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60 JAHRE DANACH "Heilig Vaterland..."

Gisela Brandt erlebte als 13-Jährige, dass die Kampfparolen, die man ihr in der Hitlerjugend eingebläut hatte, bei Ankunft der "Feinde" nichts mehr galten.

21.04.2005 00:04

Noch vor wenigen Tagen hatten wir Hitlerjugend-Mädel gesungen "Heilig Vaterland in Gefahren, deine Söhne sich um dich scharen" und "Wenn der Fremde deine Krone raubt, Deutschland, fallen wir Haupt bei Haupt". Wir waren von unserer Führerin aufgefordert worden, beim Bau von Panzersperren mitzuhelfen, Nägel auf die Straße zu streuen und Barrikaden zu errichten, um Widerstand gegen den Feind zu leisten. Zwar war der HJ-Dienst mir immer lästig gewesen; ich hätte lieber gespielt oder gelesen anstatt durch die Stadt marschieren zu müssen, Völkerball zu spielen oder Hitlers Lebenslauf auswendig zu lernen. Aber nun in der Stunde der Gefahr wollte ich dabei sein, all die Heldengeschichten taten ihre Wirkung, und ich war mit meinen 13 Jahren natürlich bereit, "Haupt für Haupt" zu fallen, obwohl mir bei diesem Gedanken auch etwas beklommen zumute war.

Die Amerikaner kannte ich nur aus der Nazipropaganda. Das waren für mich eine Art kriegslüsterne Untermenschen, die mit Hunderten von Flugzeugen kamen, um Bomben auf Kinder und Frauen zu werfen, die dann als lebendige Phosphorfackeln grässlich schreiend aus den Häusern liefen. Ich hatte die Panik im Schulluftschutzkeller miterlebt, als eine Luftmine das Dach des Gebäudes abrasierte, und war auf der Beerdigung einer Schulkameradin gewesen, die von Tieffliegern in einem engen Tal verfolgt und erschossen worden war...

Tagelang hatte es Granateinschläge in der Nähe der Schule gegeben, wo wir eine Lehreretage bewohnten und die nun als Lazarett umfunktioniert war. Dann plötzlich Stille - die seltsame, angespannte Stimmung, die zwischen zwei Fronten herrscht, wenn das eine Heer bereits abgezogen, das andere im Anmarsch ist... Noch war der Feind nicht da. Ich erwartete nun, dass der angekündigte Widerstand von unseren städtischen Parteigrößen angeführt würde. Aber was passierte? …Es passierte …nichts. Ich fragte die Leute, die aus der Stadt kamen, um Suppe aus der Gulaschkanone zu erbetteln, wo der Treffpunkt für die Verteidiger denn nun sei. Sie wussten von nichts. Ich wollte wissen, was der Bürgermeister unternahm und die HJ-Führer. Sie lachten nur und meinten, die könne ich ja mal suchen gehen. Da ging mir langsam ein Licht auf. War ich vielleicht die Einzige, die treudoof geglaubt hatte, was die Erwachsenen ihr erzählten und die bereit gewesen war, all diese hehren Ideale zu verteidigen? Das Gefühl einer unaussprechlichen Enttäuschung und ohnmächtigen Wut stieg in mir hoch, und ich beschloss bei mir, nie wieder irgendjemandem irgendwas zu glauben, vor allem keinem Politiker.

Und was machten die Sanitätsoffiziere, das Personal und die wiederhergestellten Soldaten aus unserem Lazarett? Sie hatten sich über die Vorratskeller hergemacht, in denen Wein und alle möglichen Delikatessen lagerten, die natürlich nicht in die Hände der Feinde fallen durften. Die Helden der Nation torkelten weinselig, wehmütig sentimental gestimmt im Sonnenschein auf dem Schulgelände herum. Ich schämte mich für sie mit der ganzen Radikalität meiner Jugend. Was sollten bloß die Feinde von den Deutschen denken, wenn ihnen solche Waschlappen in die Hände fielen?

Einige Stunden später durften wir dann, während meine Mutter und meine Oma in panischer Hast Hitlers "Mein Kampf" und andere naziverdächtige Literatur im Küchenherd verbrannten, vom Kinderzimmerfenster aus mit ansehen, wie die Feinde einmarschierten; aber sie marschierten gar nicht, sondern schlichen gebückt mit vorgehaltenen Gewehren in einer langen Reihe am Straßenrand entlang. Wir fanden das ziemlich lächerlich, wenn wir an unsere kampfunfähige Lazarettmannschaft dachten und an all die weißen Bettlaken, die nun statt der Hakenkreuzfahnen aus den Fenstern hingen. Die Feinde schienen sich trotzdem zu fürchten. Also schon wieder Feiglinge! Aber was konnte man von denen schon anderes erwarten? Immerhin sahen sie aus wie Menschen.

Gisela Brandt, Frankfurt

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