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Heiliger Krieg 1914 Dschihad – made in Germany

Im November vor 100 Jahren rief das letzte Mal ein Kalif zum Heiligen Krieg auf. Auf die Idee dazu war ein Deutscher gekommen.

Sultan Mehmed V Reshad of Turkey
Er darf zum Heiligen Krieg aufrufen, das machten sich Berlin und Istanbul 1914 zunutze: Sultan Mehmed V. (1844-1918). Foto: picture-alliance / Mary Evans /

Mehr als dreißig Jahre seines Lebens verbrachte der spätere Sultan Mehmed Khan V. (1844–1918) im Harem des Topkapi-Palastes in Istanbul, heißt es bei Wikipedia, in einem „Anwesen im nördlichen Konstantinopel“, sagt die Website Ottoman Club. Neun davon, wieder Wikipedia, in Einzelhaft.

Die Zeit vertrieb sich der von seinem älteren Bruder gefangen gehaltene Mehmed mit dem Schreiben von Gedichten im altpersischen Stil. Als die Jungtürken Abdul-hamid II. stürzten, machten sie seinen jüngeren Bruder im April 1909 zum 35. Sultan. Allerdings hatte er nichts zu sagen. Die Jungtürken stellten die Regierung. Mehmed war konstitutioneller Monarch, und sein Spielraum wurde von Jahr zu Jahr enger.

Aber es gab eine Funktion, die ihn für ein paar Monate zu einer der wichtigsten Personen des Ersten Weltkriegs machte. Der Sultan des Osmanischen Reiches war auch Kalif. Also „Stellvertreter des Gesandten Gottes“. Im 7. Jahrhundert war dieser Titel in einer noch radikaleren Form, nämlich als „Stellvertreter Gottes“ aufgekommen. Man sieht den jungen Islam, wie er hinüber zum Katholizismus blinzelt. Aber unter den Muslimen kam Kritik auf: Niemand sei wie Gott, niemand könne sein Stellvertreter sein. Also wurde aus dem Stellvertreter Gottes der Stellvertreter des Gesandten.

Als die Osmanen im 16. Jahrhundert Kairo eroberten, verschleppten sie den letzten abbasidischen Kalifen nach Istanbul und setzten ihn dort gefangen. Da sie als Türken nicht wie Mohammed und alle Kalifen bisher dem arabischen Quraisch-Stamm angehörten, sahen sie keinen Sinn darin, das Kalifat für sich zu beanspruchen. Zumal sie unanfechtbar im Besitz der politischen und militärischen Macht waren.

Antieuropäische Kalifatsidee?

Erst 1774, als das Osmanische Reich einen Krieg gegen Russland verloren hatte, benutzte der Sultan den Kalifentitel. Er diente dazu, den Anspruch auf die geistliche Oberherrschaft über die Muslime auf russischem Territorium deutlich zu machen, wie der Zar den für die russisch-orthodoxen Christen auf osmanischem Territorium im Friedensvertrag festgelegt sehen wollte.

Die Kalifatsidee, die heute gerne als etwas ganz und gar Un-Europäisches, ja Anti-Europäisches dargestellt wird, ist in Wahrheit gerade in der Auseinandersetzung mit der westlichen Tradition entstanden – nicht nur mit der orthodoxen und der katholischen Christenheit, sondern auch mit der protestantischen Auffassung von der Verbindung von Thron und Altar. Noch Kaiser Wilhelm II. war Summus Episcopus – oberster Bischof – der evangelischen Kirche Preußens.

Der Kalif war das Oberhaupt der Muslime. Er war es als geistlicher Führer. Er war es aber auch als weltlicher Herrscher. Je nachdem, wie eng oder wie weit der Kalifentitel ausgelegt wurde, was wiederum – wie in Europa – viel mit dem Kampf um die Macht und die Position der Sultane zu tun hatte. In der Zeit, in der es mit der weltlichen Macht der Osmanen bergab ging, versuchten sie, den Kalifentitel wieder stark zu machen.

In vielen Moscheen des indischen Subkontinents wurde ab der Mitte des 19. Jahrhunderts der osmanische Herrscher, da er der Kalif, also das Oberhaupt aller Muslime war, ins Freitagsgebet einbezogen. Bereits in der 1876 „verabschiedeten Verfassung des Osmanischen Reiches heißt es in Artikel 4: ‚Der Sultan in seiner Eigenschaft als Kalif ist der Schutzherr für die muslimische Religion.‘ Auch die Muslime in Daghestan erkannten diesen religiös-politischen Anspruch. Als sie während des russisch-türkischen Krieges von 1877/78 einen Dschihad gegen Russland führten, taten sie dies im Namen des Kalifen.“ (Wikipedia) Anders wäre ein Dschihad auch nicht möglich gewesen. Nur der Kalif durfte zu ihm aufrufen.

Das war der Grund, warum Sultan Mehmed Khan V. zu Beginn des Ersten Weltkriegs ein paar Monate lang eine so wichtige Rolle spielte. Der Sultan war, nach allem, was man weiß, dafür gewesen, dass das Osmanische Reich in dem Konflikt der europäischen Großmächte neutral bliebe. Die Regierung der Jungtürken aber hoffte, indem sie an der Seite der Deutschen und Österreicher in den Krieg einzog, Territorien, die ihnen die Russen abgenommen hatten, zurückerobern zu können.

Schon am 2. August 1914 kam es zu einem von Enver Pascha ausgearbeiteten Geheimvertrag zwischen dem Deutschen und dem Osmanischen Reich. Am 29. Oktober griffen osmanische Zerstörer Odessa an, versenkten Kanonenboote und zerstörten das Elektrizitätswerk der russischen Stadt. Gleichzeitig gingen Einheiten gegen Sewastopol vor. Der Großwesir erklärte gegenüber dem russischen Botschafter, er habe nichts von den Angriffen gewusst, es handele sich um Übergriffe einiger Militärs. Die Russen waren nicht bereit, sich auf ein solches Manöver einzulassen. Sie sahen ihre Chance, dem Osmanischen Reich zuzusetzen und erklärten ihm am 2. November den Krieg. Am 5. und 6. folgten England und Frankreich. Die offizielle Kriegserklärung der Türkei kam erst am 12. November.

Das war der Moment, an dem Sultan Mehmed Khan V. ins Spiel kam. Die Strategen in Berlin und Istanbul hatten sich überlegt, den Sultan einzusetzen. Als Kalif, als Stellvertreter des Propheten. Nur ein Kalif konnte rechtmäßig zu einem Dschihad, einem Heiligen Krieg, aufrufen. Also – so wurde es in beiden Hauptstädten entschieden – sollte er es auch. Also tat er es auch. In seinem Auftrag verlas der Scheich des Islams am 14. November 1914 die fünfteilige Dschihad-Fatwa in der großen Moschee Mehmed des Eroberers in Konstantinopel.

"Böswilligkeit gegen unser Kalifat"

Danach zog eine Prozession durch die Stadt zur österreichischen und zur deutschen Botschaft, wo Reden gehalten wurden. In Mehmeds V. Dschihad-Aufruf heißt es: „Russland, England und Frankreich ließen nicht einen Augenblick in ihrer Böswilligkeit gegen unser Kalifat nach, dem doch Millionen Muslime aus religiösen Gründen und mit ganzem Herzen anhängen, die unter der Tyrannei fremder Mächte leiden. Es waren immer diese Mächte, die Unglück über uns brachten ... Meine Helden! Meine Soldaten! Lasst in diesem Heiligen Krieg und Kampf, den wir gegen die Feinde unserer Religion und unseres heiligen Vaterlandes führen, niemals auch nur für einen einzigen Moment nach in eurer Anstrengung und Selbstverleugnung. Werft euch gegen die Feinde wie Löwen, denkt daran, dass die Existenz unseres Reiches und die der dreihundert Millionen Muslime, die ich durch eine heilige Fatwa zu diesem Kampf rufe, von eurem Sieg abhängt. Die herzlichen Wünsche und Gebete von dreihundert Millionen gläubigen, unschuldig gefolterten Muslimen, die in den Moscheen und vor dem Schrein der Kaaba ihre Gesichter in Anbetung und Ekstase dem Herrn des Universums zuwenden, sind mit euch ...“ So weit der Kalif.

Den Titel eines Abu Dschihad, eines Vaters des Heiligen Krieges, bekam damals aber ein anderer verliehen: der Ausgräber von Tell Halaf, Max Freiherr von Oppenheim (1860–1946). Er war der Sohn von Albert von Oppenheim, einem schon 1858 vom Judentum zum Christentum übergetretenen, persönlich haftenden Gesellschafter der Kölner Privatbank Sal. Oppenheim. Im Oktober 1914 hatte Max von Oppenheim, dem eine diplomatische Laufbahn mit Hinweis auf seine jüdische Herkunft immer wieder verwehrt worden war, bereits der Reichsleitung einen 136 Seiten umfassenden Plan vorgelegt für „Die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde“.

Darin heißt es: „Möglichst viele kleine Putsche, Attentate etc. sind zu veranlassen, ganz gleichgültig, ob diese gelingen oder nicht. Auf jeden Fall werden sie dazu beitragen, die Engländer in Ägypten noch kopfloser zu machen, wie sie es augenscheinlich schon sind. Die zu erwartenden Repressalien werden, je grausamer sie einsetzen und je mehr sie, wie vorauszusehen, Unschuldige treffen, die Wut und den Fanatismus des Volkes vermehren und die schwerfälligen, manchmal mit Unrecht als überfeige bezeichneten Stadtbewohner und Fellachen für den Kampf bis aufs Messer zur Herauswerfung der Engländer bereitwilliger machen.“

Oppenheims Strategie war: Der Dschihad-Aufruf des Kalifen sollte die Muslime in Russland, in den französischen und englischen Kolonien mobilisieren. Die deutschen Experten würden die Dschihadisten mit Geld und Waffen versorgen. Das Reich würde mit Hilfe der Osmanen die englische Vorherrschaft über die Welt beenden. Max von Oppenheims Plan ist einer der gern übersehenen kuriosen Höhepunkte der deutsch-jüdischen Symbiose.

Der Plan ging gründlich daneben. Die muslimischen Massen rührten sich nicht. Der aufseiten der Engländer gleichzeitig gegen das osmanische Reich mobilisierende T. E. Lawrence (1888– 1935), Lawrence von Arabien, der seinem Einsatz ein Denkmal setzte in dem Buch „Die sieben Säulen der Weisheit“, hatte deutlich größeren Erfolg.

Gegen Engländer und Juden

Das hinderte Max von Oppenheim nicht, 1940 wieder eine Denkschrift vorzulegen, die diesmal der Naziführung Ratschläge gab, wie die muslimischen Massen gegen die Alliierten mobilisiert werden könnten. An die Stelle des Kalifen trat jetzt der Mufti von Jerusalem, Amin al-Husaini. Der rief zum Heiligen Krieg gegen die Engländer auf. Und gegen die Juden.

Das deckte sich nicht nur mit den Kriegszielen Hitlers, sondern auch mit denen Max von Oppenheims, der in seiner Denkschrift von 1940 das Ziel setzte, die jüdische Einwanderung in Palästina wieder auf den Stand vor dem Ersten Weltkrieg zurückführen. Wolfgang G. Schwanitz schreibt in einer im Internet zugänglichen Studie über Max von Oppenheims Aktivitäten: „Das 20. Jahrhundert begann mit einer konzertierten deutsch-osmanischen Aktion für eine islamistische ‚Revolutionierung Made in Germany‘.“

Wer mag, kann sich im Internet ein Foto ansehen, das Wilhelm II. und Sultan Mehmed V. Mitte Oktober 1917 nebeneinander in einer Kutsche in Konstantinopel zeigt. Der Kaiser mit Pickelhaube und zackig die Menge grüßend. Neben ihm der Mann, der als letzter Kalif zum Dschihad aufgerufen hatte. Er blickt skeptisch zur jubelnden Menge. Ganz offensichtlich traut er dem Krieg nicht mehr. Oktober 1917!

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