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1968 in Italien Feudalistische Zeiten

In Italien bedurfte es keiner besonderen Agitation, um 1968 die Massen auf die Straße zu bringen.

29.07.2008 00:07
AURELIANA SORRENTO
Studentenunruhen in Rom 1968
Für die Intellektuellen war ’68 letztlich die Fortsetzung der Resistenza der 40er Jahre. Hier Straßenkämpfe zwischen linken und rechten Studenten, Rom, 16. März 1968. Foto: dpa

Manche, die dabei waren, sagen, es sei nur ein Auslöser gewesen, der Zünder für soziale Kämpfe, die sich über die ganzen 70er Jahre hinzogen. Andere sagen, dass im Dezember 1970, nach dem Massaker auf der Piazza Fontana in Mailand und dem Tod des Anarchisten Giuseppe Pinelli, der bei einem Verhör im Mailänder Polizeipräsidium mysteriöserweise aus dem Fenster fiel, alles zu Ende gegangen sei; was danach kam, sei vom Geist des Jahres '68 weit entfernt gewesen. Andere noch setzen den Schlusspunkt im Frühjahr 1978, als Aldo Moro von den Roten Brigaden entführt, kurz darauf in einem roten Renault in der Via Caetani tot aufgefunden wurde: Da hatten die Brigadisten den Bezug zu anderen hunderttausend Militanten, die weiterhin auf der Straße für ein besseres Land kämpften, offenbar verloren, beschweren sich ehemalige Genossen.

Aber war 1968 in Italien nicht etwa schon 1960 da, als in Genua Hafenarbeiter, Ex-Widerstandskämpfer, Studenten und Jugendliche gegen einen Kongress des faschistischen Movimento Sociale Italiano Seite an Seite demonstrierten? Das harte Eingreifen der Polizei, das eine Protestwelle im ganzen Land auslöste, die niedergeschossenen Demonstranten, die Guerilla-Szenerie - hatte man das alles nicht schon mehrmals gesehen im schönen Land der Zitronenbäume?

1968 - das ist in der italienischen Diskussion bis heute im Grunde eine verzwickte Sache und immer noch eine "offene Geschichte". Zumal diese Geschichte gerade in den Amtsstuben neu geschrieben wird; wie jene des Faschismus, jene des Zweiten Weltkriegs, der Salò-Republik und der Resistenza, also jenes Widerstandskampfes gegen nazistische Besatzer und heimische Faschisten, der in Wahrheit ein Bürgerkrieg gewesen ist. Mit der Resistenza hatte die italienische '68er-Bewegung insofern zu tun, als einige derjenigen, die sie anführten, nicht nur den Vietnamkrieg und Che Guevara im Blick hatten, sondern auch eine Weiterführung des 1943 begonnenen, 1945 beendeten italienischen Widerstandskampfs.

Augenzeugen zufolge soll sich bei einer Kundgebung der Kommunistischen Partei Italiens Anfang der 60er Jahre folgende Szene abgespielt haben: Ein damals sehr junger und unbekannter Student namens Adriano Sofri wandte sich an den historischen Kommunistenführer Palmiro Togliatti: "Genosse Togliatti, warum haben Sie den Widerstandskampf gestoppt? Warum haben Sie nicht die Revolution gemacht?" - "Die Revolution? Macht ihr sie, wenn ihr könnt!", soll Togliatti geantwortet haben. Und Sofri: "Nun, ich werde es versuchen."

Die Idee des "verratenen Widerstands", den die Kommunistische Partei Italiens (PCI), maßgebliche Kraft der Resistenza, aus Gründen der Realpolitik - wegen der bis 1989 unumstößlichen Teilung Europas in zwei Einflusszonen - nicht weitergeführt hatte, spielte 1968 durchaus eine Rolle. Nicht aus Zufall entstammte die Kerngruppe der studentischen Protest-Bewegung aus dem inneren Dissens mit der PCI. Die kommunistische Jugend wollte weder die "Entartung" der Revolution in den Ländern des real-existierenden Sozialismus gutheißen, noch die Appeasement-Politik der PCI gegenüber den konservativen Kräften im eigenen Lande widerspruchslos annehmen.

Denn der Ausschluss von Kommunisten und Sozialisten aus der Regierung 1947 und später, 1963, die Einbindung der Sozialisten in einem christdemokratisch geführten Kabinett unter der Bedingung, dass sie ihre Forderung nach Sozialreformen zurückstellten, hatte den Status quo besiegelt: Erstens die de facto Alleinherrschaft der Christdemokratie, welche in verschiedenen Formationen bis Anfang der 90er Jahre Italien regierte. Zweitens die Spaltung des Landes in einen industrialisierten, frühkapitalistisch eingerichteten Norden und einen landwirtschaftlich geprägten Süden, wo feudale Machtstrukturen weiterhin Bestand hatten.

In einem solchen Land bedurfte es keiner theoriebewanderten studentischen Agitatoren, um die Massen auf die Straße zu treiben. Arbeiter- und Bauernstreiks - von der Polizei immer wieder brutal niedergeschlagen - zogen sich durch die ganzen sechziger Jahre. So war es nur natürlich, dass sich die italienische Studentenbewegung gleich als Teil einer Arbeiterbewegung begriff. Dass in den Turiner "Thesen della Sapienza" von 1967 der Student als subalterne soziale Figur innerhalb der Arbeiterklasse definiert wurde; dass Potere Operaio, ein von Adriano Sofri herausgegebenes Studenten-Blatt, als Beilage der Olivetti-Arbeiter von Ivrea erschien; dass die ebenfalls von Sofri geleitete Gruppe Lotta continua in den Fabriken des Nordens ihre Hochburgen hatte, aber überall aktiv wurde, wo Volksaufstände keimten.

Ohne Zweifel war der größte Sieg des italienischen '68 die Verabschiedung des Arbeiterstatuts im Mai 1970 - infolge der Streiks vom "heißen Herbst" 1969. In dieser Phase war es Lotta continua gelungen, einige Fiat-Betriebe in Turin wenn auch für kurze Zeit zu besetzen. Die Plätze Italiens wurden von Arbeitern und Studenten in Beschlag genommen.

Allerdings folgte das "Staatsmassaker" auf der Piazza Fontana dem Erfolg auf dem Fuß: Am 12. Dezember 1969 explodierte im Eingang der Mailänder Landwirtschaftsbank eine Bombe, 16 Menschen starben, 80 wurden verletzt. Sie leitete eine Reihe terroristischer Bombenanschläge ein, die vom 12. Dezember 1969 bis zum 24. Dezember 1984 insgesamt 149 Menschen das Leben kosteten. Erst später kamen Beweise ans Licht, dass die Attentate auf das Konto von Neofaschisten gingen. Noch später, dass die Attentäter mit einem militärischen Geheimdienst der USA und mit inoffiziellen Einheiten der italienischen Geheimdienste, den "umgeleiteten Dienste", wie sie genannt wurden, in Kontakt standen.

Den streikenden Arbeitern und Studenten war es dennoch von Anfang an klar, dass die neofaschistischen Schlägertrupps, die immer wieder Universitäts-Besetzer und Demonstranten angriffen, nicht auf eigene Faust operierten. Der Piazza-Fontana-Anschlag, den die Polizei ohne Beweise Anarchisten in die Schuhe schob, wurde von der gesamten italienischen Linken sofort als "Staatsmassaker" erkannt - und nährte die Angst vor einem faschistischen Staatsstreich.

Nicht ohne Grund. 1966 war der "Solo-Plan", ein von Geheimdiensten ausgetüftelter, vom armeeähnlichen Carabinieri-Korps durchzuführender Putschplan, publik geworden. Am 8. Dezember 1970 drangen Anhänger des Fronte Nazionale Italiano des "Schwarzen Fürsten" Junio Valerio Borghese in das Innenministerium ein und erbeuteten sämtliche dort gelagerten Waffen. Warum der Fürst, ein ehemaliger Partisanen-Schlächter der Salò-Republik, mitten in der Nacht Befehl gab: "Kehrt marsch, alle nach Hause!" - das ist nie geklärt worden. Gewiss ist nur, dass die Idee der "verratenen Resistenza", eines antifaschistischen Widerstandskampfs, den es angesichts der brenzligen Lage wieder aufzunehmen galt, in manchen Kreisen der Studenten- und Arbeiterbewegung um die Jahreswende 1969/1970 dadurch Auftrieb erhielt.

"Sagen Sie, hätten Sie sich nicht bewaffnet? Mit einem faschistischen Putsch vor der Tür?", fragte mich jemand diesen Frühling in Rom.

Im Frühjahr 2008 ist der damals geplante Putsch auf "demokratischem" Wege gelungen. Die Erben des faschistischen Movimento sociale italiano sitzen einmal wieder in der italienischen Regierung. Der MSI-Gründer Giorgio Almirante, ehemaliger Kulturminister der Salò-Republik, soll nach dem Willen des jüngst gewählten Bürgermeisters von Rom mit einer Straße geehrt werden. Wen wunderte es, wenn jemand jetzt auf die Idee käme, die "Gewehre der Partisanen aus den Bergen herunterzuholen" ?

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