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Bildungsberaterin Die Direkte

Birka Schmittke berät Schulen in Berlin, die von Schulinspekteuren schlecht bewertet wurden. Sie würde es begrüßen, wenn mehr Ostdeutsche eine leitende Position in der Bildungsverwaltung hätten.

01.10.2010 18:16
Martin Klesmann
Kennt Ost- wie Westlehrer: Birka Schmittke. Foto: Paulus Ponizak

Birka Schmittke berät Schulen in Berlin, die von Schulinspekteuren schlecht bewertet wurden. Sie würde es begrüßen, wenn mehr Ostdeutsche eine leitende Position in der Bildungsverwaltung hätten.

Das Büro von Birka Schmittke ist akkurat eingerichtet. Es ist kein gemütlicher Ort, vielleicht ist das Absicht. Die Gespräche, die Birka Schmittke hier führt, sind oft unangenehm für die, die sie herbestellt hat. Direktoren von Schulen, in denen das Kollegium gegeneinander arbeitet und der Krankenstand hoch ist, müssen ihr erklären, warum das so ist.

Manchmal muss Schmittke einem Schulleiter sagen, dass er für seinen Beruf nicht geeignet ist. Hin und wieder spürt Birka Schmittke bei den Lehrern, die ihr gegenübersitzen, Verwunderung darüber, dass ausgerechnet sie die Aufgabe hat, Leistung und pädagogischen Einsatz einzufordern. Eine Frau aus dem Osten. Birka Schmittke arbeitet in der Senatsschulverwaltung, sie leitet ein Beratungsteam für Schulen, die von Schulinspekteuren schlecht bewertet wurden. Pro Schul heißt es, ihre Idee. Sie trägt ein schwarzes Kostüm, hat lebhafte Augen und eine direkte, offene Art.

Sie findet, dass es nicht schlecht wäre, wenn mehr Ostdeutsche eine leitende Position in der Bildungsverwaltung hätten. So wie sie. Dann gäbe es vielleicht mehr Verständnis für die Unterschiede, die es 20 Jahre nach der Vereinigung des Berliner Schulwesens immer noch gibt. „Nein sagen können, das fällt Lehrern aus dem Osten schwerer“, sagt sie. „Sie setzen lieber sofort etwas in die Tat um, als es kritisch zu hinterfragen.“ Im Westen der Stadt werde vieles, was ein Schulleiter anregt, kritisch beleuchtet, manchmal auch zerredet. Man habe „unterschiedliche Konferenzkulturen“ im Lehrerzimmer.

Konflikte und Vorurteile gibt es auch immer wieder, wenn Lehrer aus dem Ostteil auf Eltern aus dem Westteil treffen. Vor ein paar Monaten ging es etwa um einen Schulleiter aus Tempelhof. Eltern hatten ihm unterstellt, dass er die Kinder anbrülle und sogar schlage. Dieser autoritäre Geist rühre daher, dass der Schulleiter aus dem Osten stamme, hieß es. Nach Rücksprache mit Pro Schul beantragte der selbst disziplinarische Ermittlungen gegen sich. Schließlich stellte sich heraus, dass ihm nichts vorzuwerfen war.

Birka Schmittke kommt selbst aus der Praxis, sie war Lehrerin, dann Schulleiterin. Mit 22 Jahren unterrichtete sie schon an einer Polytechnischen Oberstufe in Friedrichshain. Als die Mauer fiel, empfand sie „zunächst Freude, dann Unsicherheit“. Sie kehrte an ihre alte Schule zurück. Es folgte das schönste Schuljahr überhaupt. „Ich konnte unterrichten, was ich wollte.“

Nach der Vereinigung kamen an Schmittkes Schule Schulräte aus dem Westen, die vieles besser zu wissen glaubten. Einige besonders linientreue DDR-Lehrer mussten gehen. Es gab nun feste Lehrpläne und einen Austausch mit der West-Partnerschule, der Kreuzberger Borsig-Realschule.

Ungläubig registrierten die Ost-Lehrer, dass die Kreuzberger Pädagogen vor allem damit beschäftigt waren, den überwiegend türkischen Schülern korrektes Deutsch beizubringen. Birka Schmittke aber wunderte sich am meisten darüber, wie die West-Lehrer die Noten vergaben. „Für mich war es unvorstellbar, dass Eltern nicht nachvollziehen konnten, wie eine Note zustande kam.“

In der DDR musste jede Zensur ins Klassenbuch eingetragen werden und es gab zentrale, standardisierte Tests. Jetzt trugen die Lehrer in einer persönlichen Kladde die Noten spazieren. Und überhaupt: diese Kreuzberger Lehrer.

Birka Schmittke lacht auf, zögert, will nicht verraten, was sie gerade gedacht hat. Dann sagt sie es doch. Einige jener Lehrer sahen nämlich so aus, wie sie sich Obdachlose vorgestellt hatte. Schlabber-Pullover, längere Haare und Plastiktüte in der Hand. Sie fragte sich damals, wo diese gut verdienenden West-Lehrer all ihr Geld lassen und welche Wertvorstellungen wohl hinter ihrem Erscheinungsbild steckten?

Bald wurde Birka Schmittke Schulleiterin und tat etwas, was viele Kollegen sehr kritisch sahen: Sie organisierte ihre Schule, die inzwischen Georg-von-Weerth-Realschule hieß, wie ein Unternehmen. Viele West-Kollegen hatten sich ganz gut auf ihrem Beamtenposten eingerichtet, sie dagegen war voller Energie. Sie stellte Hergebrachtes infrage, wollte etwas ändern. Das ist bis heute so.

Sie kooperierte auch mit Unternehmen. Etliche Preise, vornehmlich von Wirtschaftsverbänden, erhielt die Schule etwa dafür, dass 98 Prozent aller Absolventen sofort eine Lehrstelle bekamen. Ein Rekord, der die Schule bekannt machte. Vor ein paar Jahren wollte Birka Schmittke etwas Neues machen, sie wurde Schulrätin und störte sich an dem „Papierkram“. Sie legte dem Schulsenator ihr Konzept für Pro Schul vor. Und überzeugte. „Ein bisschen mehr Osten wäre hier schon schön“, sagt sie noch. „Unbedarfter im Umgang, nicht so taktierend, einfach auf die Leute zugehend.“ Dann muss sie zur nächsten Sitzung.

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