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Erster Weltkrieg Die ersten allgemeinen Verunsicherungen

Nicht der Erste Weltkrieg veränderte Malerei, Musik oder die Newtonsche Physik. Das geschah bereits vorher.

Franz Marcs blaues Pferd, Symbolbild der Künstlervereinigung „Der blaue Reiter“ war 1911 eine ungeheure Provokation. Und setzte doch, wie die modebewusste Besucherin zeigt, unabsehbare Maßstäbe. Foto: Imago

Der Erste Weltkrieg begann vor einhundert Jahren. Wir kennen seinen Ausgang. Wir wissen also, dass mit ihm die k. u. k. Monarchie, das Deutsche, das Russische und das Osmanische Reich zu Ende gingen. Ein gewaltiger Einschnitt. Freilich nicht gewaltig genug, um nicht „Rache für Versailles“ zu fordern. Einer der Faktoren, die zum Zweiten Weltkrieg führten. Erst der beendete dann wirklich die Welt von Gestern. Europa wurde zum alten Europa.

Aber darum soll es hier nicht gehen. Heute blicken wir noch einmal zurück. Es zeigt sich dann nämlich, dass unser Weltwissen, unser Weltempfinden ganz wesentlich geprägt ist von den Revolutionen, die vor dem Ersten Weltkrieg stattfanden. Die künstlerische Moderne ist kein Produkt des Weltkrieges, auch keine Antwort darauf, sondern sie hat deutlich vor ihm begonnen. Der Krieg ist eben doch nicht der Vater aller Dinge – so gern der Geist von 1914 Heraklit zitierte.

Die erste Ausstellung der Künstler des Blauen Reiters fand im Dezember 1911 in München statt. Mit Werken von u.a. Wassily Kandinsky, August Macke, Franz Marc, und Gabriele Münter. Der berühmte Almanach „Der Blaue Reiter“ erschien im Mai 1912 im Piper Verlag in einer Auflage von 1200 Exemplaren. In denselben Jahren sorgten die Kubisten in Paris für Aufregung.

Das erste großformatige abstrakte (gegenstandslose) Bild stammt aus dem Jahre 1907. Gemalt wurde es von der schwedischen Künstlerin Hilma af Klint (1862–1944). Da sie zeitlebens nicht ausstellte, spielten ihre vom Spiritismus inspirierten Bilder keine Rolle bei der Herausbildung der modernen abstrakten Malerei. Wassily Kandinskys ebenfalls aus spiritistischen Quellen sich speisende Abhandlung „Über das Geistige in der Kunst, insbesondere in der Malerei“ erschien 1912.

Der Bruch mit der Kunst als Abbildung, als Nachahmung der Natur war nicht eine der vielen stilistischen Veränderungen der Kunstgeschichte. Es war die radikale Abkehr von dem, was bisher Kunst ausgemacht hatte. Der Künstler war nicht Nachschöpfer, sondern Schöpfer. Das Kunstwerk bildete nicht Natur ab, sondern war selbst Natur. Wir haben uns daran gewöhnt. Darum übersehen wir leicht den prinzipiellen Charakter dieser Kehrtwende. Es war ein Abschied von dem, was europäische Kunst bisher gewesen war, und also auch ein Abschied von allen Kriterien, die einem bisher geholfen hatten bei der Beurteilung von Kunst.

Eine kaum zu überschätzende Rolle spielte dabei die Auseinandersetzung mit der Kunst der kolonisierten Völker. Deren Ästhetik stellte den europäischen Kanon radikal in Frage, und um 1900 gab es eine Generation, der das gerade recht kam. Sie ging in die großen völkerkundlichen Sammlungen und entdeckte dort eine Wahrheit, die ihnen Europa vor enthalten hatte.

Das war aber nur eine der vielen – wenn man so sagen darf – ersten allgemeinen Verunsicherungen jener Jahre vor dem Ersten Weltkrieg.

Am 14. Dezember 1900 präsentierte Max Planck eine Gleichung, die die Strahlung Schwarzer Körper korrekt beschrieb. Er legte den Grundstein für die Quantenphysik, als er für die Oszillatoren, die in seiner Modellvorstellung für die Strahlung verantwortlich waren, nur bestimmte, diskrete Energiezustände erlaubte. Wie sehr diese Betrachtung den Grundvoraussetzungen der Klassischen Physik widersprach, wurde nicht nur den Teilnehmern dieser Berliner Abendveranstaltung, sondern auch Max Planck selbst erst Jahre später klar.

Natürlich muss hier auch der Name Albert Einsteins erwähnt werden. Dessen Spezielle Relativitätstheorie, 1905 erschienen, erklärte: Es gibt keinen absoluten Raum und keine absolute Zeit. Längen und Zeiten hängen vom Bewegungszustand des Betrachters ab. Der Wissenschaftshistoriker Arthur I. Miller hat in einer Studie gezeigt, wie stark die Parallelen in der Auffassung des Zusammenhangs von Raum und Zeit bei Einstein und Picasso – dessen „Demoiselles d’Avignon“ entstanden 1907 – sind.

Er weist darauf hin, dass beide eifrige Leser von Poincaré waren und auch Picasso fasziniert war von der Möglichkeit, Aussagen über das Verhalten von Körpern in einem vierdimensionalen Raum machen zu können. Auf der Ebene des Weltbildes, der Vorstellung, die man sich von der Welt macht, hatten die großen Revolutionen schon vor dem Ersten Weltkrieg nicht nur stattgefunden, sondern auch zueinandergefunden. Übrigens wohl noch ganz ohne diejenige Macht, die als der Sieger aus ihm hervorgehen sollte: ohne die USA.

Im schon erwähnten Almanach des Blauen Reiters erschien neben Bildern und Texten von Arnold Schönberg auch seine Komposition „Herzgewächse“. Alban Berg und Anton von Webern hatten ebenfalls ihre Auftritte im „Blauen Reiter“, und der russische Komponist Thomas von Hartmann, der die Vertonung von Kandinskys Bühnenkomposition „Der gelbe Klang“ übernommen hatte, schrieb den Beitrag „Über die Anarchie in der Musik“.

Das war ein gutes Stichwort in jener Phase, die dann später die der freien Atonalität genannt wurde. Schönbergs erste Streichquartette und die 1. Kammersinfonie waren, als sie 1907 aufgeführt wurden, Skandale. Der „Pierrot Lunaire“ wurde 1912 das erste Mal aufgeführt, die Gurrelieder und seine Harmonielehre (1911). Berühmt wurde das „Watschenkonzert“ vom 31. März 1913, als es zu Tätlichkeiten seitens der Zuschauer gegen die Musik von Anton von Webern, Alexander von Zemlinsky, Arnold Schönberg und Alban Berg kam.

Der Aufruhr war so groß, dass Gustav Mahlers „Kindertotenlieder“ nicht mehr vortragen werden konnten. Dem Konzert folgte eine gerichtliche Auseinandersetzung, in der der Operettenkomponist Oscar Straus erklärte: Das Klatschen der Ohrfeigen „war noch das Melodiöseste, das man an diesem Abend zu hören bekam“.

Die Moderne hatte begonnen, Schönheiten zu entdecken, wo man früher nur Chaos gesehen hatte. Millers Buch trägt den klugen Untertitel: „Space, Time, and the Beauty that causes Havoc“. Das gilt natürlich auch für die Literatur. 1912 erschienen „Morgue und andere Gedichte“ von Gottfried Benn und Apollinaires Gedichtsammlung „Alcools“. Aber ich muss aufhören mit den Beispielen.

Ich möchte nur daran erinnern, dass die wirklich großen kulturellen Veränderungen, die die Moderne ausmachen, alle schon vor dem Ersten Weltkrieg stattfanden. Der Krieg war keine Zäsur. Er hielt eine Entwicklung auf, und der deutsche Versuch, seine Ergebnisse zu revidieren, brachte Europa noch weiter ins Hintertreffen. Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, wie sehr die Welt – etwa diejenige Oscar Straus’ – schon vor dem Krieg zerbrochen war.

Der Krieg wurde von vielen gerade als Erlösung aus der großen Verunsicherung betrachtet (vgl. die FR-Weltkriegsserie Teil II v. 27. 6.; Teil V v. 16. 7.; das FR-Dossier unter www.fr-online.de/weltkrieg1.). Der Krieg war ein schrecklicher Vereinfacher, der vorgab, einem aus der neuen in den letzten Jahren entstandenen Unübersichtlichkeit herauszuhelfen. Ein Schwertstreich, der den komplexen Verschlingungen des Knotens Moderne den Garaus machen würde. Das war keine deutsche Marotte. Man konnte das in vielen europäischen Ländern beobachten. Der Hunger danach, Freund und Feind klar auseinanderhalten zu können, war enorm. Er hatte nicht nur mit dem Siegeszug der sozialistischen Parteien zu tun, sondern es ging wesentlich auch darum, der von den Radikalen freigelegten Schönheit des Chaos entgegenzutreten.

Wie Straus die frei sich entfaltenden Töne wieder in eine Melodie einfangen wollte, so sollten die Menschen wieder eingebunden werden in das vertraute Verhältnis von Oben und Unten. Sie stemmten sich gegen das „Weltende“. Die anderen aber sahen im Untergang den Aufbruch zu neuen freieren Schönheiten.
„Weltende“ hieß das Gedicht, das Hans Davidsohn, alias Jakob van Hoddis – 1942 wurde der psychisch Kranke im Vernichtungslager Sobibór, ermordet – 1911 in der Berliner Zeitschrift „Der Demokrat“ veröffentlichte:

„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, / In allen Lüften hallt es wie Geschrei, / Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei / Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen/ An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. / Die meisten Menschen haben einen Schnupfen./ Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“

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