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Herfried Münkler: Der Große Krieg Der Untergangskrieg

2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum 100ten Mal. Das Jubiläum nimmt der Politologe Herfried Münkler für seine umfassende Studie über die „Urkatastrophe“ des Ersten Weltkriegs zum Anlass.

30.12.2013 10:57
Dirk Pilz
Der millionenfach tödliche Befehl auch in diesem Weltkriegsmoment lautete: „Sturmangriff“. Foto: dpa

Wie viel jetzt vom Ersten Weltkrieg geschrieben wird. Christopher Clarks Buch „Die Schlafwandler“, eine Studie darüber, „wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“: 895 Seiten. Ernst Pipers detailfreudige „Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs“ mit dem sprechenden Titel „Nacht über Europa“: 587 Seiten. Adam Hochschilds Buch über den „Großen Krieg“ und den „Untergang des alten Europa“: 525 Seiten. Lauter Großwerke, allseits gern gelesen offenbar.

Britische Perspektive

Woher dieses enorme Interesse am Ersten Weltkrieg? Sein Beginn jährt sich 2014 zum hundertsten Mal; das ist der äußere, verkaufstechnisch gewiss nicht zu unterschätzende Anlass. Aber es gibt tiefer liegende Gründe. Für den US-Amerikaner Hochschild ist es der „starke Kontrast zwischen dem, wofür die Menschen zu kämpfen glaubten und der zertrümmmerten, verbitterten Welt, die sie schufen“. Entsprechend schildert er, vornehmlich aus britischer Perspektive, eingehend die Ängste, das Leid, die Schrecken des Krieges.

Ernst Piper zufolge haben „die Deutschen ihren Frieden mit diesem Krieg gemacht“, was es auch erlaube, ihn im Kontext der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts wahrzunehmen, als jenen „europäischen Bürgerkrieg“, von dem Franz Marc bereits 1914 gesprochen hatte; lange Zeit war zudem, besonders in Deutschland, die Erinnerung an den Ersten begreiflicherweise von den Traumata des Zweiten Weltkriegs überlagert.

"Vereinter Amoklauf"

Erst jetzt scheint ins Bewusstsein zu gelangen, dass die „Julikrise“ von 1914, also die entscheidenden Wochen im Vorfeld des Krieges, als „das komplexeste Ereignis der heutigen Zeit, womöglich bislang aller Zeiten“ gelten kann; das ist Clarks These, mit der er sich von der in den letzten Jahrzehnten beherrschenden Frage abwendet, warum es zu diesem Krieg kam. Er fragt stattdessen, wie er möglich wurde, hat also keine „Anklageschrift“ gegen diesen oder jenen Staat verfasst, auch nicht gegen Deutschland, sondern schildert den Weg in den Krieg als „vereinten Amoklauf Europas“. Fritz Fischers berühmte und lange die Debatten bestimmende These vom „deutschen Griff nach der Weltmacht“ (1961) wird damit entschieden zurückgewiesen.

Darin ist sich Clark mit dem Politologen Herfried Münkler einig. Es gab, sagt Münkler, keinen zwingenden Weg in diesen Krieg. Es gibt auch keine deutsche Hauptschuld. Und doch kennt er, deutlicher und entschiedener als Clark, Verantwortliche. Verhängnisvoll war Münkler zufolge, dass Deutschland einen „impulsiven Herrscher wie Wilhelm II. an seiner Spitze hatte“; es hätte als Gegengewicht einer „überragenden Gestalt“ in der Reichskanzlei bedurft, genau das war Theobald von Bethmann Hollweg jedoch nicht. Verhängnisvoll war auch, dass der deutsche Generalstab nur militärisch und nicht politisch dachte; und es waren die deutschen Niedergangsängste und Einkreisungsobsessionen, die Fixierung auf den bereits in den 1880er Jahren entwickelten „Schlieffen-Plan“, also die auf einen Präventivkrieg gesetzte Hoffnung eines schnellen Siegs.

Prozess der Eskalation

Am 4. August 1914 überfielen deutsche Truppen Belgien, binnen einer Woche wollte man Frankreich erreicht haben, den Soldaten war versprochen, an Weihnachten wieder zu Hause zu sein. Stattdessen gerieten sie in einen Stellungskrieg. Und bereits zwei Wochen nach dem Einmarsch in Belgien fielen russische Truppen in Ostpreußen ein: Die Krisenherde blieben nicht regional begrenzt, sondern wurden verbunden – es setzte sich, so Münkler, ein Prozess der Eskalation in Gang, der politisch nicht mehr zu beherrschen war und alle großen Mächte in den Konflikt verwickelte. „So wurde ein regionaler Krieg zum ‚Großen Krieg‘, der den ganzen Kontinent in den Abgrund riss.“

Anders als Clark teilt Münkler damit auch die 1979 formulierte These von George F. Kennan, derzufolge der Erste Weltkrieg die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ ist. Es ist für ihn die Katastrophe eines politischen Versagens. Das ist die Stärke seines Buches „Der Große Krieg“, die erste umfassende Studie eines deutschen Autors zum Ersten Weltkrieg seit 1968: Münkler analysiert sehr genau die politischen Verwicklungen und Entscheidungs- oder eben fatalerweise Nichtentscheidungsprozesse. Er erfasst damit das „Stimmengewirr“, das etwa die besonders in Deutschland geführten Debatten um die Kriegsziele bestimmte, und arbeitet präzise heraus, wie es zu jener „sakrifiziellen Grundstimmung“ kommen konnte, mit der große Teile der deutschen Bevölkerung in den Krieg zogen – und warum gerade sie es verhinderte, frühzeitig den Krieg zu beenden: „Man traute sich nicht, Bilanz zu ziehen, weil schon die Semantik der Bilanz ein Sakrileg gegenüber der Semantik des Sakrifiziellen war.“ Man tappte in die „Fatalismus-Falle“.

Kontrafaktische Geschichtsschreibung

Zwangsläufigkeiten gehorchten die Vorgeschichte und der Verlauf des Krieges allerdings gerade nicht, und Münkler erlaubt sich immer wieder Ausflüge in die kontrafaktische Geschichtsschreibung, um etwa zu verdeutlichen, dass die Donaumonarchie 1914 hätte überleben können, wenn sie statt im Krieg in politischen Reformen ihre Rettung gesucht hätte. Dass es dazu nicht kam, ist in jenem dichten Geflecht aus Politik und Psychologie, religiösen und nationalen Motiven, mentalen und geistesgeschichtlichen Atmosphären zu suchen, das Robert Musil in seinem großen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ als „Gefilz der Kräfte“ beschrieben hat: „Alle Linien münden in den Krieg.“ Das ist die Perspektive aus der historischen Distanz, die sich Münkler zu eigen macht: Er verdeutlicht, dass es zwar alternative Linien, aber nicht die dafür notwendigen Politiker und Militärs gab.

Unter der Hand erklärt er damit auch, woher das wachsende Interesse am Ersten Weltkrieg kommt: Man kann an ihm das „fatale Ineinanderfließen sachlich wie räumlich voneinander getrennter Konflikte“ studieren. Ohne schiefe Parallelen zur Gegenwart zu ziehen, macht Münkler begreiflich, wie entscheidend für die Friedenssicherung auch heute ist, eben dieses Fließen politisch zu verhindern.

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