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Auf dem Büfett lagen die Erschießungslisten

FR-Redakteur Thomas Gnielka brachte vor 40 Jahren den Frankfurter Auschwitz-Prozess ins RollenGerade wird an den Auschwitz-Prozess erinnert. Dabei ist auch Thomas Gnielka zu nennen. Der FR-Redakteur konnte den entscheidenden Tipp geben, aber das Urteil hat er nicht mehr erlebt.

"Wir warten auf den Auschwitz-Prozess, der endlich einen Schlußstrich ziehen soll": Thomas Gnielka, dessen Recherchen bei Lager-Überlebenden die Anklage in Frankfurt ermöglichten, 1963. Foto: privat

Frankfurt · 26. März · Wir hatten einen Kollegen - aber wir wussten nichts mehr von ihm. Dies ist die Geschichte von Thomas Gnielka, es ist eine Geschichte, die eigentlich unvergesslich sein sollte und doch vergessen worden ist. Denn sein Leben war kurz. Thomas Gnielka war Redaktionsmitglied der Frankfurter Rundschau vom 11. Februar 1957 bis zum 27. September 1960, er war Landeskorrespondent in Wiesbaden. Es ist sehr lange her und vorbei. Ganz präsent ist aber in diesen Tagen, was dem Kollegen das Gedächtnis einfach sichern muss: der große Frankfurter Auschwitz-Prozess. 182 Verhandlungstage lang sind hier vor 40 Jahren mitten in der Stadt albtraumartige Schilderungen von Massenmorden über die Bühne gegangen - und es war Thomas Gnielka, der zur Anklage den entscheidenden Tipp gegeben, der Namen und Daten von SS-Mördern beigebracht hat.

Tod mit 36 Jahren

Es ist, als sei seine Mission, sein vollkommen unerschrockener und leidenschaftlicher Feldzug gegen alte und neue Nazis, damit erfüllt gewesen. Denn als der Vorsitzende Richter Hans Hofmeyer am 19./20.August 1965 im Haus Gallus an der Frankenallee die Urteile über 17 Mörder des Vernichtungslagers Auschwitz verhängte, da war Kollege Thomas Gnielka tot. Mit 36 Jahren, im Januar 1965, war sein Leben zu Ende.

"Ich glaube, dass der Thomas daran gestorben ist", sagt seine Witwe Ingeborg, 78 Jahre alt, heute in Rangsdorf bei Berlin. Sie eröffnet das Telefongespräch mit der Bemerkung, auf der Suche nach der Erinnerung habe sie jetzt eigens "einen alten Karton durchgeguckt". Sie habe dabei herausgefunden, dass ihr Mann, der Vater ihrer fünf Kinder, gleichsam zu einem Auschwitz-Opfer geworden war, damals im aufstrebenden Nachkriegsdeutschland, fast genau 20 Jahre nach der Befreiung des Lagers. "Es wurde immer mehr und zu viel", blickt Ingeborg Gnielka auf die langen Monate der Befragungen und Verhöre des Auschwitz-Prozesses zurück, die immer wieder an den heimischen Tisch anbrandeten.

Denn nicht wenige der überlebenden Opfer, die aus der Ferne anreisten, kamen im Haus der Familie Gnielka in Herold in Taunus unter. "Die haben bei uns gewohnt, gegessen, erzählt", beschreibt es Sohn Bastian Gnielka, geboren 1951, inzwischen Geschichtslehrer in Eschwege. "Die Erzählungen vergisst man nicht", denkt der Sohn an die Begegnungen seiner Kindheit zurück - "wie einer an einer Grube erschossen werden soll und alle, die neben ihm stehen, fallen tot über ihn und der ist da lebendig rausgekrabbelt". "Einen Zipfel von Auschwitz in Frankfurt" hatte der Hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer mit den von Thomas Gnielka beigebrachten durchnummerierten Listen der "Erschießungen von Häftlingen auf der Flucht", ausgefertigt von der "Kommandantur Konzentrationslager Auschwitz", in die Hand bekommen, wie er es Anfang 1959 in einem HR-Interview ausdrückte. Fritz Bauer konnte damit, was in Polen geschehen war, in Frankfurt anklagen.

Dass der FR-Journalist jene Mordlisten aus Auschwitz in die Hände bekam, jene Aktenvermerke, auf denen der Lagerkommandant zu jedem einzelnen der aufgezählten Opfernamen auch den Namen des jeweiligen Täters verzeichnet hatte, nennt mancher Zufall. Aber es war kein Zufall. Zwar hat der Kollege Landeskorrespondent ab 12. Februar 1957 in Wiesbaden Tag für Tag sein Pflichtprogramm in die Tasten der Schreibmaschine geklopft. Hat über die bevor stehende Polio-Impfung, eine neue Brücke, die Wohnungsnot und die Pfarrerbesoldung kleine und große Artikel sowie "Drahtberichte" verfasst. Doch schon bald nach dem Einstieg bei der FR erscheinen die akribischen Analysen des gebürtigen Berliners zur personellen Kontinuität des Nazi(un)wesens in Verbänden, Parteien, Behörden und Gesellschaft.

Ab Dezember 1958 reicht Gnielkas unbestechlicher Blick bis in die Wiesbadener Wiedergutmachungsbehörde und trifft dort auf einen im Blatt als "Rechtsfanatiker" titulierten "forschen Assessor Späth". Nun zitiert er in der Zeitung Texte antisemtitischer Lieder, die man in jener Behörde immer mal gern singt. Und schreibt auf, wie brüsk verfolgte jüdische Rückwanderer dort abgefertigt und ihr Begehr nach Hilfe abgeschmettert wird. Eine Artikel-Serie ab 22. Juni 1959 über alte Nazis auf neuen Posten macht Thomas Gnielkas Expertenwissen offenbar - am Ende steht (Titel: "Falschspiel mit der Vergangenheit" )ein gebundener Verlags-Sonderdruck über "Rechtsradikale Organisationen in unserer Zeit". "Wir können nur hoffen, dass diese Veröffentlichung nun endlich mit dazu beiträgt, den bisher zu wenig beachteten politischen Rattenfängern in unseren Land das Handwerk zu legen", erklären "Redaktion und Verlag der Frankfurter Rundschau" im Vorwort.

Grün im Gesicht

Da hat die Vorgeschichte des großen Auschwitz-Prozesses schon begonnen. Auf die Berichte über die Wiesbadener Wiedergutmachungsbehörde, die fast 50 000 unbearbeitete Fälle vor sich herschiebt, meldet sich Emil Wulkan, ein Auschwitz-Überlebender, der auf Unterstützung hofft, in der Redaktion. Was Kollege Thomas Gnielka geschah, als er den Mann im Januar 1959 zu Hause aufsucht, hat er in der Zeitschrift Metall, Ausgabe vom 22. August 1961, hinterlassen: "Auf dem Büfett in seiner Wohnung lag ein Bündel Akten, zusammengehalten von einem roten Band. Er drückte mir dasPaket in die Hand; ,Vielleicht ist es etwas, das Sie als Journalist interessiert.'"

"Mit diesen Erschießungslisten", so steht es seiner Witwe Ingeborg Gnielka in Rangsdorf bei Berlin noch heute vor Augen, "ist mein Thomas ziemlich grün im Gesicht nach Hause gekommen". Noch in der selben Nacht habe er den Generalsstaatsanwalt Fritz Bauer angerufen, umgehend habe der "einen Fahrer geschickt". Die Sache der Gerechtigkeit nahm ihren Lauf; "Fritz Bauer konnte anklagen", sortiert seine Witwe die Erinnerung. Bei der FR hielt es den Kollegen Gnielka nur noch bis Herbst 1960. Warum er ging, ist nur zu ahnen: "Der wollte mehr machen, der wollte nicht mehr angestellt sein, der hätte gern alles aus den Angeln gehoben", berichtet Bastian, der Sohn aus Eschwege. Der Mann hatte "1000 Connections", er fuhr zum Nordpol und nach Polen, schrieb für die Quick, für Weltbild, wieder für Metall: "Wir warten auf den Auschwitz-Prozess, der endlich einen Schlussstrich ziehen soll unter das grauenhafteste Kapitel des 3. Reiches." (2. April 1963). Zum Schlusstrich sind die Verhandlungen, wie man weiß, nicht geworden. Schluss war vielmehr mit dem Leben des Journalisten Thomas Gnielka. Die Verbrechen, deren Sühne er unermüdlich forderte, waren ihm scheinbar im Wortsinne unter die Haut gegangen; 1963 wurde Hautkrebs diagnostiziert. Den Auschwitz-Prozess hat er nicht mehr besucht. "Rebell gegen die Trägheit" steht über dem Nachruf in der FR vom 8. Januar 1965. "Nichts", heißt es da, "konnte ihn mehr erbittern, als die Versuche der Ewiggestrigen, die alte Lumpenpuppe frisch aufgeputzt ins Schaufenster zu stellen."

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