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Zwei Regimes überlebt Vom Leben mitgenommen

Besuch bei einem Mann, der Hitler begegnet ist und dem Sozialismus Treue schwor: Walter Sell hat zwei deutsche Regimes überlebt – heute fühlt er sich einfach heimatlos. Die Stunde der Wiedervereinigung? „Ein Schlag ins Kontor, wie ein Begräbnis.“

01.10.2010 15:47
Maxim Leo
Walter Sell in seinem Zimmer im Altenheim: „Was sollte man rummeckern?“ Foto: Paulus Ponizak

Oft sitzt Walter Sell einfach nur so da, in seinem großen Ohrensessel mit der braunen Decke. Er spürt die Sonne, wenn sie durch das Fenster scheint. Sehen kann er seit neun Jahren nicht mehr, seit seine Frau gestorben ist. Als ob es auf einmal unnötig geworden wäre, noch Augen für die Welt zu haben. „Wenn der eine geht, dann macht auch der andere keine großen Sprünge mehr“, sagt er mit sonorer Stimme und ostpreußischem Dialekt. Im Herbst 2001 kam Sell in das Altenheim in Berlin-Friedrichshain. Er hat ein Zimmer für sich in der siebenten Etage, fünfzehn Quadratmeter. Hier sitzt er nun, fast 91 Jahre alt, und wartet, dass die Zeit vergeht. Neben seinem Sessel gibt es ein Bett und einen Schrank aus hellem Buchenholz, auf dem das Hochzeitsfoto steht. Sell in Wehrmachtsuniform, mit kantigem Kinn und Pomadentolle, daneben seine Frau, klein und schmal. Kriegshochzeit 1942, drei Tage Sonderurlaub hat er damals bekommen, dann ging es zurück an die Ostfront.

„Greifen sie mal in die Schublade“, sagt Sell. „Die weiße Tüte.“ In der Tüte liegt ein angelaufenes Stück Metall, ein Zentimeter lang, leicht gebogen. „Woronesch 1943, sowjetische Handgranate“, sagt Sell. Sechsundsechzig Jahre lang hatte er den Splitter in der linken Schulter und nie hat er was gemerkt. Vor ein paar Monaten schwoll sein Arm an und das Ding musste raus. So ist der Krieg noch mal kurz zurückgekommen.

Sell wurde im Oktober 1919 in Königsberg geboren. Die Eltern waren Landarbeiter, er war das jüngste von fünf Geschwistern. Ein Zimmer hatten sie, nicht viel größer als das hier im Altenheim und ein einbeiniger Großvater war auch noch mit dabei. Walter Sell war froh, wenn er nicht zu Hause sein musste, in der bedrückenden Enge der Familie. Die Hitlerjugend war eine Abwechslung, ein Zeitvertreib. Seine Lehre als Kaufmannsgehilfe hatte er gerade abgeschlossen, als er im April 1939 zum Arbeitsdienst musste. Sie lebten in einem Barackenlager in der Tilsiter Niederung und legten Sümpfe trocken. Ein paar Monate später wurde Sell in die Wehrmacht eingegliedert. Erstes leicht motorisiertes Straßenbau-Bataillon.

Einmal sah er einen Wehrmachts-Offizier, der vier Zivilisten von der Ladefläche eines LKW stieß und per Kopfschuss erledigte. Sell und seine Kameraden mussten die Leichen dann begraben. Es waren die ersten Toten, die er gesehen hat, im September 1939, zwei Wochen nach Kriegsbeginn.

Weil er groß, blond und sportlich war, kam Sell zum Wachbataillon nach Berlin. Er stand Posten vor der Reichskanzlei und der Neuen Wache. Einmal ging Hitler an ihm vorbei, Sell hat sein Gewehr präsentiert und der Führer nickte. Ziemlich stolz war er damals. „Ich konnte ja nicht wissen, was aus dieser ganzen Sache werden würde“, sagt er. „Ich bin da so reingerutscht, ohne es wirklich zu merken.“

So ähnlich war es später wohl auch mit der DDR, es gab keinen Anfang, keinen Moment der Entscheidung. Das Leben hat ihn mitgenommen, ein paar Zufälle haben ihn mal um die eine und mal um die andere Ecke geführt.

Laut Papieren nazistisch vorbelastet

Es begann schon damit, dass er durch einen kleinen Fehler der Amerikaner nicht ins Kriegsgefangenenlager musste, sondern noch im Herbst 1945 nach Hause zurück durfte. Seine Frau und sein im Kriegsurlaub gezeugter Sohn lebten in einer Wohnung in Köpenick, zusammen mit drei anderen ausgebombten Familien. Sein Sohn nannte ihn „Onkel“, weil er den Vater nie gesehen hatte. Auch für die Frau war er erst mal ein Fremder.

Sell hörte davon, dass Lehrer gebraucht werden und die Idee, diesen blassen, verängstigten Berliner Hinterhof-Kindern etwas beizubringen, gefiel ihm. Vor allem wollte er ihnen beibringen, dass Krieg eine schlimme Sache ist. Sie sollten sich nicht so irren, wie er es getan hatte. Aber erst einmal gab es Probleme mit den Papieren. In Sells neuem Ausweis stand, er sei nazistisch vorbelastet. Da traf es sich, dass sein Schwiegervater ein recht einflussreicher Sozialdemokrat war, der dem Jungen ein Schreiben mitgab, das ihm die Tür für die neue Zeit öffnete. Später ist Sell mit dem Schwiegervater mal in einer Versammlung der SPD gewesen und kurz darauf wurde er Mitglied. Keine drei Monate später ging die SPD in einer sozialistischen Einheitspartei auf. Und Sell war Genosse.

Er sagt, der Sozialismus sei für ihn damals genau das Richtige gewesen, nachdem der Nationalsozialismus so eine Pleite war. Ein paar Sachen kamen ihm sogar bekannt vor, aber darüber hat er nicht gesprochen. Sell wollte dazugehören zu den neuen Revolutionären, je schneller, desto besser. Im Februar 1946 begann er eine Ausbildung zum Hilfslehrer in Oberschöneweide, ein Jahr später fing er an der Mittelschule in Köpenick an. Seine Treue und sein Glauben waren schon bald so fest wie der Beton, aus dem später die Mauer gebaut wurde. Der neue Staat hatte ihm ein neues Leben geschenkt, das würde er ihm nie vergessen.

Deshalb hat ihn auch später kaum noch etwas aus dem Tritt gebracht. Ob Mauerbau oder Prager Frühling, für ihn war klar, dass es da nichts zu deuteln gab. „Was sollte der Einzelne rummeckern, das mussten die Genossen an der Spitze entscheiden“, sagt Sell. „Die haben mir vertraut und ich ihnen.“

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Er wird Schulrat in Berlin-Mitte, Vorsitzender der Traditionskommission, 1984 geht Sell in Rente, als noch alles in Ordnung war, wie er sagt. Fünf Jahre später fällt die Mauer. „Das war ein Schlag ins Kontor, wie ein Begräbnis.“ Zum zweiten Mal steht er ohne Heimat da. Am Anfang ignoriert er das alles so gut er kann. Er weigert sich einfach, in den Westen zu fahren, was soll er denn da? „Ich fühlte mich als DDR-Bürger und so schnell wollte ich die Fahne nicht wechseln.“ Erst 1993 berührt Sell zum ersten Mal westdeutschen Boden. Er fährt zum 80. Geburtstag seiner Schwester ins Rheinland.

Die Zeit vergeht und die DDR wird immer blasser in seiner Erinnerung. Er lebt jetzt in einem anderen Land. Sell sagt, es sei irre, wie schnell man sich an Dinge gewöhnt. Es müssen nur genügend Jahre vergehen. In seinem Kopf ist fast nur noch Vergangenheit. Der Krieg, der Wiederaufbau, die Hoffnung, das ferne Glück. Auf die DDR will er nichts kommen lassen, nicht das kleinste bisschen. Ein zweiter Irrtum wäre vielleicht zu viel. „Wenn ich nach Fehlern und Mängeln suche, dann finde ich welche. Aber ich suche nicht.“

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