerkennen. Die Behandlung des I.G. Farben-Komplexes vor einem bundesdeutschen Gericht wurde als Erfolg ihrer Nebenklagevertretung gewertet. Im unmittelbaren Anschluss an das Verfahren stellte Kaul im Auftrag seiner Ost-Berliner Dienstherren Strafanzeige gegen fünf I.G. Farben-Mitarbeiter. Das Ermittlungsverfahren zog sich bis in das Jahr 1970, wurde dann aber wegen Vernehmungsunfähigkeit des letzten übrig gebliebenen Beschuldigten eingestellt.

Der Haftbefehl gegen Neubert wurde bereits im November 1968 unter Auflagen außer Vollzug gesetzt, wenig später fielen auch diese Einschränkungen. Burger verbrachte seinen Lebensabend im bayrischen Dachau. Josef Erber saß bis 1986 in Haft. Kurz nach seiner vorzeitigen Entlassung kam er bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Mit dem Urteil im zweiten Frankfurter Verfahren war der "Komplex Auschwitz" für die Justiz der Bundesrepublik aber keineswegs abgeschlossen. In der Folgezeit fanden in Frankfurt noch weitere Prozesse und Ermittlungsverfahren gegen in Auschwitz eingesetzte SS-Angehörige sowie Funktionshäftlinge statt, die sich bis in die 1980er Jahre zogen.

Die eigentliche Bedeutung des zweiten Frankfurter Auschwitz-Prozesses ist aber weniger auf dem juristischen Felde zu suchen. Vielmehr dient die detaillierte Rekonstruktion der Verbrechen - ganz im Sinne des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer - bis heute der zeitgeschichtlichen Forschung als wichtige Quelle zur Analyse elementarer Aspekte des NS-Staates.

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