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Aufgewachsen in Prenzlauer Berg Sophies Welt

Ein ehemaliges ostdeutsches Model entdeckt seine Identität: Sehnsucht nach Bescheidenheit statt Überfluss.

01.10.2010 21:50
Anne-Lena Mösken
Findet es bis heute nicht einfach, ihren Platz zu finden: Sophie Kleiber. Foto: Paulus Ponizak

Die Namensschilder sind in blank poliertes Messing eingelassen, das Holz des Türrahmens ist abgezogen, lackiert und geölt. „Das war früher alles anders“, sagt Sophie Kleiber und blickt an der weiß getünchten Hauswand empor. Als eine Frau mit Kinderwagen sich umständlich aus dem Eingang zwängt, schlüpft sie mit einem Lächeln hinein. Im Treppenhaus riecht es nach Putzmitteln, dann steht Sophie im Innenhof, dreht sich. „Hier habe ich als kleines Mädchen auf dem Boden gesessen und mit Kreide gemalt.“

Sophie ist 20 Jahre alt, geboren am 10. Dezember 1989, aufgewachsen in der Winsstraße 5 in Prenzlauer Berg, als es dort noch schmutzig und grau war. „Jetzt ist hier alles neu und schick“, sagt Sophie, „früher war es viel härter aber irgendwie auch...“, sie überlegt kurz, „ehrlicher.“

Es hat Sophie lange nicht sonderlich interessiert, wo sie herkommt. Bei Familienfesten saß sie bei ihren Verwandten und hörte sich die alten Geschichten aus der DDR an, aus Thüringen, wo die Eltern ihres Vaters ihr Leben lang in der Landwirtschaftlichen Betriebsgenossenschaft (LPG) gearbeitet haben; aus Mecklenburg, wo die Familie ihrer Mutter herkommt, wo der Onkel seinen Wehrdienst an der Ostsee leistete und mit 20 zu hören bekam: „Wenn einer flieht, musst du schießen.“

Sie hörte die Geschichten von Westpaketen, wie ihre Mutter die Kaugummis daraus tagelang kaute, wie die Schokolade gehortet wurde. Es waren die Anekdoten ihrer Familie, die sie begleiteten, die doch nichts Besonderes waren, weil jeder diese Geschichten zu erzählen hatte, die Eltern ihrer Freunde und Schulkameraden, die genau wie sie aus dem Osten kamen.

Und doch saß sie irgendwann weinend im Geschichtsunterricht, als sie einen Film über die Wiedervereinigung schauten. Über den Bildschirm flackerte der deutsche Bundestag, die Politiker standen auf und sangen die Nationalhymne. Sophie berührte das, auch wenn sie nicht dabei gewesen war. Es war ihre Geschichte.

Wenn sie heute durch Prenzlauer Berg läuft, sagt sie Sätze wie: „Das kann man sich ja gar nicht mehr vorstellen, dass hier eine Mauer steht, und du weißt nur, auf der anderen Seite, da ist irgendwas.“ Die Eltern haben ihr immer wieder erzählt, dass sie davon träumten, was da auf der anderen Seite sein könnte. „Von ihrer Sehnsucht nach der Freiheit“, sagt Sophie. Sie wuchs damit auf.

In den Ferien fuhr sie nach Thüringen, wo die Tante noch immer mit der Großmutter auf dem Bauernhof lebte, wo sich auch zehn Jahre nach der Wende nicht viel geändert hatte. Mit 13 kaufte Sophie sich ein T-Shirt mit dem DDR-Wappen darauf, weil es „in“ war. Die Eltern zogen die Augenbrauen hoch: „Du weißt gar nicht, wie hart das Leben damals war“, sagten sie. Sophie zog das T-Shirt wieder aus.

Sophies Mutter eröffnete eine psychiatrische Praxis unweit der Winsstraße. Erst kamen die Existentialisten aus dem Osten in ihr Wartezimmer, später Immobilienmakler und Grafikdesigner, die alles hatten und trotzdem unglücklich waren. Sophie stand bei Kaiser’s an der Kasse, sie war noch Schülerin, und wurde als Model entdeckt.

Sie war 17, ein großes, schlankes Mädchen, das fortan nur noch Salat aß, bis die Schlüsselbeine sich scharf unter der Haut abzeichneten und Strenesse und Kaviar Gauche sie für die Fashion Week buchten. Mit ausdruckslosem Gesicht und auftoupierter Mähne stakste sie über den Laufsteg. Sie fühlte sich hin- und hergerissen. Hier bekam sie Anerkennung, buchte einen Job nach dem anderen, man wollte sie nach Mailand und Paris bringen. Und doch spürte sie, das war nicht ihre Welt.

Während Sophie nur noch ans Essen dachte und das viele Geld, das sie verdiente, für Klamotten ausgab, weil ein Model schön aussehen muss, wenn es auf Castings geht, hob die Tante in Thüringen jedes Fitzelchen Alufolie auf, um es noch einmal zu verwenden.

Sophies Welt entzauberte sich. Sie hatte genug

Das Modeln wurde ihr zu viel. Sie wurde immer öfter plötzlich krank, sobald sie einen neuen Job bekam. Das ewige Hungern wurde so hart, dass sie manchmal Essen nur noch so in sich hineinstopfte. Und dann stand sie eines Tages im Showroom, die Kunden flanierten an den Models vorbei, und als Sophie dem Mädchen neben sich etwas zuflüsterte, sagte eine Einkäuferin zu ihrer Kollegin: „Die können ja sprechen.“ Sophie blieb die Luft weg. „Will ich so leben?“ fragte sie sich. Sie hatte genug.

Sie findet es bis heute nicht einfach, einen Platz zu finden. „Meiner Generation ist es ja auch ein bisschen genommen, sich von irgendetwas zu emanzipieren“, sagt sie. Im Westen klagten die Kinder ihre Eltern an, weil sie in den Krieg gezogen waren. In der DDR war man gegen das System. „Wir empfinden heute irgendwie Wut, auf das, was ist, aber es ist so in der Luft, du willst dich befreien, aber du weißt nicht wovon.“

Sie hat das Gefühl, dass viele deshalb so wahllos und ziellos leben. Alles dreht sich um die nächste Party, das neue Handy, das Facebook-Profil, das neue Projekt. „Allein dieses Wort!“ sagt Sophie und verdreht die Augen. „Ich würde gern mehr verzichten“, sagt sie, und dass sie sich sehnt nach dieser Bescheidenheit, die sie von der Tante aus Thüringen kennt.

Dieses Gefühl von Gemeinschaft und Sicherheit, das fehlt ihr in dieser Welt von Individualisten. „Was wir jetzt alles haben und konsumieren, das ist viel zu viel“, sagt sie. Sie weiß, dass sie das nur deshalb sagen kann, weil sie die Wahl hat. „Es ist viel einfacher, dich gegen das alles zu entscheiden, wenn du das andere Extrem gelebt hast. Du musst erst einmal alles haben können, um dann zu wissen: Ich will das gar nicht.“

Als sie durch das Treppenhaus in der Winsstraße 5 zurück auf die Straße geht, fällt ihr noch auf, dass der Boden derselbe geblieben ist, kleine quadratische Fliesen. Sophie tritt vor die Tür, überlegt kurz, ob sie schon nach Hause fahren soll, nach Kreuzberg, wo sie gerne lebt, weil es dort noch ein bisschen roher ist als hier. Außerdem ist dort ihre Schule, Sophie macht jetzt eine Ausbildung zur Heilpraktikerin. Sie mag, dass sie lernt, anderen Menschen zu helfen. Sie entscheidet sich, noch schnell den Vater zu besuchen, der lebt bis heute hier, zwei Straßen weiter.

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