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"30 Jahre voller Demütigungen"

Ihr Mann Charles Horman wurde 1973 von den chilenischen Militärs ermordet. Konstantin Costa-Gavras machte den Fall mit dem Film Missing berühmt. Im Magazin erzählt Joyce Horman ihre Geschichte.

30.08.2003 00:08
Aufgezeichnet von Mark Obert

Sie sind mir noch so nah, diese Tage, in denen die Militärs in Chile meinen Mann Charles ermordet haben. 30 Jahre, in denen ich dafür gekämpft habe, dass die Verantwortlichen, ob Pinochet, ob seine Schergen, ob die CIA oder eben Kissinger, zur Rechenschaft gezogen werden. 30 Jahre voller Demütigungen, voller Momente der Hoffnung und Enttäuschungen. 30 Jahre aber auch, in denen vieles ans Licht gekommen ist, was die Täter und ihre Unterstützer verdunkeln wollten - auch Henry Kissinger. In der ganzen Welt gibt es heute Richter, die Henry Kissinger anhand aufgetauchter und zum Teil öffentlich präsentierter CIA-Geheimpapiere gerne den Prozess machen würden, und es erfüllt mich mit Genugtuung, dass er sich heute zweimal überlegt, in welches Land er noch ruhigen Gewissens reisen kann.

Ich wollte Kissinger niemals in meinem Leben begegnen. Es kostet mich schon Kraft, diesen Mann im Fernsehen zu sehen, diese Selbstgefälligkeit, seine Ungreifbarkeit. Einmal saß ich für mich völlig überraschend mit dem Wohltäter Henry Kissinger im selben Raum, bei einer Spendenveranstaltung einer Gesundheitsorganisation, also absurderweise zu einem Anlass, bei dem es überhaupt nicht um das ging, was uns, Henry Kissinger und mich, seit 30 Jahren verbindet und trennt. Über diese Ironie muss ich heute fast lachen. Damals aber habe ich seine Anwesenheit nicht ertragen, ich musste die Veranstaltung verlassen.

Es fällt mir noch immer schwer, klar zu trennen, wo meine Wut aufhört, wo meine Trauer beginnt, der Grat zwischen Zuversicht und Verzweiflung ist ebenso schmal. Sie haben meinen Mann ermordet, damals im September 1973. Meine Güte, es ist so lange her und doch so präsent, dass das Wort Erinnern eigentlich nicht zutrifft. All das Geschehene ist immer da - so wird es auch am 30. Jahrestag des Putsches sein.

Ich werde an diesem 11. September mit Terry Simon, einer guten Freundin, die seinerzeit mit mir in Chile nach Charlie gesucht hat, in Ruhe daheim in Manhattan zu Abend essen, am nächsten Tag treffe ich Chilenen, Hinterbliebene von Opfern der Militärdiktatur. Ich werde von Charlie erzählen und sie von ihren Männern und Söhnen, Frauen und Töchtern. Viele dieser Leute haben wie ich nie aufgehört, anderen, vor allem jungen Menschen von Chile zu erzählen, manchmal so oft, dass man es selbst kaum mehr hören mochte.

Wir haben ein gutes Chile erlebt vor dem Putsch. Wir sind 1972 von New York aus per Anhalter bis nach Santiago gefahren. Vier Jahre waren wir zu jener Zeit verheiratet, hatten in New York gelebt, wo Charlie geboren wurde und aufgewachsen war. Wie viele junge Amerikaner verfolgten wir mit großem Interesse dieses chilenische Modell eines demokratischen Sozialismus, aber wir wollten nicht naiv und ohne eigene Erfahrung einfach ein anderes gesellschaftliches Leben propagieren, sozusagen aus unserem Wohlstandsnest heraus. Wir wollten es erleben, von den einfachen Menschen in Chile erfahren, wie es ihnen geht mit diesem Modell Allendes, welches uns wie eine wahrgewordene Utopie erschien.

Es war großartig, ich habe bis heute nie mehr so stark dieses Gefühl verspürt, Teil einer lebendigen Demokratie zu sein. Wir diskutierten überall mit Leuten aller Schichten tagtäglich über Politik. Jeder half jedem, man kümmerte sich, man sorgte sich. Niemand hat je behauptet, dass Allende keine Fehler gemacht, alle Probleme in den Griff bekommen hätte, wir standen ja erst am Anfang. Aber mir ist niemand begegnet, der Hunger litt.

Charlie berichtete das alles für US-Zeitungen wie The Nation. Charlie war kein besonders bekannter Journalist, schon gar nicht in den USA. Er war ein neugieriger 31 Jahre junger Mann, der gut zuhören konnte und so viel über die Träume und Sorgen der Leute erfuhr. Darüber schrieb er - ohne jeden missionarischen Eifer. Er glaubte aber fest daran, dass der Weg Allendes der richtige war, und wir waren mit dieser Ansicht nicht allein.

Allendes Beliebtheit wuchs, und irgendwann erkannten das auch seine Gegner, die Allende bloß für eine unbedeutende Erscheinung gehalten hatten. Es war die Zeit, als die wohlhabenden Familien ihre Hausmädchen mit leeren Töpfen auf die Straße schickten. Diese grotesken Märsche sollten beweisen, unter welcher Armut die Wohlhabenden litten. Eine Lüge, aber sie schürte Hass und Missgunst. Ich bin bis heute überzeugt davon, dass eine große Mehrheit der Chilenen hinter Allende stand, dennoch wurde die Stimmung immer gereizter, der Ton schärfer, immer öfter kam es zu Straßenkämpfen.

Im August 1973 war Chile ein polarisiertes Land. Es lag etwas Unheilvolles in der Luft. Charlie war in diesem Monat bei seiner kranken Mutter in New York und kam Anfang September zurück - mit unserer alten Freundin Terry Simon, die unbedingt erleben wollte, wovon Charlie in New York, so wie ich ihn kenne, vermutlich unentwegt geschwärmt hatte. Wegen der unsicheren Stimmung in Santiago entschieden wir uns dafür, Terry das Land zu zeigen. Also nahm Charlie sie mit auf einen Kurzurlaub ans Meer, nach Vina del Mar. Dort beginnt ja auch Konstantin Costa-Gavras' Film Missing.

Am Tag des Putsches war ich allein in unserem kleinen Haus. Ich hörte Radio und von der Straße unentwegt die Maschinengewehre. Ich durfte ja nicht raus wegen der Ausgangssperre. Ich hatte fürchterliche Angst, zumal mein Nachbar zu mir herüber kam und sagte, er müsse dringend verschwinden, die Militärs machten Hatz auf Allende-Anhänger. Mich beruhigte einzig der Gedanke, dass Charlie in Vina del Mar bestimmt in Sicherheit wäre.

Ach ja, das war der große Irrtum. Charlie hatte nämlich im Hotel in Vina eine Gruppe hoher US-Militärs kennen gelernt, die ihre Begeisterung über den Putsch nicht verhehlten. Da floss jede Menge Champagner. Und Charlie spitzte seine Ohren, fragte sie aus über ihre Aufgabe in Chile. Captain Ray Davies, Chef der militärischen Abteilung der US-Botschaft, nahm Charlie sogar in seinem Auto mit zurück nach Santiago. Nach dem, was er Charlie angedeutet hatte, schien klar zu sein: Die US-Militärs waren verstrickt, vielleicht sogar gesteuert vom US-Außenministerium, von der CIA. Jedenfalls sagte mein Mann in Santiago: "Joyce, wir müssen weg. Mein Leben könnte in Gefahr sein. Vielleicht weiß ich zu viel."

Sechs Tage nach dem Putsch lockerten sie die Ausgangssperre. Ich sah bei Freunden in einem anderen Stadtteil nach dem Rechten, Charlie und Terry gingen in die Innenstadt, um den nächstbesten Flug zu buchen. Als wir uns in unserem Haus verabschiedeten, war es der Abschied für immer. Die Nacht musste ich nämlich in irgendeinem Treppenhaus verbringen, weil ich es bis zum Beginn der Ausgangssperre nicht nach Hause geschafft hatte. Da saß ich und sah durch das Treppenhausfenster die Lichter des Nationalstadions. Ein gespenstischer Anblick, dessen Bedeutung für mich und Charlie mir in diesem Moment noch nicht klar war.

Am nächsten Morgen war unser Haus durchwühlt, alles lag kreuz und quer herum. Ich hoffte so sehr, dass Charlie nicht dort gewesen war, als sie das Haus gestürmt hatten. Aber es fehlte jede Spur von ihm, nirgends war eine Nachricht für mich, auch nicht bei unseren besten Freunden, zu denen ich sofort geeilt war. Ich hoffte weiter, bis ein chilenischer Bekannter bei meinen Freunden anrief und erzählte, der chilenische Geheimdienst habe ihn bedrängt mit der Frage: "Wie erklären Sie sich, dass ein junger extremistischer Amerikaner ihre Telefonnummer in seiner Brieftasche hat?" Nun war klar: Die haben Charlie.

Und da begann das Unfassbare, das, was ich heute als die bitterste Lehre meines Lebens begreife. Ich eilte zum US-Konsulat, zur Botschaft, ich telefonierte stundenlang, ich redete auf zahllose US-Beamte ein - niemand half mir. Im Gegenteil: Im Konsulat grinste mich der Beamte hämisch an und sagte: "Mrs. Horman, sind Sie sicher, dass Ihr Mann nicht abgehauen ist, weil Sie Krach mit ihm hatten?" Am schlimmsten war ein Botschaftstyp namens Purdy, er war roh und arrogant. Einmal, ich werde es nie vergessen, bat ich ihn dringend darum, die Passnummer meines Mannes zu besorgen, das war an einem Samstagvormittag. Da motzte mich Purdy an: "Mein Kind hat heute Geburtstag, und ich habe keine Lust, wegen Ihnen zu spät zur Feier zu kommen."

Nach etlichen solcher Niederschläge erhielt ich endlich einen Termin bei Botschafter Nathaniel Davis. Ich forderte ihn auf, im Nationalstadion nach Charlie suchen zu lassen, so wie die Botschaften anderer Länder nach ihren Landsleuten. Davis lachte: "Mrs. Horman, sollen wir etwa unter jede Tribünenreihe gucken?"

Ich war am Ende, und deshalb rief ich meinen Schwiegervater Ed an. Er reiste sofort an, was so mutig war. In ihm, einem gottgläubigen Ingenieur, der stets die Werte der amerikanischen Demokratie hochgehalten hatte, erkannte ich meinen Charles wieder. Ed setzte die US-Behörden in Chile mit seiner Unbeirrbarkeit, mit seiner Kraft unter Druck und ertrug all ihre Demütigungen mit unglaublicher Würde. Von ihm habe ich gelernt, nie die Hoffnung aufzugeben, sich niemals zu beugen, sein Recht einzuklagen, wo immer es beschnitten wird. Ohne Ed und Elizabeth, ohne Charlies Eltern hätte ich die vergangenen 30 Jahre nicht durchgestanden.

Wir haben meinen Mann, ihren Sohn gefunden. Von einer Menschenrechts-Organisation hatte Ed erfahren, dass man Charlie in einem der vielen Leichenschauhäuser entdeckt hatte. Erst, als Ed die Botschaft mit dieser Information konfrontierte, rückte die Botschaft mit einer Identifikationsbestätigung heraus. Nun konnten sie nicht mehr leugnen, dass ein US-Bürger von dem Regime ermordet worden war, für das die US-Regierung offen Sympathie bekundete.

Charles war im Nationalstadion erschossen worden - wie auch unser amerikanischer Freund Frank Terruggi, wie Tausende von Chilenen. Charlies Eltern und ich versuchten seither so oft, den US-Kongress dazu zu bewegen, endlich den Mord an Charlie zu untersuchen, vor allem die Behinderungstaktik der US-Behörden und die Rolle des State Department im Verbrechersystem Pinochets. Wir waren manchmal kurz vorm Ziel und sind dann wieder zurückgeworfen worden.

Zurzeit läuft eine Sammelklage gegen Pinochet in Chile, einige mutige Richter und Staatsanwälte ordnen mit Feuereifer bergeweise Akten und Geheimpapiere. Kissingers Mitwisserschaft scheint für die mittlerweile unbestritten. Ob sie ihn jemals zur Rechenschaft ziehen werden oder können? Ich weiß es nicht. Es gibt Momente, da ich den Glauben an Gerechtigkeit aufgeben möchte. Dann überlege ich, wie Charlie wohl gehandelt hätte.

Neulich brachte mir ein Freund aus Chile ein Tonband mit, das er beim Umzug in einem Karton gefunden hatte. Darauf ist Charlies Stimme zu hören. Ich hatte sie 30 Jahre nicht mehr gehört. Mein Gott, es war so traurig zu hören, wie er von der Zukunft spricht, was er sich erträumt, für uns und die Leute in Chile. Aber es tat auch so gut, die Stimme meines Mannes wieder zu hören, sie bekräftigte das Bild, welches ich bis heute von Charlie in mir trage: Ja, Charlie würde weiterkämpfen. So wie seine Eltern unermüdlich gekämpft haben. Heute sind sie wieder beisammen in einem Grab auf einem Friedhof in Brooklyn. Zweimal im Jahr gehe ich dorthin. Es ist schön dort, man sieht Manhattan hinter dem Grabstein empor ragen. Ich liebe New York, es ist meine Heimat, es ist die Heimat meines Mannes.

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