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Aufbau Ost Die Westlaken waren länger

Ein Däne kaufte nach der Wende eine Wäscherei in Neubrandenburg und findet Arbeiter und ein Zuhause. Der ehemalige VEB Textilreinigung heißt heute „Frische Wäsche“ und beschäftigt 120 Arbeiter statt 500.

01.10.2010 21:43
Anja Reich
Jörg Sönderby ist Unternehmer in Neubrandenburg. Foto: Paulus Ponizak

An einem kalten Herbstabend des Jahres 1990, wenige Wochen nach der deutschen Wiedervereinigung, klingelt in einem Haus am Rand von Kopenhagen das Telefon. Jörgen Sönderby, Anfang 30, Betriebsleiter einer Wäscherei, nimmt den Hörer ab. Sein Vater ist dran. Er fragt: „Wollen wir eine Wäscherei kaufen, in der ehemaligen DDR?“„Ja“, sagt Jörgen Sönderby. Nichts weiter.

Sechs Monate später wird er seine Freundin heiraten, ein Jahr später wird er in Neubrandenburg den VEB Textilreinigung kaufen, drei Jahre später wird sein Sohn Sebastian geboren, fünf Jahre später sein Sohn Andreas, und nach 20 Jahren, an einem Spätsommertag des Jahres 2010, antwortet Sönderby auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, hier, in Neubrandenburg, alt zu werden: „Hier ist meine Wäscherei. Hier ist mein Zuhause. Hier ist die Heimat meiner Kinder. Wo sollen wir denn hin?“ Soviel kann ein „Ja“ auslösen.

Wenn man von der Berliner Autobahn zu Jörgens Sönderbys Betrieb fährt, kommt man an Wohnhäusern mit vernagelten Fenstern und Fabrikruinen vorbei. Sie sind aus einer Zeit übriggeblieben, als Neubrandenburg noch Bezirksstadt mit 90.000 Einwohnern, Reifenwerk, Panzerwerk, Flugzeugfabrik und einem nagelneuen Pharmawerk war.

Der ehemalige VEB Textilreinigung ist einer der wenigen Betriebe, die überlebt haben. Er heißt heute „Frische Wäsche“, versorgt statt 22.000 Privathaushalten knapp 40 und beschäftigt 120 Arbeiter statt 500. Im Bürogebäude stehen viele Räume leer, die Kantine hat zugemacht, da, wo sich früher das Wochenheim befand, in dem die Schichtarbeiterinnen ihre Kinder abgaben, ist heute ein Parkplatz.

Die Angestellten standen irgendwann einfach um sechs Uhr vor der Tür

Jörgen Sönderby wirkt klein und fremd, wie er in seinem guten Hemd, den blank geputzten Schuhen und dem schmal geschnittenen Anzug zwischen Industriebaracken steht. Menschen sind nicht zu sehen. Sönderby sieht auf die Uhr und sagt: „Wenn wir vor Dienstschluss noch die Wäscherei sehen wollen, müssen wir uns beeilen.“ Dienstschluss? Es ist doch erst kurz nach zwei. „Die Leute haben um sechs angefangen“, sagt er. „Das ist Osten.“

Er öffnet die Tür zu einer Halle, läuft an Wagen mit Krankenhauswäsche und einem brummenden Metallcontainer vorbei, lächelt Frauen zu, die noch die letzten Handtücher auf eine Trockenpresse legen. Zum Anfang fingen sie erst um 6.45 Uhr an zu arbeiten. Aber dann, vor etwa fünf Jahren, standen sie um sechs vor der Tür. Dabei blieb es. „Die Leute hier stehen gerne so früh auf“, sagt Sönderby. „Wahrscheinlich gehen sie früh schlafen.“ Er zuckt die Schultern, die Dinge sind nun mal so. Sie sind anders. Gerade das hat ihn ja gereizt, damals, als er in das Land aufbrach, von dem er nichts wusste, außer dass hier gerade alle möglichen Betriebe günstig verscherbelt wurden .

Neubrandenburg war Zufall. Es hätte auch Berlin, Potsdam oder Rostock werden können. Ein Jahr lang zogen sie durchs Land – er, sein Vater und Herr Jensen. Sein Vater hatte mal eine Molkerei und eine Wäscherei besessen und wegen Steuerbetrugs im Gefängnis gesessen. Herr Jensen hatte mal bei Siemens gearbeitet und sprach gut Deutsch. Hieß es. Die Treuhand in Berlin gab ihnen Listen mit Wäschereien, es waren viele Wäschereien, aber meist war ein Haken dabei.

Ein Problem war auch, dass Herr Jensens Deutsch inzwischen ziemlich eingerostet war. „Wir wurden immer als dänische Delegation vorgestellt“, sagt Sönderby, „dabei waren wir nur drei kleine Dänen, die kein Deutsch sprachen.“ Im Juni 1991, kamen sie nach Neubrandenburg, einer Kleinstadt zwischen Kopenhagen und Berlin, hier gab es keinen Haken, sie bezahlten 200000 D-Mark, und am 2. Januar 1992 zog Jörgen Sönderby in ein Lehrlingswohnheimzimmer, weil keine Wohnung zu kriegen war.

Er aß Bockwurst in der Kantine, stand nachts auf, weil nur dann die Fax-Leitung frei war, kaufte neue Maschinen und Tausende von Laken, weil die Krankenhaus-Betten im Osten denen im Westen angepasst wurden – die Westbetten waren länger. Sonst, sagt er, ließ er alles so weiterlaufen. Die Arbeiter waren gut, er brauchte ihnen nichts zu sagen, nur mit seiner Art von Humor konnten sie nichts anfangen. „Sie haben gesagt: Lassen Sie den Quatsch. Sagen Sie einfach, was Sie wollen.“ Er redet schnell. Deutsch klingt bei ihm wie eine freundliche, leicht unverständliche Sprache mit vielen S-Lauten. „Es war ein Abenteuer“, sagt er. „Das Abenteuer meines Lebens.“

Für Sönderbys Söhne ist Neubrandenburg zur Heimat geworden

Als seine Frau, die im ersten Jahr noch als Bauingenieurin in Ostberlin gearbeitet hatte, nachzog, mieteten sie sich eine Wohnung im Reitbahnviertel, Plattenbau, 62 Quadratmeter, dritter Stock. Die Wohnung war bald zu klein für das Paar, ihren ersten Sohn und das Aupair-Mädchen. Sie zogen in ein Dachgeschoss. Ihr Leben wurde immer mehr so, wie sie es aus Dänemark kannten. Vielleicht sogar besser. Sie traten in den Rotary-Club ein, spielten Golf, bauten ein großes Haus, nicht weit vom schönen Tollensesee. Es steht auf einem Hügel in einer Wohnanlage mit Carports, Hecken und Zierrasen. Wenn man auf der Wiese steht und hinunter in die Stadt sieht, könnte man meinen, in einem Vorort von Kanada oder Dänemark zu sein.

Es ist früher Abend, die Einheimischen liegen vermutlich bereits im Bett, Sönderbys Frau Anne-Marie kommt vom Einkaufen, die Söhne machen Hausaufgaben. Zwei hochgewachsene Jungen, die auf die Frage, was sie von den anderen in ihrer Klasse unterscheidet, sagen: „Wir sind größer.“ Und auf die Frage, was für sie die DDR ist, rollt Andreas ratlos mit den Augen und sein großer Bruder sagt entschuldigend: „Kommt erst in der Zehnten dran.“ Sie sind hier geboren, gehen hier aufs Gymnasium, Andreas spielt Handball, Sebastian segelt. Fühlen sie sich wohl in Neubrandenburg? „Ich kenne nichts anderes“, sagt Sebastian. „Mir ist es zu langweilig“, sagt Andreas.

Wahrscheinlich werden sie wegziehen, wie so viele junge Menschen hier. Auch westdeutsche Unternehmer verlassen die Stadt, weil es nichts mehr zu tun gibt. Manche Entwicklungen kommen der Familie Sönderby aber gar nicht so ungelegen. Ihr Grundstück bekamen sie nur, weil ein Arzt aus dem Westen es sich anders überlegte. Und der Betrieb läuft so gut wie nie, weil viele Alte aus den Dörfern in ein Heim in der Stadt ziehen, wenn sie sich nicht mehr selbst versorgen können. Die Wäsche der Heime wird bei Jörgen Sönderby gewaschen.

Er ist jetzt 54. Sein Abenteuer ist vorbei. Vor kurzem hat er sich einen Nissan-Sportwagen gekauft, mit mehr als 300 PS. Damit rast er über die Autobahn, wenn er einen Kick braucht. Hier im Norden Ostdeutschlands sind die Straßen so schön leer.

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