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Remarque „Im Westen nichts Neues“ „Das Wort ,Schuld‘ kommt gar nicht vor“

Zu der textkritischen Neuausgabe von Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ und zu seiner bewegten Geschichte.

26.12.2014 16:32
Wilhelm von Sternburg
Lew Ayres in Lewis Milestones Film. Foto: imago stock&people

Mehr als 20 Jahre nach der Veröffentlichung notiert Erich Maria Remarque im Tagebuch: „Nachgedacht. Wann meine Komplexe stärker begonnen hatten. Nach I. W. n. N (Im Westen nichts Neues). Die Angst. Das Gefühl des Schwindlers.“

Der Roman – zum Zeitpunkt seines Erscheinens 1929 der wohl größte Bucherfolg in der deutschen Literaturgeschichte – macht den bis dahin kaum bekannten Autor innerhalb weniger Monate zwar steinreich und berühmt. Aber dieser Sensationserfolg löst in den kommenden Jahrzehnten bei dem sensiblen, von künstlerischen Identitätskrisen heimgesuchten Schriftsteller immer wieder qualvolle Depressionsschübe aus. Jedes neue Prosawerk, das er danach veröffentlicht, wird an dem Welterfolg seines Buches über das Schicksal „einer vom Kriege zerstörten Generation“ gemessen. Die Romane „Arc de Triomphe“ (1945), „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“ (1954) oder „Der schwarze Obelisk“ (1956) etwa erreichen beachtliche Auflagen, werden erfolgreich verfilmt und wie praktisch alle seine Bücher in zahlreiche Sprachen übersetzt. Und doch bleibt die Geschichte des Paul Bäumer und seiner an der Front des Ersten Weltkrieges leidenden und sterbenden Klassenkameraden in der Kritik eine unüberwindbare Messlatte.

Remarques Erzählung über das Leben und Sterben der Soldaten an den Fronten des Ersten Weltkriegs ist dabei tatsächlich bis heute unerreicht geblieben. Ernst Jünger verliert sich „In Stahlgewittern“ mit elitärer Attitüde in einem fatalen Ästhetizismus. Arnold Zweig schreibt mit dem Roman „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ ein „Buch, das dem Irrationalen, den Affekten, den Gruppentrieben ein Stück Land abgenommen hat“ (so Zweig 1927), er wählt den Krieg also lediglich als Hintergrund für den Kampf um Recht und Gerechtigkeit. Ernst Glaeser erzählt in „Jahrgang 1902“ den „Krieg der Erwachsenen“ aus der Sicht pubertärer Jugendlicher. Remarque hingegen gelingt es, seine Leser durch die Unmittelbarkeit seiner Schilderung der grauenhaften Wirklichkeit der Stellungskriege an der Westfront – der Autor erzählt aus der Perspektive des einfachen Frontsoldaten – zu erschüttern.

„Weder Anklage noch Bekenntnis“

Damals, die Weimarer Republik gleitet in ihre Endphase, erkennen viele von der wieder erwachenden nationalistischen Ideologie noch nicht infizierte ehemalige Frontsoldaten in Remarques Schilderung die eigenen Kriegserlebnisse und -empfindungen wieder. Der heutige Leser wird das Buch dagegen als generelle Warnung vor der Idealisierung des Krieges und dem Missbrauch patriotischer Gefühle empfinden.

„Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein“, stellt der schüchterne, damals im Grunde unpolitische Remarque seinem Roman voran. Die öffentliche Reaktion spricht eine andere Sprache. Die Nationalsozialisten und die Reichswehrführung erkennen nach kurzem Zögern sehr genau, welche Sprengkraft dieses Buch für ihre Kriegs- und Gewaltpläne hat. Als die Hollywood-Verfilmung von „Im Westen nichts Neues“ (Regie Lewis Milestone) im Dezember 1930 in die deutschen Kinos kommt, inszeniert Hitlers Statthalter in Berlin, Joseph Goebbels, wilde Anti-Remarque-Kampagne, die Vorführungen im Berliner Mozartsaal werden massiv gestört, und schon vor der Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur weicht die Republik vor den verbalen und häufig auch handgreiflichen Attacken der SA-Banden und der konservativen Medien zurück: der Film wird zeitweise verboten. „... zum ersten Mal haben wir in Berlin die Tatsache zu verzeichnen, daß die Asphaltdemokratie in die Knie gezwungen wurde“, triumphiert Goebbels im „Angriff“ vom 12. Dezember 1930. „Remarque ist beseitigt.“

Die Reichswehrführung erklärt, der Film (und das Buch) „habe das Ansehen der deutschen Wehrmacht geschädigt“. Im Reichswehrgutachten für die Filmoberprüfstelle heißt es: „Keine Darstellung des Krieges, sondern der deutschen Niederlage“.

Die Auflage aber steigt rasant, und der Autor des in allen europäischen Zeitungen über Monate heiß diskutierten Buches wählt schon 1932 entnervt von dem Tumult um seine Person und von den preußischen Steuerbehörden ins Visier genommen seinen Wohnsitz in der Schweiz. Am 10. Mai 1933 brennt auch dieser Roman auf dem Scheiterhaufen vor der Berliner Humboldt-Universität. Remarque wird 1938 ausgebürgert, seine Schwester Elfriede 1943 vom Volksgerichtshof wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt und durch das Fallbeil hingerichtet. Der Vorsitzende Roland Freisler: „Ihr Bruder ist uns leider entwischt. Sie werden uns nicht entwischen.“ Die Nazis haben das Buch und seinen Autor nie vergessen.

95 Jahre nach der Erstveröffentlichung ist nun eine neue Ausgabe von „Im Westen nichts Neues“ erschienen. „Der Text folgt in allen Punkten der ersten Auflage der ersten Buchausgabe“, schreibt Herausgeber Thomas F. Schneider, Leiter des Osnabrücker Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrums. Eine interessante Notiz, weil dieser berühmte Roman in den verschiedensten Varianten veröffentlicht worden ist, was nicht zuletzt auch auf die Brisanz des Textes hinweist. Die Erstausgabe der Buchveröffentlichung – auch sie weist einige Änderungen zum Ursprungsmanuskript aus – bleibt die einzige von Remarque autorisierte Fassung. Denn auch die ab 1951 veröffentlichten Ausgaben enthalten Änderungen, die er nicht abgesegnet hat. Insofern ist der jetzt veröffentlichte Text authentisch und er gewinnt durch die im Anhang abgedruckten Varianten seinen besonderen Wert.

S. Fischer lehnt Remarques Manuskript ab

Remarque bietet das Manuskript zunächst Deutschlands damals bedeutendsten Verleger, Samuel Fischer, an, der es ablehnt. Es ist wahrscheinlich der größte geschäftliche Fehler in dessen so erfolgreicher Verlegerlaufbahn. Der Propyläen-Verlag im Hause Ullstein dagegen nimmt den Text an, fordert aber für den Vorabdruck in der „Vossischen Zeitung“, der im November 1928 beginnt, einige Änderungen. Sie beziehen sich, wie Schneider in seinem Nachwort festhält, vor allem auf Passagen „die den Krieg explizit, seine Ursachen und seine Sinnlosigkeit kritisierten“. Der unsichere Autor, glücklich, dass sein Manuskript in einem der größten deutschen Verlagshäuser erscheinen wird, stimmt zu.

Den Vorabdruck und die Buchausgabe begleitet Ullstein mit einer gewaltigen Werbekampagne voller Unwahrheiten. Remarque wird da nicht als Schriftsteller vorgestellt, sondern als einfacher Frontsoldat, der zehn Jahre das Kriegstrauma vor sich her getragen hat. In einem Sonderprospekt des Verlages heißt es mit rührseligem Pathos: „Als sich im Herbst 1927 die verschütteten Eindrücke seiner Frontzeit ungestüm meldeten, schrieb sie sich Remarque in wenigen Wochen von der Seele. Nur um sich von ihnen zu befreien, hatte er seine Kriegserlebnisse gestaltet ....“.

Remarque unterstützt diese Stilisierungen in einigen Interviews. Die Wahrheit ist: Die ersten Manuskriptseiten dieses Romans sind bereits 1917 entstanden, als der Autor verwundet im Duisburger Lazarett liegt. „Im Westen nichts Neues“ ist bereits der dritte Roman, den der langjährige und nicht erfolglose Journalist veröffentlicht. Remarque ist als Schriftsteller Ende der zwanziger Jahre längst ein Profi. Bei Kriegsausbruch ist er 16 Jahre alt und ab Juni 1917 nur sechs Wochen an der Westfront gewesen. Seine Zeit als Frontkämpfer endet dann mit einer schweren Verwundung.

Für sein Buch nutzt er die Tagebuchaufzeichnungen eines Freundes und die Erzählungen von Kriegskameraden, berichtet also keineswegs in erster Linie von eigenen Erlebnissen. 1927 nimmt er sich das Manuskript wieder vor und arbeitet über ein Jahr daran. „Es ist Erleben, einfachstes, ungeschminktes, unverhülltes Erleben ohne Stilisierung, ohne Komposition ohne jede Art von Kunstfertigkeit überhaupt. ... Das Wort ,Schuld‘ kommt überhaupt nicht vor“, tönt der ängstliche und geschäftstüchtige Verlag. Zu Recht weist Thomas Schneider dagegen daraufhin, dass „Im Westen nichts Neues“ „als wohldurchdachtes, bis in Details der Struktur und einzelne Formulierungen hinein konzipierter Text“ erschienen ist.

Entscheidend aber ist, dass der Roman „Im Westen nichts Neues“ überaus aktuell geblieben ist. Im August 1914 vertuschten die politischen und militärischen Eliten mit vaterländischen Lügenmärchen ihren Leichtsinn und ihre Machtgier, mit der sie den Kriegsausbruch provozierten. Auf den Schlachtfeldern von Flandern, in den Stellungsgräben von Verdun oder in den Sümpfen Ostpreußens wurden Millionen Paul Bäumers Opfer eines sinnlosen Mordens. Remarques Roman ist heute auch als Warnung zu verstehen, wenn in der Politik von Sicherheit und Freiheit – in Wahrheit geht es um Einfluss und Öl – schwadroniert wird und dafür erneut junge Menschen sterben müssen. Oder auf unseren Straßen blinde Ideologen ihr Unwissen und ihre persönlichen Versagensängste dadurch kompensieren, dass sie zur „Rettung des christlichen Abendlandes“ vor dem „Ansturm“ der Andersgläubigen aufrufen. „Es ist komisch“, lässt Remarque in seinem Roman eine der Figuren sagen, „wir sind doch hier, um unser Vaterland zu verteidigen. Aber die Franzosen sind doch auch da, um ihr Vaterland zu verteidigen. Wer hat nun recht?“

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues. In der Fassung der Erstausgabe mit Anhang und Nachwort hrsg. von Thomas F. Schneider. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 360 Seiten, 15 Euro.

Wilhelm von Sternburgs Remarque-Biografie „Als wäre alles das letzte Mal“ ist als Kiwi-Taschenbuch erhältlich, 528 Seiten, 14,95 Euro.

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