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Ypern Erster Weltkrieg Grausamer Tod im deutschen Giftgas

Mit dem „Tag von Ypern“, wie man den 22. April 1915 in Deutschland bald nannte, begann durch den ersten Einsatz von Giftgas die Geschichte der modernen C-Waffen. Der Einsatz der völkerrechtlich verbotenen Kampfstoffe ist ein schlimmes Kriegsverbrechen

21.04.2015 14:41
Von Jürgen Müller
Deutsche Soldaten bei einer Giftgasattacke 1915 an der Westfront. Foto: imago stock&people

Am 22. April 1915 wurde an der Westfront in der Nähe der belgischen Stadt Ypern erstmals eine moderne Massenvernichtungswaffe eingesetzt. Um 18.00 Uhr ließ die deutsche Armee aus mehreren tausend Stahlbehältern 150 Tonnen Chlorgas abblasen. Es entstand eine sechs Kilometer breite und 600 bis 900 Meter tiefe Gaswolke, die durch den nordöstlichen Wind auf die feindlichen Stellungen getrieben wurde. Das Chlorgas, das schwerer als Luft war, sank in die französischen Schützengräben, wo die ungeschützten Soldaten völlig überrascht waren. Es brach Panik aus, die Soldaten versuchten zu fliehen, aber für viele von ihnen war es zu spät. Der Gasangriff forderte etwa 1200 Tote und 3000 Verwundete.

Ein französischer General, der Augenzeuge des Geschehens war, berichtete darüber Folgendes: „Man konnte am Ufer des Kanals nur noch einige gelbliche Rauchschwaden erkennen, als wir uns aber Boesinghe auf drei oder vierhundert Meter genähert hatten, fühlten wir heftiges Prickeln in der Nase und Kehle, in den Ohren sauste es, das Atmen fiel uns schwer; ein unerträglicher Chlorgeruch umgab uns. (...) In der Nähe des Dorfes war das Bild, das sich uns bot, mehr als bedauernswert, es war tragisch. Überall Flüchtende: Landswehrleute, Afrikaner, Schützen, Zuaven, Artilleristen ohne Waffe, verstört, mit ausgezogenen oder weit geöffneten Röcken, abgenommener Halsbinde liefen wir Wahnsinnige ins Ungewisse, verlangten laut schreiend nach Wasser, spuckten Blut, einige wälzten sich sogar am Boden und versuchten vergeblich, Luft zu schöpften.“

Mit dem „Tag von Ypern“, wie man den 22. April 1915 in Deutschland bald nannte, begann die Geschichte der modernen C-Waffen, wie die Historikern Margit Szöllösi-Janze in ihrer Biografie über Fritz Haber schreibt, jenes hochangesehenen Wissenschaftlers, der an der Entwicklung chemischer Waffen in Deutschland maßgeblich beteiligt war: „Gas wurde zum ersten Massenvernichtungsmittel der Weltgeschichte.“

Diese Waffe wurde in der Folgezeit häufig eingesetzt, nicht nur von deutscher, sondern auch von französischer, englischer, russischer und österreichischer Seite. Dabei kamen weiterentwickelte Kampfstoffe und neue Taktiken zur Anwendung. Da das Abblasen des Gases aus Behältern umständlich und abhängig von der Windrichtung war, ging man dazu über, mit Gas gefüllte Granaten mit der Artillerie zu verschießen. Diese Geschosse enthielten nun nicht mehr nur Chlorgas, sondern noch weitaus gefährlichere Stoffe wie Phosgen, das die Lungen zerstörte, oder Senfgas (Lost), das über die Haut einwirkte und zu inneren Verätzungen führte. Häufig wurden bei Gasangriffen verschiedene Kampfstoffe gleichzeitig eingesetzt. In der deutschen Armee bezeichnete man das als „Buntschießen“, was von der farblichen Markierung der verschiedenen Giftgasgranaten herrührt: Gelbkreuz waren die Hautkampfstoffe wie Senfgas, Rotkreuz nannte man die Nesselstoffe, Grünkreuz hießen die Lungenkampfstoffe wie Phosgen, Blaukreuz waren die Nasen- und Rachenkampfstoffe und Weißkreuz die Augenkampfstoffe.

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Verwendung von Gift völkerrechtlich verboten

Insgesamt wurden im Ersten Weltkrieg von den verschiedenen Kriegsparteien etwa 112 000 Tonnen Giftgas eingesetzt, davon knapp die Hälfte, ca. 52 000 Tonnen, von deutscher Seite. Am Ende des Krieges enthielten 30 Prozent der verschossenen Granaten chemische Substanzen. In der Forschung wird häufig darauf hingewiesen, dass der Einsatz von Giftgas nicht kriegsentscheidend und die Zahl der Opfer relativ gering war, da nur etwa 3,4 % aller Kriegsopfer durch den Einsatz von Gas ums Leben kamen. In absoluten Zahlen waren indessen die Opfer enorm: Man geht von etwa 90 000 Toten und einer Million Giftgasverwundeten aus.

Der Erste Weltkrieg war, wie es der deutsche Medizinhistoriker Wolfgang U. Eckart formuliert hat, auch ein „chemisches Vernichtungsfeld“. Im Gaskrieg zeigte sich die enge Verflechtung von chemischer Forschung und militärischer Technologie. Dies war besonders ausgeprägt in Deutschland, das damals das Land mit dem weltweit höchsten Entwicklungsstand in der chemischen Wissenschaft und deren industrieller Anwendung war. Die renommiertesten Chemiker kamen aus Deutschland, und die deutsche chemische Industrie nahm mit Unternehmen wie BASF, Bayer und Höchst eine führende Rolle ein. Dieses theoretische und technische Wissen wurde seit Kriegsbeginn für militärische Zwecke nutzbar gemacht. Die Entwicklung von Giftgas als Massenvernichtungswaffe wurde in Deutschland vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie in Berlin Dahlem unter der Leitung von Professor Fritz Haber vorangetrieben.

Fritz Haber war 1868 in Breslau geboren und hatte in Heidelberg, Berlin, Zürich und Jena Chemie studiert. Nach der Promotion 1891 und der Habilitation 1896 wurde er 1898 außerordentlicher Professor für Technische Chemie an der Universität Karlsruhe. 1904 entwickelte er zusammen mit Carl Bosch das Haber-Bosch-Verfahren zur Ammoniaksynthese, das die industrielle Herstellung von Kunstdünger ermöglicht. Gleichzeitig schuf das Haber-Bosch-Verfahren aber auch die Voraussetzungen für die Herstellung von Sprengstoff ohne natürlichen Salpeter, was seit 1914 im Deutschen Reich enorm kriegswichtig wurde, weil Deutschland von überseeischen Rohstoffeinfuhren weitgehend abgeschnitten wurde.

1911 verließ Haber die Universität Karlsruhe, um die Leitung des neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem zu übernehmen. Dieses Institut trägt noch heute den Namen „Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft“.

Getreu seinem Wahlspruch „im Frieden für die Menschheit, im Krieg für das Vaterland“ meldete sich Fritz Haber bei Kriegsbeginn 1914 freiwillig zur Armee und wurde im Kriegsministerium als wissenschaftlicher Berater eingesetzt. Schon nach kurzer Zeit wurde er in eine von der Obersten Heeresleitung gebildete Kommission von Fachleuten berufen, die den Einsatz chemischer Munition prüfen und entsprechende Kampfstoffe entwickeln sollte. Dieser Kommission gehörten neben Haber die Chemiker Walther Nernst und Otto Hahn sowie die Physiker Gustav Ludwig Hertz und James Franck an. Alle fünf erhielten nach dem Krieg den Nobelpreis für ihre wissenschaftlichen Leistungen – Haber wurde 1919 mit dem Preis für 1918 ausgezeichnet. Auf industrieller Seite war Carl Duisberg, der Generaldirektor des Chemieunternehmens Bayer, maßgeblich beteiligt.

Fritz Haber wurde rasch zur treibenden Kraft in der Kommission. Bei dem ersten Großeinsatz von Chlorgas in Ypern überwachte er persönlich die Vorbereitungen an der Front. Wenige Tage nach dem aus Sicht der Militärs erfolgreichen Angriff wurde Haber zum Hauptmann befördert und von der Obersten Heeresleitung mit der Weiterentwicklung von chemischen Kampfstoffen beauftragt. Der hochangesehene Wissenschaftler Haber hatte niemals moralische Bedenken dabei, an der Entwicklung und Produktion immer tödlicherer Giftgase mitzuwirken. Auch nach dem Krieg noch rechtfertigte er den Einsatz von Chemiewaffen, die er nicht für grausamer hielt als herkömmliche Geschosse. So argumentierte er 1920: „Die Gaskampfmittel sind ganz und gar nicht grausamer als die fliegenden Eisenteile; im Gegenteil, der Bruchteil der tödlichen Gaserkrankungen ist vergleichsweise kleiner, Verstümmelungen fehlen.“

Diese Behauptung ist natürlich völliger Unsinn, denn die Wirkung von Giftgas war außerordentlich grausam. Selbst die beteiligten deutschen Militärs berichteten, dass die Leiden der Gaskranken schauerlich anzusehen waren. In einem ärztlichen Leitfaden für Kampfgaserkrankungen wurde das Ausmaß des Leidens folgendermaßen beschrieben: „Über der Lunge verbreitet hört man das feinblasige, kochende Ödemrasseln, die Kranken ringen ächzend und stöhnend nach Luft. In diesem Zustande bietet der Kranke für die Umgebung ein schaudervolles Bild des Jammers. Man sieht förmlich, wie der Kranke in der eigenen Flüssigkeit ertrinkt, die sich in die Lungen ergossen hat. Wer jemals einen Gaskranken in dem beschriebenen Stadium des Höhepunktes des Lungenödems gesehen hat, der muss, wenn er noch einen Funken von Menschlichkeit besitzt, verstummen.“

Der Einsatz von Gift im Krieg war schon zur damaligen Zeit völkerrechtlich verboten. Gemäß der Haager Landkriegsordnung von 1899, die auch vom Deutschen Reich unterzeichnet worden war und 1907 in Kraft trat, hatten kriegführende Staaten „kein unbeschränktes Recht in der Wahl der Mittel zur Schädigung des Feindes“. Dazu gehörte nach Artikel 23a ausdrücklich das Verbot der „Verwendung von Gift oder vergifteten Waffen“. Es kann demnach kein Zweifel bestehen, dass der Giftgasangriff von Ypern ein Kriegsverbrechen war.

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Leiden der Gaskranken schauerlich anzusehen

Von deutscher Seite wurde das unter anderem mit dem Argument bestritten, das Gas sei in Ypern nicht mit Granaten verschossen, sondern lediglich aus Behältern abgeblasen worden. Ähnlich intellektuell armselig war die Rechtfertigung des Giftgaseinsatzes durch Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg (1856 – 1921) im Reichstag im September 1916: Er behauptete, das Gas sei „ein den Krieg abkürzendes Kampfmittel“, das man habe einsetzen müssen. Diese Auffassung fand in Deutschland breite Zustimmung. So äußerte sich der liberale Abgeordnete Ernst Bassermann (1854 – 1917) im Reichstag in der folgenden Weise: „Zweck des Krieges ist die höchste Schädigung, ist die Vernichtung des Feindes. Und so er-warten wir, dass von allen Mitteln, die Erfindungsgeist, Chemie und Industrie uns zur Verfügung stellen, schonungslos und nicht beengt durch falsche Humanität gegen unsere Feinde energischster Gebrauch gemacht wird. Einmütig steht meine Fraktion auf dem Boden der energischen und rücksichtslosen Anwendung aller Kriegsmittel und ist der Überzeugung, dass, wenn sie durchgeführt wird, damit der Krieg abgekürzt wird und wir dem Siege und dem Frieden näher kommen.“

Diese Äußerungen belegen, dass im Ersten Weltkrieg alle Beschränkungen im Hinblick auf die Kriegsführung fallengelassen wurden. Keine Waffe und keine Methode des Tötens wurde mehr geächtet, wenn es darum ging, den Feind zu bezwingen. Und dabei wurde ganz selbstverständlich der Zweck des Krieges neu definiert: Das Ziel war nicht mehr nur der militärische Sieg der eigenen Seite, es wurde vielmehr öffentlich verkündet, dass es darum ging, den Feind zu vernichten. Schon der Erste Weltkrieg nahm somit Züge eines „Vernichtungskriegs“ an. Der Gasangriff bei Ypern ist das Ergebnis und der Ausdruck für eine neue Auffassung des Krieges und der Kriegsführung, die mit den neuen wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten der modernen Industriegesellschaft Hand in Hand geht.

Fritz Haber wurde nach dem Krieg für seine Taten nicht belangt. Zwar wurde er kurzzeitig von den Alliierten als Kriegsverbrecher gesucht und floh in die Schweiz. Zu einem Prozess gegen Haber und die anderen Verantwortlichen für den Giftgaseinsatz kam es aber nicht. Haber konnte bald nach Deutschland zurückkehren, wo er seine Karriere fortsetzte. Zwar war dem Deutschen Reich die Herstellung chemischer Kampfstoffe nach dem Versailler Vertrag von 1919 verboten, doch konzentrierte sich die Tätigkeit Habers weiterhin auf die Erforschung und Produktion chemischer Vernichtungsmittel. Schon im Jahr 1919 wurde Haber die Leitung der neugegründeten Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch) übertragen.

1922 wurde die Giftgasproduktion wieder aufgenommen

Dieses Unternehmen erfand 1922 ein neues Schädlingsbekämpfungsmittel auf der Basis von Blausäure, das den Namen Zyklon B erhielt. An der Produktion dieses Stoffes waren mehrere namhafte Chemieunternehmen beteiligt, seit 1930 auch die wenige Jahre zuvor gegründete IG Farben in Frankfurt, deren Aufsichtsrat wiederum Fritz Haber angehörte. Zyklon B wurde bekanntlich wenige Jahre später von den Nazis benutzt, um Millionen von Juden in den Vernichtungslagern zu ermorden. Fritz Haber musste das nicht mehr erleben. Er starb 1934 in Basel, wohin er nach der Machtübernahme Hitlers emigriert war, um der Judenverfolgung zu entgehen.

Habers Karriere hatte der „Tag von Ypern“ nicht geschadet, doch im privaten Leben hatte er fatale Auswirkungen. Nur eine Woche nach dem Gasangriff in Flandern erschoss sich seine Frau Clara Immerwahr (1870 – 1915) in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 1915 mit Habers Dienstwaffe im Garten ihres Hauses. Clara Immerwahr hatte den gleichen Beruf wie ihr Mann: Sie war Chemikerin und hatte als erste Frau in diesem Fach promoviert. Die Hinter-gründe ihres Selbstmordes lassen sich bis heute nicht ganz klären, da viele Unterlagen vernichtet wurden. Es spielten dabei gravierende eheliche Probleme der Habers eine wichtige Rolle. Daneben gibt es aber auch Hinweise darauf, dass die Verzweiflungstat Clara Immerwahrs von ihrer Empörung über die maßgebliche Beteiligung ihres Mannes am Gaskrieg beeinflusst war. Habers im privaten Leben unglückliche Ehefrau widmete ihr berufliches Leben nicht einer Wissenschaft zum Zweck des Tötens, sondern einer „humanen Wissenschaft“, wie es ihre Biografin Gerit von Leitner ausgedrückt hat.

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