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Übersiedler Von Ost nach West und zurück

Jochen und Angelika Schneider kamen 1990 aus Weißwasser in der Lausitz nach Hessen. Doch im Westen wurde das Paar nicht glücklich. Die Arbeit als sozialer Mittelpunkt des Lebens funktionierte hier nicht.

01.10.2010 23:54
Angekommen: In ihrer Wohnung mit Spreeblick sind die Schneiders glücklich. Das Haus im hessischen Lich ist verkauft. Foto: Paulus Ponizak

Auf den ersten Blick könnte man meinen, Familie Schneider habe es geschafft im Westen. Jochen Schneider, 68, sitzt neben seiner Frau Angelika, 62, auf dem Sofa in Lich, einem 13000-Einwohner-Städtchen in Hessen: Das Wohnzimmer ist geräumig, der Blick geht auf eine Terrasse mit gemauerter Feuerstelle, einem Teich und gepflegten Blumenbeeten.

Es ist ihr Haus, ihr Garten. 1990 sind die Schneiders aus Weißwasser in der Lausitz nach Hessen gekommen. Jetzt stehen neben ihnen Umzugskartons und Bananenkisten, eine Couch ist in Plastikfolie eingewickelt und lehnt hochkant in der Ecke. Sie haben beschlossen, Hessen zu verlassen und nach Köpenick im Südosten Berlins zu ziehen.

Jochen Schneider packt ein Röhrenradio aus den 50er Jahren ein, von dem er sich nicht trennen will. Schneider ist Ingenieur durch und durch. Bis 1990 leitete er im Braunkohlekraftwerk Bocksberg den Instandhaltungstrupp mit 30 Leuten. „Wenn es ein Problem gab, mussten wir nachts raus und die Sache in Ordnung bringen – oft ohne die passenden Ersatzteile zu haben“, erzählt Schneider. „Das war eine kreative Arbeit, die mir Spaß gemacht hat.“

Angelika Schneider packt im Erdgeschoss Fotos in eine Kiste, eines zeigt sie Anfang der 80er Jahre mit wasserstoffblonden Locken. Als das Foto entstand, leitete sie die Kulturabteilung des Kraftwerks Bocksberg mit 18 Mitarbeitern, organisierte Veranstaltungen, die vor allem abends stattfanden.

Dass im Westen nicht alles schön und bunt ist, erlebten die Schneiders schnell

Dann kam die Wende. Eine Cousine, die in Gießen wohnt, schwärmte ihnen von den Möglichkeiten vor, die sie im Westen haben würden. „Meinen ersten Besuch in Gießen habe ich kaum verkraftet, alles war so bunt, so gepflegt, es gab alle Waren“, sagt Angelika Schneider. Sie beschlossen, nach Hessen zu gehen. Gregor, der Sohn, war 13, die Tochter Babette 23. Sie kam nicht mit, sondern wanderte in die USA aus. In der Warteschlange vor dem Empire State Building in New York lernte sie ihren zukünftigen Mann kennen. Der Sohn lebt heute in Tübingen.

Dass im Westen nicht alles schön und bunt ist, erlebte Jochen Schneider schnell. Seine erste Stelle hatte er bei einem mittelständischen Betrieb für Kühlaggregate. Nach vier Monaten sagte ihm der Chef, dass er ihn nicht mehr bezahlen könne.

Am 14. Geburtstag des Sohnes, die Verwandtschaft aus der DDR war zu Gast und bewunderte die schicke neue Wohnung, wusste er: Er war zum ersten Mal in seinem Leben arbeitslos. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, einen Monat lang verließ er das Haus nicht.

„Wir haben die Schattenseiten des Kapitalismus schnell kennen gelernt“,, sagt Angelika Schneider, solche Begriffe benutzt sie bis heute. Im Mietshaus hatten sie die schönste und größte Wohnung. Der Nachbar klagte wegen Ruhestörung, weil die Schneiders mit zwei Gästen ihre Silberhochzeit feierten, beschimpften den Sohn im Treppenhaus, aus Neid, meinen sie. Das alles war neu für sie.

Nach einem Vierteljahr fand Jochen Schneider wieder eine Stelle, mit einem Kredit kauften sie das Haus in Lich. Drei Jahre später dann wieder Arbeitslosigkeit, jetzt waren noch die Raten für das Haus abzubezahlen – und er war schon über 50.

Jochen Schneider kam nach einem Jahr Weiterbildung als Praktikant zu ABB, einem Hersteller von Robotern für die Autoindustrie. „Das war der schönste Job in meinem Leben“, sagt er. „Ich hab zu denen gesagt, wenn ihr mich nicht übernehmt, dann komme ich trotzdem wieder, bis ich euch überzeugt habe – und dann haben sie mich übernommen.“

Angelika Schneider arbeitete 17 Jahre als Bürokauffrau in einem Autohaus – bis man ihr von einem auf den anderen Tag kündigte. Doch für Jochen Schneider lief es bei ABB gut, zehn Jahre arbeitete er dort, bis zu einem Herzinfarkt 2006. Er lag im Koma, war Monate in einer Reha-Klinik.

„Damals ist mir aufgefallen, wie einsam wir hier sind“, sagt Angelika Schneider. „Ich hatte hier ankommen und heimisch werden wollen, aber es hat einfach nicht funktioniert.“ Im Job habe sie nur mit Kolleginnen zusammen gearbeitet, die jünger als ihre eigenen Kinder waren, sagt Angelika Schneider. Ihr Mann sagt, er habe sich zwar gut mit seinen Kollegen verstanden, die seien allerdings aus allen Himmelsrichtungen angereist, viele über hunderte von Kilometern. „Nach der Arbeit, war es kaum möglich, etwas gemeinsam zu machen.“

Auch in ihrer Nachbarschaft blieben die Schneiders Fremde

Die Arbeit als sozialer Mittelpunkt des Lebens, das funktionierte nicht im Westen. Angelika Schneider versuchte es am Anfang in einem Sportverein, aber nach dem Training seien die anderen Frauen etwas trinken gegangen und hätten sie nicht mitgenommen. Das Vereinswesen blieb den Schneiders fremd. In einer Sauna-Gruppe waren sie, hauptsächlich mit Lehrern. „Wir kamen aus Texas von unserer Tochter, fingen an zu erzählen, was wir erlebt hatten – nach zwei Minuten erzählten die nur von ihren tollen Fernreisen und hörten nicht zu“, erzählt Angelika Schneider. „So aufdrängen muss ich mich wirklich nicht.“

Auch in ihrer Nachbarschaft blieben die Schneiders Fremde, fünf aus der Siedlung grüßten sie auch nach 18 Jahren nicht. Viele Nachbarn seien missgünstig gewesen, weil die Schneiders aus der DDR kamen, hat ihnen ein Ehepaar kurz vor dem Umzug gesagt.

„Die waren neidisch, dass wir uns hier ein Haus kaufen konnten, obwohl wir doch aus diesem kaputten, gescheiterten Land kamen“, sagt Angelika Schneider. Ein eigenes Haus zu haben, das hätten sie in der DDR nie geschafft. „Aber wir konnten uns doch nicht permanent dafür entschuldigen.“

Der Herbst kündigt sich an, Angelika und Jochen Schneider sitzen auf dem Balkon ihrer 80-Quadratmeter-Mietwohnung mit Blick auf die Spree. Die Beiden haben ihren ersten Sommer in Berlin verbracht, man spürt ihre Lebenslust, wenn sie von ihren Streifzügen durch die Hauptstadt erzählen. Und Weißwasser, die alte Heimat, ist jetzt auch wieder nahe. „Wir sind einfach glücklich“, sagt Angelika Schneider.

Das Haus in Hessen haben sie verkauft, und sie trauern ihm nicht hinterher. Es gehe im Leben doch nicht alleine um das Materielle. Die Schneiders möchten noch einmal Freunde finden, vielleicht klappe das ja in Berlin. Ein paar Bekanntschaften haben sie jedenfalls schon gemacht, seit sie in Köpenick leben, vielleicht werden ja sogar Freundschaften daraus. Hier, das spüren Angelika und Jochen Schneider, spricht man ihre Sprache.

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