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Erster Weltkrieg Der vergessene Osten

Die Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges ist in Deutschland gen Westen gerichtet. Doch die Vorboten seiner verheerenden Auswirkungen zeigten sich im Osten, in der polnischen Stadt Kalisz.

Gedenktafel zur Erinnerung an die getöteten Gemeindemitglieder des Ersten Weltkrieges und der Unabhängigkeitskämpfe. Foto: Opielka

Der Soldatenfriedhof von Kalisz, einer 100 000 Einwohner zählenden Stadt Zentralpolens, liegt am Rande des Zentrums. Auf einem Teil des Geländes liegen Soldaten begraben, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben ließen. Die Erde hat die jungen Männer im Tod vereint, und das jenseits aller Nationalität: Die Kriegsgräber des polnischen Schützen Andrzej Szczepanski, des deutschen Unteroffiziers Wilhelm Lubeck und das von Franciszek Czaplik, Soldat der russischen Armee – sie alle stehen dicht beieinander, seit fast 100 Jahren. Die stummen Inschriften stehen für die Sinnlosigkeit, aber auch für den Anachronismus des Ersten Weltkrieges, der sich in Kalisz früh und wie an kaum einem anderen Ort der damaligen Ostfront offenbart.

Denn bei Ausbruch des Krieges ist Kalisz eine multikulturelle Stadt, über die Hälfte sind meist katholische Polen, etwa 30 Prozent Juden, einige Tausend der damals 70.000 Einwohner sind Russen, Ukrainer und Armenier. Jeder zehnte Kaliszer ist deutsch. „Häufig waren sie polonisiert, aber auch das Gefühl von Zugehörigkeit zu beiden Nationen war verbreitet“, sagt Krzysztof Walczak, Professor für Bücherkunde und Vorsitzender des Kaliszer Freundeskreises der Wissenschaften.

Die Stadt ist die westlichste Stadt des russischen Zarenreichs, das sich bei den Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts den östlichen Teil des Königreichs einverleibt hatte. Die damalige Grenze zum Deutschen Reich liegt nur sechs Kilometer westlich. Die Beziehungen zu den Deutschen gestalten sich gut, auch wegen des wirtschaftlichen Austauschs. Und die Kalischer Intelligenz habe das Deutsche Reich als „Land der Kultur, der Philosophen angesehen, die unterschiedlichen Kulturen haben sich in der Stadt friedlich vereint“, sagt Walczak.

Dann passiert das Unfassbare. Als sich die europäischen Großmächte Anfang August 1914 gegenseitig den Krieg erklären, ziehen sich die wenigen russischen Soldaten am 2. August kampflos aus Kalisz zurück. Einen Tag später zieht ein deutsches Infanterieregiment in der Stadt ein, darunter viele ethnische Polen aus der Provinz Posen. Die Soldaten werden zunächst freundlich begrüßt. „Es waren zum Teil ganz junge Burschen in zu großen Uniformen, so dass die Einwohner über sie schmunzelten, das sehen wir auf alten Fotos“, berichtet Agata Wierzynska, die für die Stadt die Gedenktage zum Beginn des Ersten Weltkriegs organisiert. In den folgenden Nächten kommt es zu Schusswechseln, bei denen sechs deutsche Soldaten sterben. Die Ursachen und die Hintermänner sind bis heute ungeklärt.

Die Konsequenzen für Kalisz sind katastrophal. In den folgenden drei Wochen wird die Stadt von den deutschen Besatzern systematisch zerstört, gut 80 Prozent der Gebäude werden durch Beschuss und vor allem Brandstiftung zu Ruinen. Die Deutschen nehmen Einwohner gefangen und erschießen knapp hundert Zivilisten. Die meisten der 70 000 Einwohner der Stadt fliehen, nur rund 5000 bleiben in der Stadt.

Dem „Burgfrieden“ im Inneren folgt der Krieg in West – und Ost

Damit ist Kalisz die einzige Stadt im Osten, die während des Krieges von den Deutschen systematisch zerstört wird. Im Westen geschieht Ähnliches nur im belgischen Leuven und im französischen Reims – der Erste Weltkrieg wird, anders als der Zweite Weltkrieg, zumeist auf dem offenen Feld geführt. Kalisz hat dabei keinerlei strategische Bedeutung für die Ostfront, es gibt auch keinen Widerstand. „Die Vermutung liegt nahe, dass dies eine Propagandaaktion der Deutschen war“, sagt Walczak. Die Zerstörung der Grenzstadt passt tatsächlich auch in die offizielle Strategie der deutschen Führung, die vor Ausbruch des Krieges auf die Angst vieler Deutscher vor den Russen gesetzt hatte: diese seien die eigentlichen Aggressoren, lautet die Propaganda.

Mit dieser Taktik können Kanzler und Kaiser die SPD dazu bewegen, den „russischen Despotismus“ vor- und den Pazifismus der internationalen Arbeiterklasse hintanzustellen, und daher den notwendigen Kriegskrediten zuzustimmen. Dem „Burgfrieden“ im Inneren folgt der Krieg in West – und Ost.

Hier erzielen die Deutschen zunächst schnell Erfolge. Auf dem heute zu Polen gehörenden Gebieten, vor allem im ehemaligen Ostpreußen, kann die 8. Deutsche Armee im August und September 1914 zwei russische Armeen vernichtend schlagen – um Befehlshaber Paul von Hindenburg, den späteren Reichspräsidenten, wird als dem „Helden von Tannenberg“ in der Folge ein beispielloser Kult begründet. 1915 gelingen den Mittelmächten, dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn, weitere Gebietsgewinne in Mittel- und Osteuropa.

Doch auch der Kampf im Osten entwickelt sich zu einem Stellungskrieg, Russland und seine Verbündeten können nicht entscheidend geschlagen werden. Dennoch wendet sich das Blatt 1917 zugunsten der Mittelmächte: fehlende Erfolge und hohe Verluste an der Front sowie die katastrophale materielle Situation im Inneren des Zarenreichs führen im Februar 1917 zum Sturz des Monarchen. Im gleichen Jahr lässt die deutsche Führung Lenin aus der Schweiz über das Deutsche Reich nach Russland ausreisen, und unterstützt die Bolschewiki auch finanziell – Ziel ist die Destabilisierung des Landes, um einen Friedensschluss zu erzwingen.

Tatsächlich endet im März 1918 der Krieg im Osten mit dem Separatfrieden von Brest-Litowsk. Zwar können dadurch die Mittelmächte ihre Gebietsgewinne nochmals erweitern, auf einer Linie vom heutigen Estland bis hinunter zur wirtschaftlich bedeutenden Ukraine, inklusive Donezk-Becken und der Krim, die entgegen den Beschlüssen besetzt werden. Auch können das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn im erheblichen Maße Truppen in den Westen verlegen, wo im März 1918 die letzte Offensive beginnt. Doch der Kriegseintritt der US-Amerikaner und der Einsatz von Panzern („Tanks“) durch die Alliierten machen diese Vorteile zunichte – am 11. November ist der Krieg zu Ende.

Für Kalisz sind die Kriegshandlungen bereits mit der Zerstörung im August 1914 weitgehend vorbei. Die Deutschen setzen ihre Verwaltung ein, viele Bewohner kehren zurück.. „Von Repressalien, Verschleppung und systematischer Ermordung von Polen und Juden, wie später im Zweiten Weltkrieg, konnte man in den Jahren bis 1918 nicht sprechen“, sagt Walczak. Nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes durch das Deutsche Reich am 11. November 1918 werden die deutschen Soldaten von polnischen Verbänden entwaffnet und ziehen sich aus der Stadt zurück, hinter die vor 1914 bestehende deutsch-russische Grenze, in die Provinz Posen. Doch auch diese Gebiete, die historisch zur Region Großpolen gehört hatten, verliert das Deutsche Reich im Zuge des Posener Aufstands 1919 an das neuentstandene Polen.

Kalisz selbst wird in den 1920er und 30er Jahren wieder aufgebaut – die meisten Häuser auf Erlaubnis der Behörden um jeweils ein Stockwerk höher. „Ein großer Teil des Wiederaufbaus wurde von den Kaliszer Juden geleistet, die meist im Zentrum der Stadt lebten und hier ihre Geschäfte hatten“, erzählt Andrzej Banert, evangelischer Pastor in Kalisz und Betreiber eines kleinen Museums. Tatsächlich steigt der Anteil der Juden in der Stadt bis 1939 auf über 40 Prozent an. Leider sei ihr Erbe heute nicht im Bewusstsein der Einwohner verankert, sagt er mit Bedauern.

Im deutschen Diskurs spielt der Erste Weltkrieg im Osten bis heute eine untergeordnete Rolle. Dominierend sind die Materialschlachten von Verdun und an der Marne, Stellungs- und Gaskrieg, Kriegseintritt der US-Amerikaner. Geschehnisse wie die Karpatenschlacht (1915), die als eine der verlustreichsten des Krieges gilt, sind weitaus weniger bekannt. „Im Westen wird die Vielfalt nationaler Erinnerungen zum Ersten Weltkrieg nicht genügend berücksichtigt“, urteilt der Historiker Stefan Troebst, Unterstützer einer Initiative von Historikern aus Deutschland, Polen, Frankreich und Tschechien. In ihrem Manifest „1914, 1989, Jahrhundert der Extreme“ kritisieren sie eine „fatale Verengung der Perspektiven“ auf den Ersten Weltkrieg.

Aus der Erinnerung ausgeblendet

Denn die Landkarten in Südost- und Osteuropa werden 1918 zum Teil komplett neu markiert – mit Auswirkungen bis heute. Die Tschechoslowakei entsteht 1918 als neuer Staat. Die panslawische Bewegung auf dem Balkan mündet 1929 in der Gründung Jugoslawiens, wobei die ethnischen Spannungen keineswegs gelöst werden können. Ungarn löst seine Realunion mit Österreich, muss aber große Gebietsverluste hinnehmen. Bis heute sind die Minderheitenprobleme, etwa der in der Slowakei und Rumänien lebenden Ungarn, ein Streitpunkt zwischen den Nachbarn. Entsprechend unterschiedlich wird in diesen Ländern der Erste Weltkrieg bewertet. Auch in Polen ist die Erinnerung anders geprägt als in Deutschland und der Erste Weltkrieg weitgehend aus der Erinnerungskultur ausgeblendet. Das Ereignis wird etwa von dem 70. Jahrestag des Beginns des Warschauer Aufstands von 1944 verdrängt, und insgesamt von der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Der Erste Weltkrieg wird von seinem Ergebnis her betrachtet – und dies war für Polen positiv, mündete er doch in der nach 123 Jahren wiedererlangten Staatlichkeit des Landes. „Eine große Auseinandersetzung zwischen den großen Imperien und Teilungsmächten ist in Polen schon lange vor dem Ersten Weltkrieg als große Chance für die staatliche Wiedergeburt prophezeit worden“, sagt Dieter Bingen, Leiter des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. Polen habe seit 1918 als multiethnischer Staat mit über 100 Jahren Verspätung die nationalstaatliche Entwicklung durchlaufen müssen, was durch zahlreiche innere und äußere Konflikte begleitet wurde, so Bingen.

Die einstige ethnische Vielfalt des Landes ist für die meisten Polen heute ebenso weit entfernt wie der Erste Weltkrieg. Auch in Kalisz, das so massiv gelitten hatte, müssen sich die Verantwortlichen viel Mühe geben, um der eigenen Bevölkerung das Ereignis von vor 100 Jahren ins Gedächtnis zu rufen. Mit riesigen Fotos der Zerstörung, die an den Häuserwänden hängen, Infotafeln, Gedenkkonzerten und Videoinstallationen wird auf die Tragödie aufmerksam gemacht. „Kalisz-Phönix“ – so heißt das offizielle Motto der Gedenktage, die aber von vielen Einwohnern eher mit Schulterzucken bedacht werden.

„Die älteren Menschen haben vielleicht noch eine Beziehung dazu, aber ich habe niemanden mehr, der sich daran erinnert, deshalb ist das für mich nicht so wichtig“, sagt eine junge Mutter. Andere in ihrem Alter, wie Magdalena Wiczewska von der Stiftung FRIK, organisieren kreative Workshops für Jugendliche, die mit Hilfe von Künstlern alte Fotos der Stadt zu multimedialen und digitalen Collagen bearbeiten. „Wir haben gemerkt, dass die Jugendlichen nur dann eine Beziehung zu den damaligen Ereignissen aufbauen, wenn sie aktiv und über einen längeren Zeitraum an dem Thema arbeiten“, sagt Wiczewska.

Am 3. August hat Staatspräsident Bronislaw Komorowski die Stadt besucht und den revitalisierten Rozmarek, den alten Pferdemarkt, eingeweiht. Eine Verbeugung auch vor dem jüdischen Erbe der Stadt; hier stand einst die Synagoge. Juden aus der ganzen Welt und auch Vertreter der deutschen Partnerstädte Hamm und Erfurt nahmen an den Gedenkfeiern teil.

„Wir erinnern, aber erinnern nicht gegen jemanden“, sagt Krzysztof Walczak. Womöglich hinterlassen diese Tage des Gedenkens auch eine Spur der Erinnerung an die ethnische und religiöse Vielfalt, die einst Stadt und Region prägte. Und für deren erste Zerstörung die Soldaten Szczepanski, Lubeck und Czaplik ihr Leben ließen.

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