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20 Jahre Deutsche Einheit Der Libero

Dixie Dörner war ein Fußballstar. Nach der Wende war sein Berufsleben eine Achterbahnfahrt. „Es waren gute Lehrjahre“, sagt Dörner heute. Den Westen muss man ja auch erst mal begreifen.

01.10.2010 22:28
Jörg Schindler
Alte Liebe: Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner im Stadion seines Heimatvereins Dynamo Dresden. Foto: Paulus Ponizak

Der Anruf, auf den er fast 20 Jahre lang gewartet hatte, kam im Mai. Mensch Dixie, sagte die Stimme, magste nicht zu uns kommen? Es war Reiner Calmund, einer der wenigen Menschen im Fußballgeschäft, denen er noch vertraut. Calmund hatte sich entschlossen, den krisengeschüttelten Drittligisten Dynamo Dresden als Berater zu unterstützen. „Ich habe nicht lange gebraucht zu überlegen“, sagt Hans-Jürgen Dörner, den alle nur Dixie nennen.

Beim ersten Heimspiel im neuen Dynamo-Stadion hat er sich gleich mit auf die Trainerbank gesetzt. Da sitzt er jetzt immer, alle zwei Wochen, meistens am Samstag, und fiebert. Direkt gegenüber, auf Augenhöhe, sind die Werbebanden. Auf einer steht: „Dein Herz dem Osten.“

Ja, sagt Dörner, „das war schon so was wie ’ne Heimkehr“. Er mag solche Wörter eigentlich nicht. Sie sind ihm zu groß. Wie er überhaupt findet, dass im Fußball heute viel zu viel geredet wird. Jeder Spieler ein Schauspieler, jeder Trainer ein Regisseur, jeder Verein ein Theater. „Alles wichtiger als Fußball“, sagt Hans-Jürgen Dörner, der sich auch heute noch, wie damals in Görlitz auf dem Bolzplatz, „Dixie“ rufen lässt. Das ist ihm klein genug.

Er ist jetzt 59 Jahre alt. Ein kleiner Mann mit grauer Weste und einem Höcker auf der Nase, er stammt von einem schlecht verheilten Bruch, er weiß nicht mehr, wann das passiert ist. Die blonde Kaltwelle, die einzige Extravaganz seines Lebens und eine der wenigen Dinge, die er „aus der DDR mitgenommen“ hat, ist einer aschgrauen Allerweltsfrisur gewichen.

Wie er da so sitzt im protzigen VIP-Raum von Dynamo Dresden, zwischen den Flachbildschirmen und den kreideweißen Tischen, wirkt er wie ein verirrter Fan. Käme Franz Beckenbauer jetzt mit schmutzigen Stiefeln herein, er wäre sich wohl nicht zu schade, mit dem Feudel hinter ihm her zu wischen. Der „Beckenbauer des Ostens“? Ach, sagt Dörner, „das zählt doch alles nichts mehr.“

Als sich die zwei Deutschlands vor 20 Jahren anschickten, eines zu werden, trainierte Dörner gerade die Olympiaauswahl der DDR. Dynamos legendärer Libero, fünfmaliger Oberligameister, viermaliger Pokalsieger, 100-facher Auswahlspieler, Sensations-Olympiasieger des Jahres 1976, war auf dem besten Weg, nun auch im Trainergeschäft ein Großer zu werden. Das Ziel: Barcelona 1992. Eine der Hürden auf dem Weg dorthin: die BRD-Auswahl. So wollte es das Los. Das Volk wollte es anders. Als sich die DDR auflöste, löste sich auch ihr Fußball-Verband auf. Der DFV verschwand im DFB. Und Dörner wurde zuständig für die U17 und die U18. Die ganz Kleinen.

Er tat in Bremen das, wovon er was versteht: Er ließ Fußball spielen. Das war zu wenig

„Es waren gute Lehrjahre“, sagt Dörner heute. Den Westen muss man ja auch erst mal begreifen. Und beim Fußballbund gaben sie ihm die Zeit. Sechs Jahre blieb er dort. Liebäugelte immer mal wieder mit Dynamo, seiner Liebe. Aber dort herrschte Chaos. Dann kam wieder so ein Anruf, der sein Leben veränderte.

Diesmal war Franz Böhmert dran, ein gebürtiger Sachse und Präsident von Werder Bremen. Herr Dörner, sagte die Stimme, wollen Sie nicht zu uns kommen? Dörner brauchte nicht lange zu überlegen. Er wollte. Im Nachhinein wohl sein größter Fehler.
Dörner übernahm Bremen 1996 auf dem 17. Tabellenplatz, am Ende der Saison wurde Werder Achter. Auf dem Weg dahin schlugen die Bremer sogar Beckenbauers Bayern.

Der stille Ostdeutsche hatte es als einer der ganz wenigen im Westen geschafft. Aber Dörner lobte sich nicht, er sagte „wir“ statt „ich“, sprach überhaupt wenig, schon gar nicht mit der Bild-Zeitung. Er tat das, wovon er etwas versteht: Er ließ Fußball spielen. Das war zu wenig. Er weiß das heute.

Das Ende kam im Sommer 1997. Da erhielt Werder Bremen das Angebot, bei einem Kurzturnier in Teneriffa anzutreten. Dörner hatte Bedenken, sein halbes Team war auf Länderspielreise, aber er sagte Ja. 300000 Mark hatten die Spanier geboten, also flogen sie – und verloren. 0:4 gegen Teneriffa und 0:8 gegen Atletico Madrid. Es waren nur Freundschaftsspiele, nach neunstündiger Anreise. Aber Dörner blieb stumm. Die Bild zerriss ihn. Kurz darauf war er Ex-Trainer.

Er ist danach nie wieder auf die Beine gekommen. Als er beim FSV Zwickau, einem Drittligisten, nach nur einem Jahr entlassen wurde, schickte er sich selbst in die Wüste. Freunde hatten ihm abgeraten: Ägypten? Das sei die Endstation, von dort gebe es kein Zurück. Aber Dörner ging. Er brauchte ja auch Geld. Der Beckenbauer des Ostens hatte nie ein Dutzend Werbeverträge. Mit Al-Ahly Kairo wurde Dörner Vizemeister, dann war auch dort Schluss. Er hatte falsch verhandelt.

Die Selbstvermarktung als Trainer „liegt nicht in unserer Mentalität“, sagt Dörner

Wieder daheim in Sachsen heuerte er beim VfB Leipzig an. Der konnte schon bald keine Gehälter mehr zahlen. „Danach hatte ich die Nase voll“, sagt Dörner. Für Dynamo Dresden hätte er noch einmal eine Ausnahme gemacht, Trainer, Präsident, Sportdirektor, egal was. Für all diese Posten war er im Gespräch, für andere empfahl er sich selbst. Er sandte sogar ein Bewerbungsschreiben als Nachwuchsleiter nach Dresden. Er erhielt es mit Dank zurück. Dörner ging dann zum Radebeuler BC 08. In die siebente Liga. Er sagt: „Das hat mir nichts ausgemacht.“ Er wollte wenigstens mal wieder am Spielfeldrand sitzen. Am Ende stieg er sogar in die sechste Liga auf. Dann klingelte das Telefon.

Dieser Absturz, sagt Dörner heute, „das war schon brutal.“ Aber anderen sei es ja auch nicht besser ergangen. Achim Streich zum Beispiel, der Rekord-Nationalspieler der DDR, verschwand nach einem Jahr als Trainer von Braunschweig in der Versenkung. Bernd Stange, ehemals Hertha BSC, trainiert heute Weißrussland. Und Ede Geyer? Früher Cottbus, heute nichts mehr. „Alles gut ausgebildete Fachleute“, sagt Dörner. Aber nicht dazu in der Lage, sich selbst zu vermarkten. „Das liegt nicht in unserer Mentalität.“

Er fährt jetzt wieder regelmäßig von Freital hinein nach Dresden, um bei der Mannschaft zu sein, die heute von Matthias Maucksch trainiert wird. Der war früher in der A-Jugend mal Dörners Schützling, jetzt berät Dörner ihn und bereist ansonsten, auf der Suche nach Talenten, ganz Deutschland.

Immer aber, wenn der Libero zurückkommt zu Dynamo und das schicke neue Stadion betritt, ist da dieser kurze Moment der Irritation. Am Aufgang zum VIP-Raum nämlich haben sie ein lebensgroßes Porträt von ihm aufgehängt. Es ist 31 Jahre alt und stammt aus einer Schlammschlacht gegen Zwickau. Auf jedem Weg nach oben muss Dixie Dörner nun an sich selbst vorbei. Ihm ist das fast ein wenig peinlich.

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