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1968 Das Plakat der Bewegung

Eher zufällig kam der Stuttgarter Künstler Ulrich Bernhardt auf den Slogan mit dem Wetter.

14.05.2008 00:05
GABRIELE RENZ
SDS-Plakat "Alle reden vom Wetter - wir nicht"
Januar 1968: Bernhardt (links) präsentiert mit einem anderen Studenten sein Werbeplakat. Foto: dpa

Das muss er sein. Ulrich Bernhardt. Der Künstler. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, schwarze Hosen, eine schwarze Existenzialistenbrille mit großen Gläsern, die sein Gesicht schmal wirken lassen. Das Plakat der 68er-Bewegung "Alle reden vom Wetter…", auf dem Engels, Lenin und Marx zu sehen sind, stammt von ihm. Nur der Spruch war geklaut, von einer Werbekampagne der Bahn.

Es gab damals Werbeplakate etwa für Markenartikel wie Coca-Cola oder Camel Filter. Und es gab politische Plakate, die langweilige Kopfbilder zeigten und die Wähler aufforderten, eine bestimmte Partei zu wählen. Ulrich Bernhardt aber ging einen neuen Weg. Er entwarf ein Werbeplakat, das kein Produkt bewarb - das sozialistische Trio gab es ja nicht zu kaufen - oder einen Kandidaten anpries, sondern mit einem verfremdeten Werbespruch eine politische Haltung vermittelte. Dieser ironische Zugang war neu.

Geglückte Springer-Blockade

Dabei kam Bernhardt, das erzählt er ganz freimütig beim Ginger Ale in einem Stuttgarter Café, nicht ganz allein auf die Idee. Er war etwas unter Druck, sollte 1967 für die Stuttgarter SDS-Hochschulgruppe ein Wahlplakat entwerfen. Auch sein Freund Jürgen Holtfreter puzzelte gerade an einem für die SPD-Jugendorganisation "Falken" herum. Auf dem Tisch lagen die drei ausgeschnittenen Köpfe auf einem schwarzen Blatt mit dem Bahn-Slogan. "Wahnsinn", fand Bernhardt. "Das ist es!" Der Freund haderte sowieso mit seinem Entwurf. Kurzerhand kaufte ihm Bernhardt für 20 Mark die Idee ab. Und färbte das Papier rot. Das Wetter-Plakat war geboren. Dass der SDS das Werk zunächst verschmähte ("Ein Bahn-Plagiat - machen wir nicht"), Bernhardt dennoch 300 Mark für den Siebdruck von einem bekannten Galeristen bekam und die ersten 50 von Hand gezogenen Exemplare aus Trotz neben dem SDS-Stand in der Mensa der Stuttgarter Uni verkaufte, lässt sich wohl nur mit der Unsicherheit im Umgang mit dieser neuen Form der politischen Auseinandersetzung erklären. Doch selbst Studenten des RCDS erstanden die revolutionsroten Plakate, was dafür spricht, dass schon damals die Ästhetik mindestens ebenso wichtig war wie die politische Botschaft.

Von der Vietnam-Konferenz in Berlin aus verbreitete sich das Plakat über ganz Europa, ja weltweit. "Das hing in jeder Bude", sagt Bernhardt. Selbst Liedermacher Wolf Biermann in Ostberlin soll das Plakat mit den Köpfen des Sozialismus' an die Wand gepappt haben. Von schließlich 50000 im Offsetverfahren gedruckten Exemplaren sind heute noch wenige im Umlauf - sie kosten bis zu 300 Euro.

SDS-Bundesvorstand KD Wolff erkannte dann 1968 den Wert der Ware und riss die Plakate an sich. "Ihr Genossen aus Stuttgart müsst halt mal hinter der gemeinsamen Sache zurückstehen", dekretierte der linke Leader. Aus den Einnahmen des Plakatverkaufs finanzierte man die politischen Prozesse gegen die "Rädelsführer". Das waren nicht wenige. Bernhardt sicherte sich erst vor kurzem die Rechte. Dass damals kein Gedöns gemacht wurde um irgendwelche Eigentumsansprüche, findet der Künstler - "vom Prinzip her" - heute noch gut. Das Plakat sei "Stuttgarts wichtigster Beitrag zur 68er-Revolte" schrieb die Stuttgarter Zeitung vor Jahren.

Von wegen, sagt der leise Bernhardt nun doch sichtlich empört und kramt in seinem schwarzen Hartschalenkoffer. Stuttgart werde bis heute in seiner Revolutionstauglichkeit unterschätzt. Bernhardt legt alte Fotos auf den Tisch und erzählt die Geschichte der einzigen in Deutschland geglückten Springer-Blockade. In Esslingen, vor den Toren Stuttgarts, wo Teile der Bild-Zeitung gedruckt werden, organisierten Bernhardt und seine Mitstreiter einen "total gewaltfreien, aber effektiven" Protest. Anders als in Berlin oder Frankfurt, wo bald Steine flogen, habe man im Schwabenland "intelligente Formen des Protests" gepflegt. Wie kokett: die siebeng'scheiten Schwaben! Der damalige Polizeipräsident habe auf psychologische Kriegsführung gesetzt. Seine Gegner auch.

Ulrich Bernhardt schnappt sich im Café, wo er von anderen aus der Stuttgarter Kunstszene mit "hallo Uli" begrüßt wird, einen Kugelschreiber und zeichnet Rechtecke aufs Blatt. "Hier die Druckerei, hier die Wasserwerfer, hier wir." Der damals 22-Jährige, den alle "Zwiebel" nannten, robbte zu den Rädern der Wasserwerfer und ließ mit einer Pferdekanüle einfach die Luft raus. So kamen nur zwei Wasserwerfer zum Einsatz, der Rest kam nicht vom Fleck. Die Blockade hielt. In dieser Nacht des 14. April 1968 wurde keine Bild-Zeitung ausgeliefert. Bernhardt zieht ein leicht gewelltes dpa-Foto hervor. Darauf ist eine Rotte junger Männer hinter einem VW-Käfer zu sehen, einer von ihnen ist der Kabarettist Peter Grohmann, der die Stuttgarter Bürgerbewegung "Anstifter" gründete.

Was ist Gewalt? - so lautete damals der Diskurs. Die Pferdekanüle, ist Bernhardt heute noch überzeugt, sei "keine Gewalt". Dabei grinst er so sehr, dass seine Augen asiatische Züge bekommen: "Die Sache damals hat einfach hingehauen."

Er sei nie ein "Linker der dogmatischen Richtung" gewesen, erzählt der 62-Jährige. "Bürokratie ist schlimmer als Kapitalismus." Bernhardt ist keiner, der noch einmal die alten Schlachten schlagen will, der verklärt. Höchstens bedauert: Dass das Aufklärerische, das Reflektierende den Bach runter gehe. Mangels Interesse.

Mao-Kopf mit Sprechblase

Trotz des bedeutenden SDS-Plakats war und ist der gebürtige Tübinger kein Propagandist, sondern ein politischer Mensch, der malt, fotografiert, arrangiert oder collagiert. Die 68er hätten sich geirrt. Kunst habe nie einen rein propagandistischen Zweck gehabt. "Völliger Quatsch", sei das. Revolte à la Bernhardt ging so: 1968 pinselte er einen Mao-Kopf mit der Sprechblase "enteignet Springer" auf eine Leinwand und stellte sie auf den Stuttgarter Schlossplatz. Dafür flog er aus der Portrait-Klasse des ehrwürdigen Professors, der keine "Propaganda" duldete - aber die Leute auf der Straße drehten sich nach dem Plakat um. Der Stuttgarter aber steht zu den "freien Protestformen", blieb in seinen Objekten, Fotografien und Installationen dem kritischen Blick auf die Welt treu. Genossenschaften, die sich in Solidarität abkoppeln, Bürgervereine, die aufbegehren. Dafür begeistert er sich. Und hat dennoch keine Berührungsängste mit dem Staat. Gerade arbeitet Ulrich Bernhardt in einem Pariser Atelier-Haus der baden-württembergischen Oettinger-Regierung als Stipendiat an einem Seine-Projekt. Auch das geht. Bernhardt hat sich arrangiert, ohne sich zu verbiegen.

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