Lade Inhalte...

Hans Herbert Grimm: Schlump Der brave Soldat Schlump

Die Wiederentdeckung zum Jahrestag des Kriegsbeginns: Hans Herbert Grimms großartiger, aber völlig in Vergessenheit geratener Roman über die Abenteuer eines jungen Soldaten, 1928 anonym erschienen.

Deutsche Soldaten an der Front im Ersten Weltkrieg. Foto: imago stock&people

Der zeitlos schelmisch daherkommende, aber unverschämt selbstständige und brisante Weltkriegs-Roman „Schlump“ erschien 1928. Das Land interessierte sich allerdings weit mehr für Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“. Die Anonymität des Autors jener „Geschichten und Abenteuer aus dem Leben des unbekannten Musketiers Emil Schulz, genannt ,Schlump‘. Von ihm selbst erzählt“ war der Popularität vielleicht ebenfalls nicht zuträglich.

Die Nationalsozialisten jedenfalls merkten sich das Buch, schreibt Volker Weidermann im Nachwort zur Wiederauflage 86 Jahre später. Es wurde verbrannt. Und der Altenburger Lehrer Hans Herbert Grimm bekannte sich erst nach einem weiteren Weltkrieg zu seiner Autorenschaft. Da hatte er bereits Konflikte mit dem nächsten totalitären System. 1950 nahm sich der 54-jährige zweimalige Weltkriegsteilnehmer, mit Berufsverbot belegt und kurz nach neuerlicher behördlicher Einbestellung, das Leben.

„Das machte ihn gespannt auf den Krieg“

Schlump ist 16, als der Erste Weltkrieg beginnt, an seinem 17. Geburtstag geben die Eltern den Widerstand auf: Schlump darf sich freiwillig melden. Als Rekrut geschunden zu werden, ist kein Vergnügen, das Schießen „auf bewegliche Schützen“ schon eher: „Das war lustig und machte ihn gespannt auf den Krieg.“ Viel später wird der Leser an diesen Satz zurückdenken. Denn seltsam, im Krieg feuert Schlump keinen Schuss ab.

Lange ist der Krieg ein ferner Lärm, während Schlump durch Zufall und weil er Französisch in der Schule hatte, eine Gemeinde an der Westfront kommandiert. Einmal muss er durchgreifen und eine Frau für eine Nacht einsperren. Allerdings gibt es kein Gefängnis. Also bestimmt er einen Raum dazu. Eigenhändig schafft er einen Nachttopf herbei. Schlump mag vernünftige Lösungen. Er kommt gut zurecht mit den Leuten, die Mädchen lieben ihn.

Dann muss Schlump an die Front. Da wird aber nicht gekämpft, wie er sich das vorgestellt hat. Es herrscht eine wahnsinnige Mischung aus Schikane und Elend. Und es gibt Geschosse, die verschiedene Geräusche machen und alle umbringen oder furchtbar verletzten, die getroffen werden. Der Mensch ist allein damit befasst, nicht zu erfrieren, nicht zu verhungern, nicht getroffen zu werden. Die Vorgesetzten hingegen haben Zeit, ihn sinnlos herumzujagen, das „Rasen“ (vor Eile und vor Zorn, denn Schlump ist ja kein Lamm, sondern ein junger Mann) ist einer der gängigen Zustände in Schlumps Soldatenleben.

Auf wenigen Seiten nur verdichtet sich das Grauen des unmittelbaren Kampfgeschehens, also: des Massensterbens. In sechs, sieben unvergesslichen Szenen und Bildern: der heranrollende Kopf eines Bekannten; der schreiende Engländer, in dessen Bauch eine Leuchtrakete brennt, während Schlump und der Mann, dessen Kopf nachher rollt, ihn weiterzerren, weil der Offizier es will: Einen Engländer, tot oder lebendig. Dann wird Schlump verletzt.

So dass er wieder hinter die Front kommt, ins Lazarett, in die Etappe. Was er hier erlebt: Lüge, Durchwurschtelei, dicke Offiziere, grobe Späße, reizende Mädchen, Hunger, Hunger, Hunger. Was er nicht erlebt: Heldentum, Ehre, Patriotismus. Die völlige Abwesenheit von Pathos – charakteristischerweise erst gegen Ende von einem armen irren Philosophen vertreten – eröffnet einen eiskalt nüchternen Blick auf die Sinnlosigkeit des Krieges, ohne dass dies einmal ausgesprochen werden müsste.

Wütend, frech, weltoffen

Drei, mindestens drei Linien vor dem eigentlichen Feind, dem Krieg, gibt es im Roman: Erstens das Staunen und die Wut gegen die Offiziere als den Anstiftern und Vorantreibern. Gegen Ende schlägt sich diese Wut in einer erst tollen, dann in Lynch-Stimmung umschlagenden Aufmüpfigkeit nieder.

Schlump ist da selten ganz vorne mit dabei, aber mit dabei ist er. Auch bei lustigen Streichen und natürlichen Reaktionen auf bodenloses Unrecht, denn zweitens ist „Schlump“ ein Schelmenroman, der gute Laune und Lebensfreude gegen den Schrecken stellt. Nicht als Verharmlosung, sondern als Ermutigung, kein Lump zu werden, wenn die Welt untergeht.

Drittens nämlich ist da die stumme Weigerung Schlumps, in den anderen den Feind zu sehen oder eine Propagandafloskel in den Mund zu nehmen. Der verwundete deutsche Landser Schlump liest mitten im Krieg an der Westfront in unschuldigster Begeisterung Mirabeaus Liebesbriefe an Sophie.

Es ist unmöglich, bei der Lektüre von „Schlump“ weder an Jaroslav Haseks „Braven Soldaten Schwejk“ noch an Grimmelshausens „Abenteuerlichen Simplicissimus“ zu denken als den beiden berühmtesten Varianten, vom Schrecken des Krieges erstaunlicherweise mit Witz zu erzählen. Zugleich zeigt das aber nur, wie klein die Auswahl an Büchern ist, die das versuchen und denen das gelingt.

Denn Schlump ist doch ausschließlich Schlump. Er ist kein Simpel, aber auch kein Schlawiner im engeren Sinne. Er ist ein gutmütiger, hellwacher Junge, der leben und froh sein will. Und sein Autor, dem sprachlich nicht anzumerken ist, dass er kein erfahrener Romancier ist, der, man kann es nicht anders sagen, hier offenbar das Buch seines Lebens schreibt, lässt ihn leben und froh sein. Einen Märchenschluss gönnt er ihm.

Nicht der Krieg aber, auch das muss keiner befürchten, hat Schlump reifer und noch netter gemacht. Es ist ihm jedoch, das gehört zum undidaktischen, hinreißenden Märchen, gelungen, ihn als Mensch zu überleben.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen