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Erster Weltkrieg Es ist Krieg!

Heute vor 100 Jahren begann für Deutschland der Erste Weltkrieg. In Dresden erinnert eine Schau an die „Urkatastrophe“.

Am 1. August 1914 verkündet Kaiser Wilhelm II. die allgemeine Mobilmachung. Deutsche Soldaten ziehen freudestrahlend in den Krieg (Aufnahme vom August 1914). Foto: dpa

Rodney Harris ist ein glücklicher Mensch an jenem 12. Juli 2014. Harris kann das da noch nicht wissen, denn er ist ja just erst zum Botschafter Neuseelands in Berlin bestellt worden. Es muss für ihn doch alles neu sein und also muss er sich einer Wertung enthalten: erst mal alles aufnehmen. Einer seiner ersten Termine führt in nach Dresden, wo nämlich ein Landsmann gefeiert wird: Kingsley Baird. Respektive Bairds Werk „Stela“, das er für die Lange Nacht der Museen im Elbflorenz im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr (MHM) installiert hat. Botschafter Harris wird vielleicht in ein paar Jahren wissen: Dieser Abend an diesem Ort, vor allem dieser Ort – das war ein Glücksfall. Glücklich wird der Diplomat sich schätzen dürfen. Nicht allein wegen dem Künstler aus der Heimat.

Baird ist aber auch nicht irgendein neuseeländischer Künstler, deshalb erklärt sich unter anderem auch die Anwesenheit des hiesig höchsten Repräsentanten seines Landes an jenem Samstagabend in der sächsischen Hauptstadt. Baird hat in Wellington, der Hauptstadt der fernen Inselgruppe, das Grab des Unbekannten Soldaten gestaltet, ein nationales Prestigeobjekt.

Der Namenlose, 2004 in Frankreich exhumiert, der nun unter einem Bronzedeckel liegt, ist einer der 18 166 neuseeländischen Toten der Westfront des Ersten Weltkrieges. Als er zur letzten Ruhe gebettet wurde, gaben ihm 100 000 Menschen das Geleit, ein Viertel der Bevölkerung Wellingtons.

Kingsley Baird hat aus Anlass der 100. Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs Ende Juli, Anfang August „Stela“ geschaffen. Das ist ein Cenotaph, ein symbolisches Grab für alle Soldaten, die kein eigenes Grab gefunden haben – weil man ihre Leichname nie fand. Eine Leere, die den Verlust im Bewusstsein der Hinterbliebenen fassbar macht. Der erste Cenotaph 1919 war eine Verlegenheitslösung der Briten in London, um einer „Friedensparade“ einen Gedenkort für die Weltkriegstoten zu geben. 1920 wurde das Monument zur Dauereinrichtung und der Londoner Cenotaph ist heute das zentrale Mahnmal Großbritanniens für alle Kriegstoten seit 1914.

Bairds Cenotaph in Dresden sind sechs übereinandergeschichtete längliche Blechboxen (übergroße Keksdosen), von sächsischen Kunsthandwerkern mit Eichenlaub-Darstellungen verziert. Um sie herum hat der Künstler neun Tage lang 18 000 Kekse übereinandergestapelt. Kekse, die von Freiwilligen der Akademie Deutsches Bäckerhandwerk Sachsen in der Form von Soldaten des Weltkriegs, Deutsche, Franzosen, Briten und Commonwealth, manche bereits versehrt, gebacken wurden. Das spekulatiusähnliche Rezept wurde von australischen und neuseeländischen Müttern für Liebesgaben an ihre Söhne an fernen Fronten benutzt.

Während der Museumsnacht in der sächsischen Landeshauptstadt werden die Kekse einer nach dem anderen an Besucher ausgegeben. Was damit tun? Aufheben? Essen? „Der Krieg frisst seine Kinder?“ Hat das nicht etwas Kannibalisches? Bairds freundlich-interessiertes Lächeln bleibt unentschieden. „Das ist so eines der schwierigen Themen, die Idee des Verzehrens und des (Menschen-)Opfers, das wir durch einen Krieg darbringen, die Söhne und Töchter, die wir in einen Krieg schicken … Ich mag diese Diskussion …“ Wie man mit Krieg umgeht, ist eben immer auch eine individuelle Entscheidung, nationale Rechtfertigungen reichen selten.

Baird hatte das Projekt begonnen, nachdem ihm auf den alten Schlachtfeldern aufgefallen war, wie die Alliierten Einzelgräber Reih an Reih platzierten, selbst wenn Tote nicht identifiziert werden konnten, die Deutschen aber legten „Kameradengräber“ an: „20 000 Tote in einem Grab; es ist eine eigentümliche Differenz der Ästhetiken …“ Eine Ästhetik, die aber allen Militärfriedhöfen links und rechts der alten Frontlinie gemein ist: Sie liegen praktisch alle in Hainen. „Das ist dann so, als würde man in eine Kathedrale eintreten: ein sehr schönes Gefühl“, meint Baird. Im Militärmuseum hat man seine „Stela“ im ersten, vom Keil mit schrägen Innenwänden dominierten Raum hinterm Eingang seitlich platziert. Der Gedanke an eine Kapelle in einer größeren Kirche drängt sich auf.

„Ich hatte lebhafte Diskussionen erwartet um die Stela – aber da geschah gar nichts“, wundert sich Baird. Junge Besucher schauten ihm beim Bauen zu, lasen interessiert die Erklärung des Kunstwerks und befanden alles als „cool“. Ein älteres Ehepaar reagierte noch mal anders: „Der Mann konnte oder wollte damit nichts anfangen; er ging fort. Seine Frau aber blieb stehen, sehr lange, ich bemerkte das erst, als sie mir im Augenwinkel auffiel. Dann schließlich schaute ich zu ihr herüber – und sie weinte. Und dankte mir  … für dieses Mahnmal, als das sie es empfand.“

Ganz offensichtlich wäre ein echtes nationales Mahnmal für die Deutschen keine schlechte Idee gewesen – ein „Memorial“, ein Ort des Andenkens an die Verlorenen, ein Stein des Denkanstoßes für die Hinterbliebenen, die Zurückgekehrten und ihre Nachkommen. Stattdessen schufen großdeutsche (Heimat-)Kriegervereine martialische Brocken, die in ihrer aggressiven Abwehrästhetik eher Panzersperren des folgenden Krieges ähnelten und ein nationalistisch-militaristisches Schmollen zur eigentlichen Mahnung machten: Beim nächsten Mal wird es noch schlimmer und wir werden dann gewinnen, egal wie viel es kostet …

Was der deutsche Exzeptionalismus – jene gesamtkulturelle Generalamnestie, die von der erbärmlichen Romantik als „Volksgeist“ hochgejubelt worden war und jede auch nur ansatzweise ehrliche Auseinandersetzung mit dem eigenen totalen Versagen in zwei Weltkriegen von vornherein verneinte – die Deutschen dann gekostet hat, lässt sich nur an wenigen Orten besser sehen als im Dresdener MHM. Neben vielem anderen auch mit Hilfe von 18 000 Keksen.

18.000 ist im Übrigen die Zahl der täglichen Verluste im Ersten Weltkrieg: Tote, Vermisste, Verletzte, Versehrte, Zerstörte. Oberst Matthias Rogg steht vor der „Stela“, sein Blick verliert sich im Dickicht der noch unberührten Keksbarrikaden wenige Stunden vor Beginn der Museumsnacht: 18.000. Täglich. „Das ist doch irre!“ Der Offizier der Panzertruppe, der das sagt, ist der Direktor des Museums. Spross einer alten Soldatenfamilie, Karriere-Militär, Historiker, Revolutionär.

Letzteres würde der Oberst Rogg bestimmt weit von sich weisen – und zumindest in der klassischen Lesart hätte er auch durchaus recht damit. In einer anderen aber ist er sehr wohl einer, ein unabdingbarer. In der Lesart, in der der Exponent einer hierarchischen Ordnung – deren raison d’être unverblümt brutale Realität ist – einen Künstler gewähren lässt, damit der das verständnislose Grauen des Krieges mit scharfem Witz, klugen Interventionen und hinterhältiger Zärtlichkeit verdeutlicht.

Rogg und sein Team sind Revolutionäre, weil sie zwischen allen Stühlen sich einen eigenen Raum schaffen. Zwischen dem Stuhl konservativer Verschlossenheit und dem Stuhl linker Totalverweigerung. Auf diesen beiden Stühlen wird immer nur ausschließlich Geschichtsklitterung betrieben, mithin lügnerische Propaganda – und das kann unter keinen Umständen das ernsthafte Ansinnen moderner Wissenschaftler sein. Und erst recht nicht das von Soldaten des 21. Jahrhunderts – nicht nur Zivilisten brauchen eine „Wissensgesellschaft“, einen weiten Raum zwischen allen Stühlen.

Am leichtesten geht das individuell, wenn man statt Schlachten und ihren entrückten Lenkern den Menschen in den Mittelpunkt stellt, sein Leben in und jenseits der militärischen Gewalt, seine Erfahrungen mit dem verordneten Zwang des Kommiss und den überlebensnotwendigen Zwängen des Krieges. In der Kulturanthropologie setzt man Mensch und umgebende Kultur in Relation zueinander und das ist auch der grundlegende Arbeitsansatz des Militärhistorischen Museums.

In Roggs Haus darf man sich dann auch mal einen Feldtornister (40 Kilo) aufschnallen. Damit 40 Kilometer an die Front stampfen kann man nicht. Man kann dank einer Installation der Duftkünstlerin Sissel Tolaas den Gestank des Grabenkrieges – Schlamm und Verwesung – riechen. Man muss nicht den Kopf in den Stahlhelm, die Nase in den Dreck zu bohren versuchen, weil gerade ein Artillerieschlag herniedergeht. Das Museum kann nicht mehr sein als eine Annäherung, darf es nicht, denn der Mensch, der Besucher, soll ja den Menschen, den Ausgestellten, nachempfinden, nicht sich ihm angleichen.

Mithin geht es darum, Arbeit zu verrichten, Gedankenarbeit, sich dem Vergangenen anzunähern und so Verständnis zu erreichen. Jenes Vergangene, seine für heute relevante Essenz, liegt zwischen dem aktuell Nachvollziehbaren und dem historisch Überlieferten. Zwischen dem Kekssoldaten und dem Schicksal, für das der Keks steht. Zwischen der restaurierten polierten Pickelhaube in der Vitrine und dem zerschossenen, geborstenen, verrosteten Stahlhelm, gerade erst am alten Frontverlauf von Archäologen behutsam der Erde entrissen. Es geht darum, in einen Zwischenraum vorzustoßen, wo kraft der eigenen Imagination eine gleichermaßen rationale wie emotionale Erkenntnis möglich wird. Über die Grenzen der Zeit hinweg, über die Barrieren des Schaukastens, des Feldherrn in Öl und Staub, des Kriegsgeräts in Rost, Moder und Zersetzung.

Waren seit jeher Säbel, Helme, Rüstungen, Gewehre, Kanonen, schließlich Panzer das A und O eines Militärmuseums, so sind sie heute Mittel zum Zweck, Instrumente, um Ursache und Wirkung von Gewalt zu vermitteln. Und das MHM hört da lange noch nicht auf. Im Libes-kind-Keil wird des Bombardements von Dresden (13. bis 15. Februar 1945) anhand eines Zufallsfundes gedacht: von Stabbrandbomben zerborstene Gehwegplatten, die das Museumsteam dem Dresdener Trottoir entnahm – und daneben fast identische Platten aus einem polnischen Städtchen, zerstört 1939.

Geradezu beispielhaft stellt sich der Museumsdirektor in Dienstanzug zwischen die beiden steinernen Ensembles. Als wäre er in einem magnetischen Feld zwischen den Installationen gebannt, gleichermaßen in der Geschichte gefangen. Aber der Oberst Rogg vermag sich aus diesem Feld zu lösen.

Durch den Blick vor, zurück, das Heraustreten aus der Linearität der erzählten Geschichte und das Hineinblicken in das Vermittelte wie das soeben Erlebte stiehlt sich ein Lächeln in das Gesicht des Oberst. Der Historiker und Hochschullehrer Rogg kann viele kluge und wohlgesetzte Worte machen, in seinem Museum finden sich auf 13 500 Quadratmetern Ausstellungsfläche neben 1,1 Millionen Exponaten zusammengefasst rund 4000 Seiten erklärender Text – aber das Beste, das Eindringlichste ist das Schweigen.

Manchmal wirkt das Schweigen wie Schreien. Vielleicht ist diese Lautschwäche am unerträglichsten vor einer Vitrine, die noch nicht Museales bewahrt, die viel mehr Jetziges herausstellt: Im Halbdunkel steht ein Wolf, ein kleiner Geländewagen der Bundeswehr, so wie er aus dem Einsatz in Afghanistan kam, mit den Spuren einer Minenexplosion. Die drei Insassen damals überlebten, teilweise schwerstverletzt. Im MHM stehen die „Wunden“ des Wagens für die Wunden der Menschen. Und nebendran, am Glas der Vitrine sind die farbigen Bundestagsstimmkarten (Ja, Nein, Enthaltung) von Gerhard Schröder und Angela Merkel für den Isaf-Einsatz angebracht. Die beiden Kanzler und ihre Abgeordneten verantworten in letzter Instanz das Schicksal der Soldaten.

Da wird aber nicht Klage geführt, es wird ganz simpel und unverblümt, ohne Pathos oder Pazifismus klargemacht: Das Handeln der Menschen hat Konsequenzen. Andere Menschen werden diese Konsequenzen tragen – ertragen müssen. Und die Handelnden, die Lebenden und die Überlebenden müssen sich immer dessen bewusst sein, wollen sie sich und anderen ehrlich in die Augen schauen.

Der Oberst lächelt nicht vor dieser Vitrine. Er erzählt nur tonlos, dass ein MHM-Mitarbeiter „gerade in Afghanistan ist, beim Einsammeln“. Der Kollege interviewt Soldaten vor ihrem Einsatzende, „als Erinnerungsstücke für uns“. Afghanistan ist der erste Krieg der Deutschen, der die Chance hat, im Museum nicht museal zu werden. Das gebietet die Ehrlichkeit gegenüber den Kameraden, die dort waren. Das MHM wird das schaffen. Matthias Rogg erlaubt sich da ein sehr stilles Lächeln.

Der Oberst sieht sich und sein Haus ganz ausgesprochen nicht in der Pflicht von „Traditionswahrern“. Über Sieger und Besiegte zu urteilen, ist dem MHM zu wenig. Sei es nun der Isaf-Wolf oder das Koppel eines Soldaten mit Munitionstaschen und Seitengewehr aus einem verschütteten Stollen des Weltkriegs: Das MHM liefert keine definitiven Antworten. „Es gibt hier keine Sinnstiftung“, sagt Rogg, „wir geben mehr Anstöße, hier gibt es ,Denkstiftung‘.“ Und da lächelt der Oberst wieder. Mit dem Schalk des Verstehens im Augenwinkel, das Lächeln der Erkenntnis.

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