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Gregor Mayer: Verschwörung in Sarajevo Der Kult der Tat

Gregor Mayers Rekonstruktion der Motive des Attentäters von Sarajevo im Juni 1914. Wer waren die wirklichen Schuldigen des Attentats und wer war Gavrilo Princip?

Die Festnahme des Bombenwerfers Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 in Sarajevo. Foto: imago stock&people

Über den Ersten Weltkrieg kann man kluge, umfangreiche Bücher schreiben und dabei den Streit, der ihn ausgelöst hat, fast vollständig beiseitelassen. So haben die Historiker sich auch in hundert Jahren nicht darauf einigen können, ob das Attentat von Sarajevo nun eine heroische Befreiungstat oder ein feiger Mord war. Manche entziehen sich der Frage, indem sie den Täter, den 19-jährigen Gavrilo Princip, für „verwirrt“ oder zum „Opfer“ erklären.

Gregor Mayer aber ist Agenturjournalist und somit gewöhnt, seine Themen zügig auf den Punkt zu bringen. Er stellt Gavrilo Princip und seine jugendlichen Mitverschwörer in den Mittelpunkt und entfaltet aus ihren Biografien die Vor- und die Nachgeschichte des Krieges. Das Verfahren bewährt sich sehr. Herausgekommen ist ein schmales, kluges, analytisch scharfes Büchlein, das dem historisch Interessierten mehr Aufklärung verschafft als so mancher dicke Wälzer.

Widersprüche einer Epoche

Gavrilo Princip, der am 28. Juni 1914 den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand erschoss, gehörte zu einem Kreis „hochpolitischer junger Leute“, wie Mayer mit schmalen Zeitzeugnissen nachweist. Als Princip, zu lebenslanger Haft verurteilt, in der Festung Theresienstadt saß und dort an der Knochentuberkulose langsam zugrunde ging, gehörte zu den wenigen, die ihn besuchen durften, ein gewisser Martin Pappenheim. Der linke Psychiater aus Wien traf einen sensiblen jungen Mann, in dem sich die Widersprüche der Epoche nicht zufällig kristallisiert hatten. Der Kult der Tat gegen die langweiligen Schlaumeier der Epoche, der Affekt gegen Fremdbestimmung und Kolonialismus, der soziale Gegensatz – alles das hatte der Gymnasiast sich erlesen und reflektiert.

Mayer wertet Pappenheims Gesprächsprotokolle aus und verfolgt dann mit Neugier und Erzählfreude den Lebensweg des – später übrigens höchst umstrittenen – Psychiaters bis zu seinem Tode 1943 in Tel Aviv. Auch dieses Verfahren bewährt sich sehr, denn die scheinbar zufälligen Bezüge vom Attentat weit in die Geschichte des 20. Jahrhunderts öffnen immer wieder überraschende Rückblicke auf das Geschehen des Jahres 1914.

In den folgenden Kapiteln weitet der Autor den Blick auf das Städtedreieck Wien – Belgrad – Sarajevo. Die ehrwürdige Monarchie sumpfte in ihrer viel beschriebenen Selbstgewissheit bräsig vor sich hin und gab ihren Stillstand als Standfestigkeit gegen äußere Störenfriede aus.

Aus Sätzen wie denen des Außenministers Alois Lexa von Aerenthal, der „dem serbischen Lausbuben eine Lektion erteilen“ wollte, und seines Sektionschefs, der das „serbische Geschwür“ gern „ausgequetscht“ hätte, liest Mayer eine „manische Fixierung auf Serbien“. Nur ein äußerer Feind konnte schuld sein an dem nationalem Bewusstsein und der Rebellion, die immer mehr Untertanen des Kaisers erfassten.

Gegen Habsburg-Nostalgie, wie sie manchen Historiker in diesen Tagen befällt, ist Mayer als Österreicher immun. Als langjähriger Balkan-Korrespondent widersteht er aber auch der Versuchung, das Reich des Lichts nun in Serbien zu suchen. Eine Reportage-Reise zu den Cafés und Treffpunkten der Verschwörer in Belgrad führt den Leser in eine Szene, in der es immer noch eine Wahrheit hinter der Wahrheit gibt und niemand recht weiß, wem die Loyalität des je anderen am Ende gehört: in den Humus der Manipulation also, der auch nach hundert Jahren eine reiche politische Vegetation hervorbringt.

Maximlae Vertuschung

Letzendlich nicht geklärt ist zum Beispiel bis heute geblieben, ob Princip und seine Freunde am Ende auf eigene Rechnung handelten oder doch im Auftrag der geheimen Gesellschaft „Vereinigung oder Tod“ mit dem intriganten Belgrader Offizier Apis Dimitrijevic an der Spitze. Im letzten Moment hatte der Vorstand der Gesellschaft das Attentat, das er vorbereiten half, abgeblasen, und ein Bote hätte den Verschwörern in Sarajevo den Beschluss mitteilen sollen. Ob der Bote dann aber doch – womöglich im Auftrag von Apis – grünes Licht gab, wird immer unklar bleiben. „Die serbische Regierung“ schreibt Mayer, „die das Attentat nicht aufzuhalten vermochte, war schließlich an maximaler Vertuschung interessiert, als das Malheur nun schon einmal in der Welt war.“

Das Epizentrum des Konflikts aber war Sarajevo, die Hauptstadt Bosniens. Wer heute durch die Stadt streift, entdeckt überall die glanzvollen Zeugnisse der habsburgischen Epoche, die im Jahr 1878 begann, imposante Bürogebäude in Schönbrunner Gelb, aber mit orientalisch anmutenden Bögen, und überall kann man sich den Lobpreis der weisen Herrschaft Wiens abholen. Aber das Junge Bosnien, dem Princip und seine Freunde sich zugehörig fühlten, war eine Bewegung gegen die Fremdherrschaft und vor allem gegen deren „pedantischen Geist“, den Gregor Mayer uns mit den Worten des Literatur-Nobelpreisträgers Ivo Andric vergegenwärtigt.

Auch mit dem Fortschritt war es nicht so weit her, wie man in Sarajevo heute glauben machen will. Im ganzen Land mit seinen zwei Millionen Einwohnern gab es ganze drei, am Ende sechs Gymnasien und keine Universität. Die serbische Landbevölkerung musste sich nach wie vor von den kleinen Landbesitzern auspressen lassen, den Begs, mit denen es die österreichischen Besatzer nicht verderben wollten.

Gregor Mayers Buch ist glänzend geschrieben, satt erzählt und sicher im Urteil. Dass der weite Bildungshorizont des Autors und sein gründliches Studium der Forschungsliteratur immer nur im Hintergrund leuchten und sich nie in den Vordergrund drängen, macht die Lektüre zum Vergnügen.
Wer auf einfache Gut-böse-Dichotomien aus ist, kommt nicht auf seine Kosten. Ein guter Journalist kommt immer auf den Punkt. Aber nur ein sehr guter findet auch seinen eigenen.

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