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Erster Weltkrieg "Europa konnte nicht der einzige Schauplatz bleiben"

Ab wann war der Erste Weltkrieg, der nicht der erste Weltkrieg war, ein Weltkrieg? Historiker Jürgen Osterhammel spricht über die Folgen eines Konfliktes unter Kolonialmächten.

„Keine der Kolonialmächte hatte ausgearbeitete Pläne für die Mobilisierung der überseeischen Gebiete.“ Marine-Rekruten aus der Karibik. Foto: imago/United Archives International

Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Am 1. August erklärte das Deutsche Reich Russland den Krieg, am 3. Frankreich. Am 4. August erklärte Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg, ab Anfang November befand sich das Osmanische Reich im Kriegszustand mit Frankreich, Großbritannien und Russland. Am 23. August 1914 erklärte Japan dem Deutschen Reich den Krieg und am 6. April 1917 die USA. Insgesamt nahmen 38 Staaten am Weltkrieg teil und rund zwei Drittel der Weltbevölkerung.

Heute vor einhundert Jahren erklärte Österreich Serbien den Krieg. Ist das der Anfang des Ersten Weltkriegs?
Was ein Weltkrieg ist, das ist selbstverständlich eine Definitionsfrage. Schon der Siebenjährige Krieg von 1756 bis 1763 war auf vier Kontinenten ausgetragen worden; kein Zeitgenosse nannte ihn einen „Weltkrieg“. Am Tag der Schüsse von Sarajevo hat natürlich niemand etwas über den kommenden Krieg ahnen können. Aber einsichtigeren Zeitgenossen war schon vor dem Attentat klar: Sollte es je einen Krieg zwischen den europäischen Großmächten geben, würde er die überseeischen Gebiete einbeziehen. Seit den 1890er Jahren war deutlich, dass eine Begrenzung größerer Konflikte auf Europa ausgeschlossen war.

Zog sich darum der Kriegsbeginn mehr als einen Monat hinaus?
In den Staatskanzleien haben imperiale und globale Fragen in den entscheidenden Juli-Wochen keine vorrangige Rolle gespielt. Als es dann darum ging, Kriegführungsszenarien zu entwickeln, rückten sie in den Vordergrund. Die ersten britischen Schüsse im Ersten Weltkrieg fielen am 12. August in der deutschen Kolonie Togo in Westafrika. In einem Krieg zwischen Kolonialmächten konnte Europa nicht der einzige Schauplatz bleiben.

Am 4. August 1914 sitzt Arthur Schnitzler in einem Hotel in St. Moritz und notiert in seinem Tagebuch: „Großbritannien erklärt Deutschland den Krieg. Weltkrieg. Weltruin.“
Ein Krieg, an dem England teilnahm, musste ein Weltkrieg sein. Das hing mit der britische Machtstellung in der Welt, mit dem Empire zusammen. Aber Schnitzler war sicher einer der ganz wenigen, die damals schon den Weltruin voraussahen.

Die Kolonisierten stellten auch Truppen für den europäischen Kriegsschauplatz.
Man sollte innerhalb des britischen Empire deutlich zwischen Kolonien und Dominions unterscheiden. Der Truppeneinsatz von Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika musste viel stärker politisch verhandelt werden. Das ließ sich nicht einfach in London dekretieren. Aber sogar in Indien, das über 800 000 kämpfende Soldaten stellte, genügte kein einfacher Erlass. Nachdem Großbritannien nach dem Großen Aufstand von 1857 Indien beinahe schon einmal verloren hatte, hütete man sich, zu sehr in die indische Gesellschaft einzugreifen. In großem Stil Manpower zu organisieren, war aber genau ein solcher Eingriff. Keine der Kolonialmächte hatte ausgearbeitete Pläne für die Mobilisierung der überseeischen Gebiete. In Neuseeland und Australien spielt übrigens die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg noch immer eine große Rolle. Neuseeland hatte immerhin ein Zehntel seiner Bevölkerung auf die Schlachtfelder geschickt.

Haben die Kriegserfahrungen der Kolonialvölker sie für ihren wachsenden Widerstand nach dem Ersten Weltkrieg gestärkt?
Wo es bereits nationale Befreiungsbewegungen gab, wurden aus der Kriegsbeteiligung politische Forderungen abgeleitet. Genau so wichtig waren aber die persönlichen Erfahrungen, die viele Asiaten und Afrikaner im Kriegseinsatz gemacht hatten. Die veränderten ihr Bild von Europa und den Europäern grundlegend.

Was war das Neue? Dass man die Europäer besiegen konnte?
Das wird auch eine Rolle gespielt haben. Aber man darf nicht vergessen, es hat die ganze Kolonialgeschichte hindurch Widerstand, Kämpfe, Kriege gegeben. Da waren auch immer mal wieder Siege errungen worden. Aber jetzt hatte man gemeinsam mit den europäischen Soldaten in den Schützengräben gelegen. Das verschaffte vielen die Erfahrung militärischer Gleichrangigkeit. Dazu trat die in der Literatur gerne betonte Entzauberung des Weißen Mannes. Eben noch oben auf dem Elefanten, jetzt in existentieller Bedrohung neben einem im Dreck.

Das war ein Weltkrieg, weil Europa auf der ganzen Welt Kolonien hatte...
Es war auch ein Weltkrieg, weil er das Weltmachtgefüge durcheinander brachte. Dies wurde im Verlauf des Krieges immer deutlicher und ist an seinen Folgen klar zu erkennen. In diesen Tagen konzentrieren sich die Medien aus guten Gründen auf den Kriegsbeginn. Die Bücher zu den Ergebnissen des Ersten Weltkriegs werden jetzt gerade erst geschrieben. Sie werden 2018 und 2019 auf den Markt kommen. Die Pariser Friedenskonferenz wurde zu einer Momentaufnahme der veränderten Lage – und zu einer Enttäuschung für alle, die auf eine stabile Neuordnung in Europa und darüber hinaus hofften.

War der Weltkrieg ein Krieg um die Weltherrschaft?
Auch im Zeitalter des Imperialismus vor 1914 hatte es nie eine Weltherrschaft einer einzigen Macht gegeben, auch nicht Großbritanniens. Es gab so etwas wie eine kollektive europäische Vorherrschaft. Mit dem Aufstieg der USA und Japans zu expansiven Großmächten war es mit diesem europäischen Machtoligopol allerdings nach der Jahrhundertwende vorbei.

In diesem System waren Verschiebungen geplant?
Nichts kam so, wie es irgendjemand geplant hatte. Aus der Kriegsdynamik ergaben sich 1923 vollkommen unerwartete Verschiebungen: das Ende der europäischen Machtposition in Ostasien und im pazifischen Raum, der Übergang der arabischen Länder von türkischer zu westeuropäischer Oberhoheit, die Verwandlung des Zarenreichs in eine neo-imperiale Sowjetunion.

Was heißt Kriegsdynamik?
Es kamen nicht nur Kampftruppen aus der sogenannten Peripherie nach Europa, sondern es gelang Großbritannien ab 1916 die weltweiten Ressourcen des Empire in einem großen Versorgungsverbund für die Kriegführung der Entente zu mobilisieren. Die Mittelmächte verfügten über weitaus geringere Reserven.

Eine Weltkriegswirtschaft?
Die Weltwirtschaft, die es schon gab, wurde jetzt auf militärische Zwecke umgepolt, mit relativem Erfolg. Großbritannien kannte nichts dem deutschen Steckrübenwinter Vergleichbares. Das Empire versorgte die Bevölkerung.

Japan nutzt den Krieg, um sich in China zu bedienen.
Japan drängte sich aufseiten der Alliierten gewissermaßen in den Krieg hinein. Es nutzte das entstandene Machtvakuum und holte sich die deutsche Kolonie in Nordchina. Für Japan war der Krieg eine militärische und eine wirtschaftliche Chance, die seine imperial gesonnene Führung nutzte. Für das schwache China öffnete er ökonomische Möglichkeiten. Die westlichen Industriemächte zogen sich gezwungenermaßen aus dem ostasiatischen Markt zurück. So entstand schnell zum Beispiel eine blühende chinesische Textilindustrie. Der Erste Weltkrieg war für China eine erste Phase der privatwirtschaftlichen Industrialisierung.

1917 treten die USA in den Krieg ein.
Als sie am 6. April dem Deutschen Reich den Krieg erklärten, wussten die USA nicht, was das bedeuten würde. Keinesfalls stand das ganze Land einmütig auf der Seite von Präsident Woodrow Wilson. Wir vergessen leicht, dass die europäischen Regierungen das ganze 19. Jahrhundert hindurch die USA als Mit-Großmacht nicht ernst nahmen. Erst 1893 werteten die Briten ihre Gesandtschaft in Washington zur Botschaft auf. Als die USA 1917 in den Krieg eintraten, taten sie das nicht als die Supermacht Nummer Eins, sondern als eine in ihren Potenzialen nicht zu berechnende Größe. Was dann passierte, war für alle Beteiligten eine Überraschung.

Die USA intervenierten ja auch, weil sie zu der Auffassung gekommen waren, die Europäer allein können keine stabile Ordnung schaffen. Nicht für Europa, geschweige denn für die Welt.
Die USA wollten die Art von Politik, die in Europa betrieben wurde, ändern. Sie hielten sie für gefährlich, ja für kriegsursächlich. Allmählich bildeten sich bei Woodrow Wilson genauere Vorstellungen darüber heraus, was zu tun sei. Er war nicht mit einem ausgearbeiteten Entwurf für eine neue Nachkriegsweltordnung in den Krieg gezogen; ein solcher Entwurf kam erst im Januar 1918 mit den berühmten „14 Punkten“. Wilson war der Ansicht, den Europäern, die immer wieder davon ausgegangen waren, sie hätten die Welt zu zivilisieren, müsse endlich selber Zivilisation beigebracht werden.

Interview: Arno Widmann

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