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Pierre Lemaitre "Wir sehen uns dort oben" Und wer nicht gestorben ist

Pierre Lemaitres glänzender Erster-Weltkriegs-Roman „Wir sehen uns dort oben“ erzählt präzise und unlarmoyant vom Sterben und Geschäftemachen.

Schlachtfeld Frankreich: Aufräumarbeiten nach dem Ende der Kämpfe. Foto: imago stock&people

Man muss nicht herumpsychologisieren, um interessiert zur Kenntnis zu nehmen: Zwar gibt es auch in der deutschsprachigen Belletristik aktuelle Auseinandersetzungen mit dem Ersten Weltkrieg. Aber Burkhard Spinnen in „Zacharias Katz“ oder Christoph Poschenrieder in „Das Sandkorn“, um zwei gediegene Beispiele zu nennen, führen ihr Personal am Rande oder im Vorfeld des Geschehens herum. Die französische Literatur dieser Jahre hingegen (signifikanterweise zum Teil erst jetzt anlässlich des Jahrestages ins Deutsche übersetzt) begibt sich mitten in die Schlachten, mit Jean Echenoz’ „14“, Éric Vuillards „Ballade vom Abendland“ – einem Essay, aber unbedingt einem literarischen – oder jetzt auch Pierre Lemaitres „Wir sehen uns dort oben“.

Lemaitre, ein offenbar erfolgreicher Krimiautor, bekam für seinen Weltkriegs-Roman schon 2013 den Prix Goncourt. Anders als Echenoz oder Vuillard bannt und konzentriert er das Grauen des Themas nicht durch strenge Kürze. Vielmehr entwirft er geruhsam ein Panorama der französischen Gesellschaft im und nach dem Krieg und bettet dieses ein in eine aufregende, regelrecht gewitzte Geschichte, die eines Kriminalromanspezialisten ebenso würdig ist wie eines Satirikers.

Er wird verschüttet

Von beidem ahnen die Leser und die Figuren zunächst nichts. Auf den ersten 30 Seiten schildert Lemaitre ausschließlich und ausgiebig den Tod eines jungen Soldaten, der verschüttet wird. Es ist der November 1918. „Wer gedacht hatte“, so beginnt das Buch, „der Krieg sei bald zu Ende, war lange schon gestorben. Und zwar im Krieg.“ Nun ist es Albert, Anfang 20, der in einen Trichter fällt, nein, in einen Trichter gestoßen wird und nicht mehr herauskommt. Der Erzähler weiß, was ihm Entsetzliches bevorsteht. „Wenn Albert jetzt daran dächte, bekäme er vielleicht sogar Lust aufs Sterben. Das wäre gar nicht schlecht, denn genau das wird passieren. Nur noch nicht sofort. Gleich, wenn die entscheidende Granate wenige Meter von seinem Unterschlupf entfernt einschlagen und einen mauerhohen Erdwall aufwerfen wird, der dann herabstürzt und ihn vollkommen verschüttet. Bis dahin bleibt ihm nicht viel Zeit zu leben übrig – genug allerdings, um zu begreifen, was mit ihm geschieht.“

30 Seiten lang also kämpft Albert um sein Überleben, nach der Verschüttung unter anderem, indem er im Hohlraum eines mit ihm verschütteten Pferdekopfes noch etwas Luft findet. Denn noch längst sind nicht alle Details erzählt, die sich über das Sterben im Krieg erzählen ließen.

Als Albert aber gestorben ist, führt uns Lemaitre vor, dass er neben präzisen, unlarmoyanten, gar im leichten Ton des Unabänderlichen gehaltenen Schilderungen einige Volten bereithält. Albert wird nämlich nun doch gerettet, ausgebuddelt, herausgezerrt von einem Mitsoldaten, der soeben schlimm am Bein verletzt worden ist und die Spitze von Alberts Bajonett herausstehen sieht. Péricourt heißt der andere junge Mann, der gräbt und heult und zieht und rabiat wiederbelebt. Und weil der Krieg rundherum weitergeht, wird er noch einmal getroffen. Diesmal wird sein Gesicht zerschmettert.

Und doch noch freigegraben

Und dies ist lediglich der Eintritt in eine Geschichte, die sich jetzt hinüber in eine von Pathos und Zynismus, Geschäftssinn und einer anderen Art von Überlebenskampf geprägte Nachkriegszeit begibt. Albert, das Kleinbürgerkind, und Péricourt, Sohn eines steinreichen Mannes, bleiben zusammen. Es gibt keinen Weg zurück in ein normales Leben. Albert mag Péricourt und fühlt sich ihm verpflichtet. Péricourt, der nicht mehr sprechen kann und sich ein einziges Mal versucht umzubringen, verweigert Operationen, Prothesen, Transplantationen, verweigert alles außer Morphium. Albert beschafft ihm einen Totenschein. Péricourt fängt an, sich Masken zu basteln, darunter eine Pferdemaske. Pferdeköpfe interessieren Albert.

Parallel dazu erzählt Lemaitre die Geschichte des aristokratischen Offiziers und Halunken, der für ihr Desaster verantwortlich ist. Der Leser kann erneut nicht ahnen, was sich für Verbindungen auftun werden. Ungemein gemächlich und gewieft entwickelt der Autor diesen Fortgang und dazu zwei lukrative Bubenstreiche in ganz großer Dimension: Albert und Péricourt, der ein hochbegabter Zeichner ist, planen, für selbstentworfene Kriegerdenkmäler Vorschüsse zu kassieren und sich mit dem Geld dann abzusetzen. Péricourts Entwürfe sind hanebüchen, aber der Bedarf ist gewaltig und der Absatz gut. Das gibt Lemaitre Gelegenheit, ohne Hohn, aber auch ohne Schonung die ganze Gedankenlosigkeit des Gedenkpathos’ vorzuführen.

Särge, beliebig beschriftet

Der Offizier organisiert unterdessen die Exhumierung und „Heimführung“ der gefallenen Franzosen, aber in geldsparender Unseriosität. Särge mit Erde und Leichenteilen, im Zweifel auch von deutschen Soldaten, werden beliebig beschriftet. Während sich Lemaitre ersteres nach eigenem Bekunden selbst ausgedacht hat, beruht zweiteres auf einem französischen Nachkriegsskandal. Er gibt Lemaitre Gelegenheit, ohne Wenn und Aber die Skrupellosigkeit der Eliten vorzuführen.

Dabei gibt es viel Personal in diesem Buch. Lemaitre interessiert sich für seine Leute. Keiner von ihnen wird bloßgestellt, nur der Offizier. Der Autor hasst ihn. Er plant bereits die Vergeltung.

Nicht zuletzt ist „Wir sehen uns dort oben“ eine Erinnerung an die Zerstörung, die der Erste Weltkrieg auf französischem Boden hinterlassen hat. Und ein fabelhaftes Beispiel dafür, was sich über den Krieg noch alles Bitteres sagen lässt, wenn man nicht ständig mit der Kriegsschuldfrage befasst sein muss. Schließlich ist dieser Roman das stärkste uns bekannte literarische Beispiel aus der Gegenwart dafür, wie ein scharfer, unsentimentaler Blick auf diese gesellschaftliche Katastrophe in keinem Widerspruch zu glänzender Unterhaltung stehen muss. Ein Minimum an Mut und Nerven braucht es allerdings auch, sich darauf einzulassen.

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben. Roman. Aus dem Französischen von Antje Peter. Klett-Cotta, Stuttgart 2014. 521 Seiten, 22,95 Euro.

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