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Weltkriegs-Gedenken Die Wunde Europas

Bundespräsident Gauck und Staatspräsident Hollande treffen sich auf dem einstigen Schlachtfeld Hartmannsweilerkopf, wo bis zu 30 000 Soldaten im Ersten Weltkrieg starben.

Das Gelände am Hartmannswillerkopf in den Südvogesen zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Foto: dpa

Die beiden Präsidenten stehen unter einem lichten, weißen Zeltdach. Hinter ihnen öffnet sich die Landschaft, der Blick geht auf die bewaldeten Hügel der Vogesen und bis ins Rheintal, das unter einem leichten Dunst liegt. Es ist eine friedliche, fast idyllische Atmosphäre, und doch ist sie an diesem Sonntagvormittag aufgeladen mit grausiger Geschichte.

Genau vor einhundert Jahren, am 3. August 1914, hat Deutschland Frankreich den Krieg erklärt. Heute treffen sich hier die Präsidenten Joachim Gauck und François Hollande, um auf dem einstigen Schlachtfeld Hartmannsweilerkopf in Freundschaft an die alte Feindschaft zu erinnern. Am Ende werden sie sich innig umarmen, wie vor einem Jahr, als sie in dem Dorf Oradour standen, wo deutsche Soldaten 1944 fast alle Einwohner massakriert hatten.

Man könnte sagen, der Hartmannsweilerkopf war ein Nebenkriegsschauplatz. Nichts hat sich hier entschieden für den Ersten Weltkrieg. Fast vier Jahre lang haben deutsche und französische Soldaten einander gegenübergelegen, sie haben gewartet, beobachtet, gekämpft, gelitten, vegetiert in ihren Schützengräben. Im Winter standen sie auf dieser fast eintausend Meter hohen Bergkuppe knietief in einem eisigen Sumpf aus Wasser, Kot, Urin, Leichenteilen und Munitionsresten. In der Hitze der Sommer lag ein bestialischer Gestank über den 90 Kilometer langen Gräben und Stollen. Ruhr, Cholera und Typhus quälten die Menschen.

In den Gefechtspausen muss eine gespenstische Stille geherrscht haben. Nur fünf Meter lagen Deutsche und Franzosen an manchen Stellen auseinander. Sie mussten flüstern, um sich nicht zu verraten. 25.000 bis 30.000 Soldaten sind hier gestorben in einem Stellungskrieg, wie er sinnloser nicht sein konnte.
Wegen seiner strategisch günstigen Lage in den Vogesen war der Hartmannsweilerkopf bitter umkämpft. Acht Mal wechselte die Herrschaft über die Bergkuppe. Aber keine Seite konnte zwischen dem Beginn der Kämpfe am 31. Dezember 1914 und dem Kriegsende am 11. November 1918 einen Geländegewinn von Dauer und Bedeutung erringen.

Joachim Gauck nennt den Hartmannsweilerkopf in seiner Rede ein Schlachthaus, andere haben schon vor ihm vom Menschenfresserberg gesprochen. „Doch nicht der Berg hat die Menschen vernichtet und gefressen“, sagt Gauck. „Menschen selber waren es, die buchstäblich alle Mittel probiert und eingesetzt haben, um sich gegenseitig zu vernichten.“

Der Bundespräsident hat die Aufarbeitung der dunklen Seiten der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert zu seinem besonderen Anliegen gemacht. Im vergangenen Jahr folgte er der blutigen Spur deutscher Soldaten durch das Europa des Zweiten Weltkriegs. Er besuchte die Orte besonderer Gräueltaten in Tschechien und Italien, in Griechenland und Frankreich. In diesem Jahr ist der Erste Weltkrieg Gaucks großes Thema.

„Wir haben es noch kaum gelernt, unsere europäische Geschichte auch als gemeinsame zu erzählen. Nicht nur unsere europäischen Sprachen sind verschieden, auch unsere Sicht auf uns selbst, auf den anderen und auf die Welt“, sagt Gauck. Er gestaltet dieses Gedenkjahr aktiv, während die Bundesregierung kaum in Erscheinung tritt. Es ist eine Aufgabenteilung, die womöglich auch ganz praktisch-pragmatischen Gegebenheiten folgt.

Man könnte zugespitzt sagen: Die Kanzlerin muss sich so sehr um die zahlreichen heutigen Kriege kümmern, die mit dem Konflikt um die Ukraine schon wieder bedenklich nahe gerückt sind, dass sie die Beschäftigung mit den Schlachten der Vergangenheit gern dem Präsidenten überlässt. Wobei Joachim Gauck daran gelegen ist, den historischen Zusammenhang zwischen diesen und jenen Kriegen immer wieder deutlich zu machen und die richtigen Lehren zu ziehen. Vor allem für Europa.

„Hier, in einer der schönsten Landschaften, die man sich vorstellen kann, hier, im alten Herzland Europas, hier hat Europa verraten, was seine Werte, seine Kultur, seine Zivilisation eigentlich ausmacht“, sagt Gauck. „Das alte Europa, das eben noch, in der Belle Epoque, eine so großartige und heute nur wehmütig zu bestaunende Blüte erlebt hatte, versank in Barbarei – verführt von einem übersteigerten Nationalismus, der Elend und Verderben brachte.“

Langer Weg für Europa

Erst in der Rückschau lasse sich ermessen, welch langen Weg wir in Europa gehen mussten, um dorthin zu kommen, wo wir heute stehen. „Das gemeinsame Europa und die gemeinsamen europäischen Einrichtungen sind keine Laune der Geschichte. Sie sind vielmehr die Institution gewordene Lehre aus der Geschichte. Sie sind die Sicherung gegen Verirrung und Verführung. Zu den großen Aufgaben der Gegenwart wie der Zukunft wird es gehören, diesen tiefen und geradezu lebenswichtigen Sinn unserer gemeinsamen europäischen Institutionen, ja unserer ganzen gemeinsamen europäischen Politik immer wieder deutlich werden zu lassen.“

Dann macht Gauck das deutsch-französische Schlachthaus zum Ort des Bekenntnisses: „Deshalb wollen wir uns stets aufs Neue darauf verpflichten, den politischen Willen nicht zu verlieren, der aus alten Feinden Partner und Freunde macht. Wir wollen uns darauf verpflichten, am vielgestaltigen Europa festzuhalten und daran unermüdlich weiter zu arbeiten. Wir wollen uns auch darauf verpflichten, es uns nicht leicht zu machen und populistischen Strömungen nachzugeben, die wohlfeil mit antieuropäischen Parolen Stimmung machen.“
Das europäische Projekt sei gewiss schwierig, sagt der deutsche Präsident. „Aber die Generationen vor uns hätten gerne unsere Schwierigkeiten gehabt, jene Vorfahren auf den Schlachtfeldern hier am Hartmannsweilerkopf, an der Marne oder vor Verdun. Unsere Schwierigkeiten können wir gemeinsam bewältigen.“

Gaucks Amtskollege Hollande benennt die Krisen in der Ukraine und im Nahen Osten, zu denen gerade Deutschland und Frankreich Lösungsbeiträge liefern müssten. Beide Länder hätten gezeigt, dass aus Erbfeinden innerhalb einer Generation Freunde werden könnten, sagt er mit Blick auf die Feindschaft zwischen Israelis und Palästinensern.

Während sich der Himmel eintrübt und es zu regnen beginnt, erklingen die Hymnen. Die beiden Männer legen gemeinsam einen Kranz auf dem bronzenen Sarkophag ab, der das Mahnmal krönt. Zu einer Schweigeminute ertönen ein Trommelwirbel und ein Trompetensignal.

Dann drehen sich Hollande und Gauck um, schauen über das einstige Schlachtfeld, und nun erklingen die Hymnen noch einmal, jetzt von einem französischen Soldatenchor a capella gesungen. Doch damit ist der pathetischen Würdigung erst einmal Genüge getan. Die beiden Präsidenten sprechen abseits der Öffentlichkeit mit französischen und deutschen Jugendlichen, die eine Woche im Elsass Theater gespielt, Comics entwickelt und mit Graffiti experimentiert haben. Dann legen Gauck und Hollande den Grundstein für eine deutsch-französische Erinnerungsstätte. Während dieser Zeremonie verlesen Schabo Sidiqi (20) aus Hamburg und Gabriel Finociety (21) aus La Rochelle eine Friedensbotschaft an ihre Generation, die die einhundert Jugendlichen während ihres Treffens im Elsass erarbeitet haben.

„Angesichts kriegerischer Zustände auf der ganzen Welt solltet Ihr Fremdenfeindlichkeit bekämpfen, Euch vernetzen und Fremdsprachen lernen, um so dauerhaften und nachhaltigen Frieden für alle zu schaffen. Wer diese Zeilen liest: In Deinen Händen liegt die friedvolle Zukunft.“

Das Dokument wird mit dem Grundstein vermauert. Eine bessere Botschaft kann von einem Platz nicht ausgehen, der einst ein Schlachthaus in der Mitte Europas war.

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