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Erster Weltkrieg So viel Versagen

Wer innehält, kann wachsen. Die Deutschen aber laufen vor sich selbst weg. Und nicht erst seit 1914. Sie haben sich selbst dazu verdammt, sich nicht zu erinnern - und damit als Nation alle Fehler ständig zu wiederholen.

Verduns „Beinhaus“, in dem die Knochen von 130 000 nicht identifizierten Deutschen und Franzosen aus der Schlacht um Fort Douaumont 1916 ruhen. Foto: REUTERS

Wer will daran schon erinnert werden? Acht Millionen Tote im ersten Waffengang, 60 Millionen im zweiten, drei Genozide (die Juden Europas, die Herero in Deutsch-Südwest-, der Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika), Bürgerkriege, Aufstände, Vertreibungen in der ganzen Welt, Verheerungen ganzer Kulturen, ein Kalter Krieg und Millionen und Abermillionen von Menschen, geknechtet, entrechtet und verfolgt von Unrechtsregimen … Praktisch nichts, was seit 1814 (ja, noch mal 100 Jahre drauf, das Ende der Napoleonade) in Europa und in der Welt geschehen ist, blieb unbeeinflusst von preußischer, dann deutscher Großmannssucht, von germanischen Parvenus, die glaubten, kleinjungenhafte, dreiste Poltrigkeit ohne jedes Rückgrat, ohne Anstand und Verantwortungsbewusstsein würde ihnen am Ende den besten Part im Konzert der Nationen sichern – oder auch den einzigen. Kaiser Wilhelm II. (Krüppel an Körper wie Seele) wollte der höchste Exponent dieser Raserei nach Weltgeltung sein, Adolf Hitler (der vollkommene seelische Krüppel) wurde der höchste Exponent – und der erbärmlichste.

Will man sich das ständig in Erinnerung rufen?

Man könnte Verständnis haben für die introvertierte Vervollkommnung des Biedermeier unter Angela Merkel. Man könnte auch heulen vor so viel Versagen. Vor so viel Feigheit.

Es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Deutschen, zu erinnern. Das sind sie der Welt und damit auch sich selbst schuldig. Warum? Weil es nicht um „Schuld“ geht. Schon lange nicht mehr. Weil es gut ist, zu erinnern. Weil es unausweichlich, gar lebenswichtig ist. Ein Blick in die Wortgeschichte liefert eigentlich schon die ganze Begründung: „Erinnerung“, das ist „inne werden lassen“. Ein geradezu transzendentaler Akt, der die Wahrnehmung des Äußeren zu etwas der Person Eigenem, ihr Innewohnendem macht.

Wir machen das jeden Tag, jede Stunde und Minute; deshalb fahren Menschen in Urlaub, suchen Freunde, gehen ins Kino, beginnen Beziehungen, kriegen Kinder: um neue Erfahrungen zu machen und diese zu all dem zu packen, was sie selbst ausmacht. Das alles erinnert man sodann, um sich seiner selbst zu versichern, seine Identität zu bestätigen und zu entwickeln. Niemand kann sich dagegen wehren. Das hört erst auf, wenn man tot ist. Vermutlich.

Kommunikatives Gedächtnis - erinnern ist wichtig

Aber ist es dann notwendig, deutsche Historie, all das Schäbige und Beschämende zu erinnern – gerade, wenn man selbst doch gar nichts mehr damit zu tun haben kann, 100 Jahre danach? Dann erst recht. Die Kulturwissenschaft (die heute wohl wichtigste akademische Disziplin der Menschheit) spricht vom „kommunikativen Gedächtnis“ – ein Konzept, das Aleida und Jan Assmann geprägt haben. Dieses Gedächtnis währt 80 bis 100 Jahre, ein Zeitfenster, in dem uns Zeitzeugen ihre Erfahrungen selbst vermitteln.

Ein Zeitfenster, das sich nun rapide schließt. Kein aktiver Teilnehmer des Ersten Weltkriegs lebt noch, die Menschen, denen die Überlebenden des Krieges erzählten, die Schmerz, Trauer und Verlust direkt empfinden oder nachempfinden konnten, werden uns bald verlassen. Gehen die Zeugnisse einer Zeit verloren, auch die vermittelten, dann geht der Menschheit ein Stück von ihr selbst verloren. Unwiederbringlich. Die Briten, Franzosen, Amerikaner und Italiener haben das verstanden – nicht unbedingt individuell, aber als Nationen oder Kulturen sehr wohl – und haben erinnert, tun es weiterhin.

Die Deutschen aber haben verdrängt. Und tun es noch. Das, was die Mitscherlichs 1967 so richtig als „die Unfähigkeit zu trauern“ identifizierten (zur maßlosen Wut vieler Deutscher), begann aber nicht erst nach Hitler, Holocaust und Zweitem Weltkrieg, sondern schon viel früher. War 1918 bereits zur Reife gekommen und angelegt noch viel früher in den psychotischen nationalistischen Fantastereien, die Heinrich Mann erst 1918 in „Der Untertan“ entlarven konnte. Zu spät, aber immerhin.

Zu spät … Es ist nicht so, dass es keine Chancen für Deutschland gegeben hätte, seines politischen Versagens zu gedenken, sich dessen zu erinnern und historisch darüber hinaus zu wachsen: die Weimarer Republik, die Revolte von 1968, das Kulturschaffen nach den Weltkriegen, das Ende des Kalten Krieges 1989 … Chancen genug, alle vertan. Die Deutschen versagten konsequent bei jeder Gelegenheit, die sie hätte aufholen lassen können zu ihren Nachbarn. Das konsequente bewusstseinslose Versagen ist das herausragende Charakteristikum der deutschen Kultur (der Gesamtheit alltäglicher wie nicht alltäglicher Handlungen).

Ein in Flandern in Gefangenschaft geratener deutscher Militärarzt wurde von einem britischen Offizier befragt, wann seiner Meinung nach der Krieg zu Ende sein würde – ein britischer Zyniker hatte anhand der in den ersten Grabenschlachten „gewonnenen“ paar Quadratmeter Schlamm errechnet, sie würden 180 Jahre bis zum Rhein brauchen. Der Deutsche antwortete: „Ich sehe kein Ende … Es ist der Selbstmord der Nationen.“

Seine Worte sind verständlich aus der Trostlosigkeit der Fronterfahrung heraus, in historischer Perspektive aber waren es nicht Nationen – die deutsche allein beging Selbstmord, einen bis aufs Unerträglichste hinausgezögerten: Er endete am 8. Mai 1945. Selbst das mit der Morbidität so heftig flirtende Österreich-Ungarn machte sich eher erleichtert 1918 an die Wiedergeburt als eine auf den Kern reduzierte Republik.

Das sich rapide abwickelnde Wilhelminische Kaiserreich aber entschied schon vor seiner Demontage – einmal mehr –, eine Mut erfordernde Realität für eine bösartige feige Fiktion zu ignorieren: Nicht militärische Unfähigkeit, politische Perspektivlosigkeit, wirtschaftlicher Egoismus und schiere menschliche Erschöpfung (an den Fronten wie in der Heimat) besorgten die Niederlage des doch ausnahmslos siegreichen Deutschen Reiches. Nein, man wurde ehrlos gemeuchelt, der Dolchstoß der sozialdemokratischen, jüdischen, pazifistischen Heimat in den ungedeckten Rücken der Heldenarmee. Die Generäle sprachen sich so frei von ihrem zweifelsfreien Versagen, die Landser durften sich dafür – der Soldateska des Dreißigjährigen Krieges gleich – an der Zivilbevölkerung im Bürgerkrieg bis 1924 schadlos halten … Spätestens 1969 entlarvte Sebastian Haffner in „Die verratene Revolution – Deutschland 1918/19“ die Schändlichkeit der Militärs und ihrer spießbürgerlichen und nationalistischen Hofnarren. Und das Versagen der intellektuellen Kräfte Deutschlands.

Deutsche laufen weiter vor sich weg

Europa – eher der Westen – wählte andere Wege, trauerte, überwand die Trauer, erinnert. Das funktionierte nicht sofort. Die USA versündigten sich an Vietnam, bevor sie verstanden, die Italiener ließen sich vom Faschismus missbrauchen, die Franzosen zersprengten wegen zweier Kolonialkriege (Indochina, Algerien) beinahe Frankreich selbst, bevor sie sich besannen.

Der US-Ardennen-Veteran und Literaturwissenschaftler Paul Fussell schreibt, um zu verstehen, was der Erste Weltkrieg für die Briten bedeutet, brauche man nur am Remembrance Sunday (der dem Datum des Waffenstillstands 11. November nächste Sonntag) in London vorm „Cenotaph“, dem Mahnmal für alle Toten aller Kriege zu stehen und „den zwei Minuten Stille zu lauschen“.

Eine Nation hält inne – eine ganze Kultur, nimmt man den weltumspannenden Commonwealth – und erinnert sich. Jeder Einzelne für sich und alle zusammen. Die Deutschen aber halten nicht inne – wider alles eigene bessere Wissen, wider alle Hilfe und Toleranz von außen –, sie schweigen nicht, sie schreien und laufen weiter vor sich weg. Und laufen dabei doch nur immer auf der Stelle. Dazu verdammt, niemals voranzukommen und deshalb alle Fehler ihrer Kultur – Nationalismus, Egoismus, Überheblichkeit, Ignoranz, Intoleranz – ewig zu wiederholen. Oder sie könnten sich erinnern.

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