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Revolutionärin Späte Flucht vor den Schergen der Stasi

Evelyn Zupke gehört zu den Anstifterinnen der Wende in der DDR. Nach 1989 traf sie immer wieder auf ihre Peiniger. Sie zieht einen Schlussstrich und zieht nach Hamburg.

01.10.2010 20:45
Renate Oschlies
Organisierte Demos auf dem Alexanderplatz in Berlin: Evelyn Zupke, 21 Jahre später im Hamburger Museumshafen. Foto: Paulus Ponizak

Evelyn Zupke gehört zu den Anstifterinnen der Wende in der DDR. Nach 1989 traf sie immer wieder auf ihre Peiniger. Sie zieht einen Schlussstrich und zieht nach Hamburg.

Das Wasser der Elbe glitzert, die alten Kähne leuchten im Terrassencafé am Museumshafen in Altona. Hier treffen sich Hamburger mit ihren Gästen. Seit fast drei Jahren arbeitet Evelyn Zupke in Hamburg, lebt im nahen Winsen. Als Sozialarbeiterin hilft sie psychisch Kranken, wieder mit ihrem Alltag zurechtzukommen. Sie hat hierher geheiratet. Sie wollte diesen Neuanfang, wollte von ihrer Vergangenheit in der DDR Abstand gewinnen.

Evelyn Zupke ist eine der Anstifterinnen der friedlichen Revolution in der DDR. 1989 deckt sie zusammen mit Freunden die Fälschung der Kommunalwahlen am 7. Mai durch das SED-Regime auf – der Anfang vom Ende der DDR. Wie wird man in der Diktatur so mutig, mit damals 27 Jahren?

Evelyn Zupke, 1962 als Tochter einer alleinerziehenden Lehrerin im Badeort Binz auf Rügen geboren, wächst in einem wenig angepassten Umfeld auf. Auf der Oberschule wird sie aufmüpfig, sagt, was sie denkt. Kurz vor dem Abitur sagen ihr die Lehrer, für ein Studium brauche sie sich gar nicht zu bewerben. Sie lernt Kellnerin in einem Ferienheim der Einheitsgewerkschaft. Die Strandterrasse beschallt sie 1983 mit Udo Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow“, weigert sich, für ein Fernstudium in die Partei einzutreten, geht demonstrativ nicht zur Wahl. Die Chefs schikanieren sie.

Sie will weg von der Insel, Sinnvolles tun. Mit ihrem Freund zieht sie nach Ducherow bei Anklam, wo sie als Hilfspflegerin in einem kirchlichen Heim für geistig Behinderte anfängt. Sie heiratet, bekommt ein Kind, lässt sich scheiden. Als Heilerziehungspflegerin zieht sie 1986 nach Berlin. Hier trifft sie Gleichgesinnte, ist in oppositionellen Gruppen aktiv.

An jenem Wahlsonntag im Mai 1989 überwachen sie und ihre Mitstreiter im Berliner Stadtbezirk Weißensee die Auszählung der Stimmen, wie es das pseudodemokratische DDR-Wahlrecht gestattet. Als Egon Krenz das offizielle Ergebnis bekanntgibt – 98,85 Prozent Ja-Stimmen – ist klar, dass der Staat die Wahl gefälscht hat. Etwa zehn Prozent Nein-Stimmen haben die unabhängigen Beobachter gezählt. Als der Protest totgeschwiegen wird, die Bürgerrechtler kriminalisiert werden, organisiert Evelyn Zupke mit anderen an jedem 7. eines Monats Demonstrationen auf dem Alexanderplatz. Am 7. Juli schlägt die Stasi das erste Mal brutal zu. Zupke wird verhaftet.

Die Vernehmer drohen ihr, sie solle Namen nennen, sie wolle doch nicht, dass ihr dreijähriger Sohn ohne Mutter aufwachsen müsse. Immer wieder wird sie verhaftet. Sie hat Angst, man könnte ihr Kind in ein Heim stecken. Im November 1989 ist der Spuk vorbei. Evelyn Zupke gehört zu den Stasi-Auflösern, bereitet die erste freie Wahl im März 1990 vor, arbeitet im neugegründeten Haus der Demokratie. Akten statt Aktionen. Nach einer Weile „fragte ich mich, was mache ich hier eigentlich“, erzählt sie. Sie geht 1994 für zwei Jahre nach Irland. In Deutschland gelingt es in dieser Zeit etlichen Protagonisten des untergegangenen SED-Staates wieder, gut bezahlte Posten zu erlangen. Frühere Stasi-Vernehmer sitzen als Anwälte in Kanzleien. Ärzte, die ihre Patienten verraten haben, werden Chefärzte.

Evelyn Zupke arbeitet nach ihrer Rückkehr in der Albert-Schweitzer-Stiftung in Blankenfelde bei Berlin. Eines Tages sieht sie einen Mann, den sie kennt. Sie erstarrt. Es ist ein früherer Psychiater aus dem Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen. Die Stiftung hat Dr. Dr. Horst Böttger zur Betreuung der etwa 500 alten und behinderten Bewohner bestellt und bezahlt ihn gut.

Böttger erschlich sich zu DDR-Zeiten das Vertrauen der gequälten Häftlinge. Er sei ihr Arzt, ihm könnten sie sich anvertrauen. Er schnitt alles mit und gab es weiter. Viele wurden vor allem aufgrund dieser Arztgespräche verurteilt. Andere erhielten Injektionen, die ihr Bewusstsein veränderten. Einer der Doktortitel steht für die Dissertation an der Stasi-Hochschule – Thema: „Die Optimierung der Zersetzung Andersdenkender“. Mehrere Prozesse gegen Böttger endeten mit Freispruch wegen Verjährung oder aus Mangel an Beweisen. Die Stasi war gut im Vernichten von Beweisen.

Zupke legt der Heimleitung Presseberichte vor. Doch diese findet, jeder solle eine zweite Chance bekommen. Eine Vorgesetzte aus dem Westen sagt: „Auch bei uns in der Bundesrepublik gab es Berufsverbot. Das wollen wir nicht mehr.“ Betreuer vieler Behinderter untersagen die Versorgung ihrer Mandanten durch Böttger. Doch der bleibt und betreut die übrigen Bewohner. Gemeinsam mit einer Kollegin will Zupke sich an die Medien wenden; es wird ihr untersagt. Man entzieht ihr Kompetenzen, sie wird gemobbt und krank.

Mehrere Monate kann sie nicht arbeiten. Dann sieht sie im Heim ein weiteres bekanntes Gesicht. Ein Rechtsanwalt mit Ohrring und blondierter Igelfrisur. Er ist kaum wiederzuerkennen, der DDR-Staatsanwalt Genosse Schneider, jetzt gesetzlicher Vertreter eines Behinderten. 1986, nach ihrer Strafanzeige wegen des Wahlbetrugs, hatte er sie vorgeladen und verwarnt: „Es kann nur eine Wahrheit geben, und die steht im ,Neuen Deutschland‘.“ Daran will er sich nicht erinnern. Evelyn Zupke wird es zu viel. So kommt sie nach Hamburg. Privat ist sie hier glücklich, die Arbeit gefällt ihr, die Kollegen sind freundlich. Und doch fühlt sie sich irgendwie fremd. Vielleicht, weil sie ihre Vergangenheit hier mit niemandem teilen kann.

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