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Interview mit Hans-Ulrich Wehler Der Krieg war im Oktober 1914 verloren

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler über die Ursachen des Ersten Weltkriegs, die Schuldigen, die katastrophalen Fehleinschätzungen des deutschen Generalstabs und den Übergang zum totalen Krieg.

Eine neue Waffe, die Schrecken und Tod verbreitete, war der Panzer. Foto: X80001

Herr Wehler, in den Jahren von 1912 bis 1914 schien kein Krieg in Sicht zu sein. Warum brach der Erste Weltkrieg im Sommer 1914 dann doch aus?

Der äußere Anlass ist das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand, der zusammen mit seiner Frau von einer serbischen Geheimorganisation in Sarajevo erschossen wurde. Daraufhin beschlossen die Österreicher Serbien das ihnen in ihrer Balkan-Politik ohnehin in die Quere gekommen war, zu demütigen. Ein österreichischer Gesandter in Berlin erbat sich Grünes Licht von der deutschen Politik. Sowohl der Kaiser als auch die politische Führung des Deutschen Reiches gaben den Österreichern den Weg frei. Die Österreicher stellten ein Ultimatum, darauf gingen die Serben aber verblüffender Weise erstaunlich weit ein.

Der Krieg hätte hier also noch verhindert werden können?

Wenn die Deutschen wirklich den Frieden hätten bewahren wollen, dann hätten sie die Österreicher ganz schnell dazu kriegen können, auf die serbische Nachgiebigkeit ebenfalls nachgiebig zu reagieren. Und die Deutschen hätten sich vor allen Dingen mit den Engländern absprechen können, so dass es nicht zu einem größeren Konflikt kommen würde. Das ist alles nicht passiert. Und so kommt es, dass die Österreicher den Serben den Krieg erklären. Daraufhin erklärt Russland auch den Österreichern den Krieg. Und der damalige deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, der nur darauf bedacht war, dass er den Deutschen einen Verteidigungskrieg suggerieren konnte, erklärte nach erfunden Grenzverletzungen, die es nie gegeben hatte, müsse das Deutsche Reich Russland und Frankreich, den Krieg und damit den Zweifrontenkrieg erklären.

Waren die Deutschen also die Hauptschuldigen?

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war durch den Versailler Vertrag festgelegt worden – wenn auch nicht explizit mit diesen Worten –, dass die Hauptschuld bei dem Deutschen Reich gelegen hat. Daraufhin hat sich die gesamte deutsche Geschichtswissenschaft aber auch die Politik von rechts bis links, es ging von den Rechtskonservativen bis zu den Kommunisten, dagegen gewehrt. In den 20er Jahren setzt sich so allmählich die Auffassung eines führenden englischen Politikers durch, es seien alle doch so in den Krieg hineingeschlittert. Darauf konnten sich die deutschen Historiker, wenn auch relativ spät, in den 30er Jahren einigen, weil dadurch die Alleinschuld Deutschlands bestritten wurde. Es ist das Verdienst des Hamburger Historikers Fritz Fischer, dass er Ende der 50er Jahre, Anfang der 60er Jahre nach mühsamer Archivarbeit klarstellte, dass die Hauptschuld auf deutscher Seite lag, weil Deutschland als maßgeblicher Verbündeter von Österreich-Ungarn diesem Staat das Grüne Licht für einen Schlag gegen Serbien und damit auch gegen dessen Hauptverbündeten Russland gegeben hatte.

Das war die sogenannte Fischer-Kontroverse, in der deutsche Historiker über die Kriegsschuld Deutschlands gestritten haben. Wer behielt die Oberhand?

Im Wesentlichen hat sich Fischer in der deutschen und der internationalen Forschung durchgesetzt. Allerdings nicht mit seiner verschärften Meinung, das Deutsche Reich hätte seit 1912 einen Krieg geplant, weil es damals eine Sitzung gegeben hatte, die Fischer – wie ich finde völlig zu unrecht – als Kriegsrat interpretierte. Mit dieser Interpretation, dass die entscheidenden Weichenstellungen in Berlin vorgenommen wurden. Damit hat sich Fischer grosso modo durchgesetzt.

Sie wird nun von dem in Cambridge lehrenden australischen Historiker Christopher Clark angezweifelt.

Da ist es wieder das allgemeine Hineinschlittern und viel stärker als früher eine Betonung der englischen Schuld. Was die Forschung in den letzten Jahrzehnten mühsam herausgearbeitet hatte, den großen deutschen Anteil an dem Kriegsausbruch, hat er eliminiert.

Man kann Clark also nicht darin folgen, dass Frankreich, Russland und England eine ebenso große Schuld wie Deutschland trifft?

Bei Clark weht jetzt wieder ein Hauch der Entlastung für die deutsche Position. Wenn man die zugänglichen Dokumente alle einmal gelesen hat, wie das die meisten von uns, die sich an der Debatte beteiligt haben, getan haben, sieht man: Erstens der Generalstab wollte einen Krieg wie es der Generalstabschef Moltke immer wieder sagte: „So schnell wie möglich“ – weil die russische und französische Aufrüstung die deutsche Rüstung spätestens 1916 überholen würde. Man müsse die Gelegenheit, solange man noch überlegen sei, ausnützen. Zweitens hat der Generalstab den sogenannten Schlieffen-Plan entwickelt. Da sollte die Ostfront zunächst nur gehalten werden gegen die Russen, aber mit einer siebenfachen Übermacht sollten die Deutschen durch Südbelgien nach Frankreich vorstoßen und Frankreich niederzwingen. Also hatte Moltke aufgrund seiner Planung und des Rüstungsvorsprungs, den er noch zu haben glaubte, zum Krieg gedrängt. Der Reichskanzler Bethmann Hollweg hat sich den Generalstäblern angeschlossen und auf die Pflicht des Politikers, sich selbst maßgeblich einzuschalten, verzichtet. Und der Kaiser Wilhelm II., der selbst nicht unbeteiligt war, hat sich auf die Seite der Generäle gestellt. Aber eigentlich nicht als wirklicher Kriegstreiber. Bei Clark wird das stärker als englischer Schuldanteil gedeutet. Auch wenn die Russen aufgrund ihrer inneren Probleme losschlagen wollten, verschiebt Clark das in seinen Proportionen.

War der Nationalismus der Hauptgrund des Krieges?

Auf allen Seiten ist der fanatische Nationalismus eine entscheidende Triebkraft. Sowohl auf der deutschen als auch der englischen, französischen, schließlich auch der amerikanischen Seite. Aber es gibt auch eine Reihe von anderen Motiven. Die Franzosen wollen das ihnen geraubte Elsaß-Lothringen wiederhaben. Die Engländer wollen endlich die deutsche Schlachtflotte ausschalten, die Amerikaner wollen ihrer vertrauten Macht England beistehen und keine Niederlage Englands hinnehmen. Zudem wurden durch den deutschen U-Boot-Krieg amerikanische Schiffe versenkt, zum Teil mit 1000 Amerikanern an Bord. Es kamen immer weitere Motive hinzu, die den Krieg totalisierten. Aber in der Grundstimmung ist der radikale Nationalismus das Hauptmotiv.

Warum wurde es ein Weltkrieg?

Am Anfang ist es eigentlich kein Weltkrieg. Es ist ein Krieg mit einer doppelten Front für die Deutschen. Die Japaner nehmen dann zwar die deutschen Kolonien in Asien in Besitz. Aber in anderen Kontinenten, in Afrika, Lateinamerika, Nordamerika, Südostasien gibt es überhaupt keinen Krieg, der es rechtfertigen würde, von einem Weltkrieg zu sprechen. In dem Augenblick aber, als die Engländer den Krieg in den Nahen Osten tragen, um von dort aus ihren Angriff auf den deutschen Verbündeten, das Osmanische Reich zu starten, und als die Amerikaner sich 1917 entschließen, in den Krieg einzugreifen und zwar mit einer überlegenen Truppenmacht, entsteht erst der Weltkrieg. Die Zeitgenossen haben diesen Einschnitt sehr gut erkannt und sprechen erst seit dieser Zeit von einem Weltkrieg.

Die Deutschen wähnten sich im Zangengriff von Frankreich und Russland. Gab es Alternativen für die Deutschen vor Ausbruch des Krieges?

Man wusste in Berlin, dass Österreich ein schlampig regierter Staat ist. Es hat drei Wochen gedauert, bis Österreich nach der Kriegserklärung seine Truppen gegen das kleine Serbien in Gang setzte. Und die erste Schlacht ging verloren, weil nichts gut vorbereitet war. Sofort mussten reichsdeutsche Truppen eingreifen, um die österreichische Front zu stabilisieren. Und die Deutschen wussten, dass Russland, das gilt übrigens bis heute, sich gerne als Freund Serbiens aufspielt. Die Deutschen wussten: Wenn wir losschlagen, gibt es einen Zweifrontenkrieg. Frankreich, England und Russland sind inzwischen so verbündet, dass sie nicht davor zurückzucken werden, gemeinsam vorzugehen. Es gab massive Gegengründe abzuwägen, die Österreicher abzubremsen, den deutschen Botschafter in London zu instruieren: Man sei bereit, einer vernünftigen Kompromisslösung mit England zuzustimmen. Das ist die entscheidende Situation, in dem Augenblick, in dem die Deutschen Österreich Grünes Licht geben. Dass es eine andere Option gegeben hätte und zwar eine, die vermieden hätte, dass der Krieg in Gang kam, die bestand meines Erachtens.

Wer trägt im deutschen Lager die Hauptschuld: der Reichskanzler oder der Kaiser?

Als der österreichische Gesandte nach Berlin kam, hat sich Wilhelm II. auf die Seite des Generalstabschefs und des Reichskanzlers gestellt. Wilhelm II. hat gesagt, es sei höchste Zeit, dass die „Serben endlich mal Mores lernen“. Aber wenn die Militärs vorsichtiger argumentiert hätten und Bethmann Hollweg in dieser ernsten Krise mit seinem Rücktritt gedroht hätte, dann wäre der Kaiser nicht so weit vorgeprescht. Nun ist er nach seiner Ausbildung her und seinem Naturell nach ein militärfreundlicher Herrscher, der viel darauf gab, was der Generalstab mit dem Schlieffen-Plan usw. ausgearbeitet hatte. Dabei muss man wissen, dass Bethmann Hollweg den Schlieffen-Plan überhaupt nicht kannte. Das ist eines der grandiosen Defizite der deutschen Politik, dass der Reichskanzler als verantwortlicher Politiker den maßgeblichen Kriegsplan, wenn es denn losgehen sollte, nicht kannte.

Unglaublich.

Später hat dann Bethmann Hollweg in seinen nach dem Krieg veröffentlichten Erinnerungen weinerlich erklärt, er habe als Politiker den überlegenen Fachleuten nicht zusetzen können, geschweige denn ihnen widersprechen können. Da kommen wir an ein Grundproblem der deutschen Politik: Dass die politische Leitung nicht imstande gewesen ist, eine autonome politische Entscheidung für sich zu finden und dann zu verteidigen.

Der Schlieffen-Plan ließ sich nicht wie gehofft umsetzen.

Die deutsche Armee rückte ziemlich schnell vor. Aber sie hatte unterschätzt, dass man durch Südbelgien nur langsam vorankommt. So ging es nicht so schnell voran, wie es der Schlieffen-Plan, der den Deutschen überdies ja eine siebenfache Überlegenheit zugebilligt hatte, vorsah. Dann warfen die Franzosen alle Truppen, die sie hatten, zuletzt sogar mit Taxis an die Front und stoppten den deutschen Vormarsch. Damit war der Schlieffen-Plan gescheitert. Das Oberkommando hat dann einen Vertrauten an die Front geschickt, der den Zustand durchgesetzt hat gegenüber den Generälen. In dem Augenblick war das Siegesargument der Deutschen dementiert. Denn nun stockte der Vormarsch, und die folgenden vier Jahre haben sich als Grabenkrieg in Südbelgien und Nordfrankreich abgespielt, ohne weitere dramatische Vormärsche der Deutschen.

Und im Osten?

Es war im Osten zwar gelungen, nachdem die Russen 1914 in Ostpreußen einmarschiert waren, unter Ludendorff und der Aushängeperson, General Hindenburg, die Russen zurückzuschlagen und dann die Front zu stabilisieren, um dann allmählich gegen die Russen vorzurücken. Aber das war ein riesiges Gebiet, das man zu erobern hatte, während es im Westen stagnierte, so dass der Krieg bereits im Oktober 1914 nach der gescheiterten Planung verloren war.

Wäre es während der Kriegszeit möglich gewesen, einen Frieden zu schließen, der für die Deutschen nicht zu unvorteilhaft gewesen wäre?

In all den Jahren haben alle Seiten geglaubt, dass sie die jeweils überlegene Macht oder Allianz seien. Es gibt zwar Friedensversuche sowohl des Vatikans als auch des US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, auch einmal von Bethmann Hollweg. Aber immer so zögerlich, dass die andere Seite sich mit dem Angebot nicht zufrieden gab.

Die Deutschen hielten sich für die stärkste Militärmacht auf dem Kontinent?

Die Aufrüstung war ja weit gediehen durch die letzte Aufrüstung des Heeres und der Schlachtflotte, die England ja definitiv auf die Seite der Franzosen und Russen gebracht hatte, so dass die Deutschen glaubten, wenn es nun stagniert, so sind wir doch stark genug, um die Engländer und Franzosen zu ermatten. Das führt dann zu dem berühmten Abschlachten von 400.000 deutschen und 400.000 französischen Soldaten bei Verdun, durch den neuen Generalstabschef Falkenhayn, nachdem Moltke einen Nervenzusammenbruch hatte und den Posten verloren hatte. Aber es wurde kein entscheidender Meter gewonnen.

Auch die Flotte, das Lieblingskind des deutschen Kaisers, half nicht?

Die britische Flotte wurde unterschätzt. Sie war eine riesige Schlachtflotte, die imstande war, einen Sperrgürtel um die Nordsee zu ziehen, durch den die Deutschen überhaupt keine Lieferungen mehr von Übersee bekamen. Die deutsche Schlachtflotte war viel zu klein, um den Gürtel aufzubrechen. Sie riskierte zwar einen Angriff im Skagerrak, stand aber gegen die Engländer auf verlorenem Posten.

Gab es auch Fortschritte?

Fortschritte gab es dann an der Ostfront, weil das russische Bauernheer, immer wenn es mit den deutschen Truppen zusammentraf, verloren ging. Erfolge hatten die Russen nur weiter im Süden gegen die Österreicher. Die Front stagnierte jedoch vom Baltikum abwärts bis Südrussland. Das war die Situation, in der die Deutschen sich sagten: Wir schaffen jetzt den Chef der russischen linksradikalen Opposition, Wladimir Iljitsch Lenin, mit einem plombierten Wagen aus seinem Exil in der Schweiz nach Russland. Er sollte Russland von innen sprengen. Das gelang auch. Er führte die von Deutschland ermöglichte russische Revolution an.

Wie unterschied sich der Krieg von den vorhergehenden Kriegen?

Er hat sich schon deshalb gewandelt, weil er der technifizierte Krieg gewesen ist. Die Hauptopfer des Ersten Weltkriegs sind durch Artilleriebeschuss entstanden. In der großen Schlacht an der Somme, als die Engländer und Franzosen im Jahr 1916, als sie glaubten, sie könnten mit ihrer Truppenstärken die deutschen Stellungen angreifen, hatten sie Wochen vorher jeden Tag hunderttausende Tonnen Granaten auf die deutschen Stellungen geschickt und geglaubt, sie hätten alle Schlachtgewalt. Als sie angriffen, hatten sich die Deutschen in ihren Gräben jedoch so festgesetzt und hatten überlebt, so dass sie der Gegenseite 400 000 Tote als Verluste zufügen konnten. Die Schlacht an der Somme ist das blutigste Massaker des Ersten Weltkriegs und führte dazu, dass der englische und französische Angriff wieder stockte. Der hauptsächliche Kriegswandel besteht im Masseneinsatz von Artillerie für kurze und lange Strecken. Zudem im Einsatz des neuen Maschinengewehrs, weil die Infanterie nun Maschinengewehre mit sich führte und so Reihen, die sich im Sturmangriff näherten, niedermähen konnte.

Und Panzer?

Am Ende des Krieges kommt diese Neuerung, die im Zweiten Weltkrieg eine Riesenrolle gespielt hat, nämlich die Einsetzung von gepanzerten Wagen, was wir heute als Panzer bezeichnen. Hier hatten die Engländer und Franzosen einen Vorsprung. Die Deutschen hatten zu spät erkannt, wie wichtig ein Panzerangriff war. Das waren alles Neuerungen, die es vor dem Ersten Weltkrieg, etwa im Krieg der Engländer gegen die Buren oder in den 1850er im Krimkrieg, als die Engländer gegen die Russen auf der Krim kämpften, so noch nicht gegeben hat. Das ist die Hinwendung zu einem totalen Krieg, der mit radikaler Waffengewalt geführt wird. Und die kriegführenden Staaten zwingt, alle Ressourcen für die Kriegsführung einzusetzen. Auf der deutschen Seite wurde dies durch das Ludendorff / Hindenburg’sches Kriegsdienstgesetz von 1916 noch weithin durchgesetzt. Auf der französischen und englischen Seite erfolgt dieser Übergang zu einem totalen Krieg ebenfalls. Die Konsequenz nach diesem Krieg ist, dass alle Kriegsplanung in Bezug auf eine Revision des Ersten Weltkrieges durch einen Zweiten Weltkrieg immer davon ausgeht, dass der Zweite Weltkrieg erst recht ein totaler Krieg sein wird.

Interview: Michael Hesse

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