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Erster Weltkrieg Das heilige Fest

Der Mobilmachung des Menschenmaterials folgte die Generalmobilisierung der Vorstellungen von Ehre, dem Ukas des Kaisers der vorauseilende Gehorsam gegenüber der Opferbereitschaft: Herfried Münkler und „Der Große Krieg“.

Gaskrieg in Palästina 1918. Foto: Imago

An ein Fest war nicht gedacht, aber in eine solche Stimmung schlitterte man wahrhaftig hinein, als der Krieg dann erklärt war. Hundertausende strömten Anfang August 1914 in ihrer Kriegsbegeisterung dem Berliner Schloss zu – über das „Augusterlebnis“ ist viel geschrieben und spekuliert worden, es hat sich festgesetzt im kollektiven Gedächtnis. Dennoch müssen die suggestiven Erzählungen bezweifelt werden, und Herfried Münkler ist nicht der erste, der dies tut.

Es ist nicht zu bestreiten, dass es solche Kundgebungen der Begeisterung in den großen Städten gab, in der Hauptstadt, in Hamburg, in München, dem Taumel gaben sich, das ist unbestritten, vor allem die bürgerlichen Mittelschichten hin. In den Arbeiterhochburgen dagegen ebenso wie in den Dörfern oder auf dem Land, wo der Sinn der Bauern auf die Ernte gerichtet war, hielt sich der Enthusiasmus in Grenzen.

Dennoch ein Fest, so hat es Münkler in seinem Buch dargestellt und analysiert („Der Große Krieg. Die Welt 1914 – 1918“. Rowohlt Berlin Verlag, 924 Seiten, 29,95 Euro). So hat er über die „Kriegserklärung als Fest“ jetzt auch in Frankfurt berichtet, in einem exquisiten Gespräch mit dem Journalisten Andreas Platthaus in der Deutschen Nationalbibliothek, auf Einladung der Hessischen Zentrale für politische Bildung.

Der Generalmobilisierung des Menschenmaterials folgte, so könnte man sagen, die Generalmobilisierung der Vorstellungen von Ehre, dem Ukas des Kaisers der vorauseilende Gehorsam gegenüber der Opferbereitschaft. Doch so war es nicht durchgängig, deshalb macht Münkler die erkenntnisfördernde Unterscheidung zwischen einer „viktimen Grundstimmung“ und einer „sakrifiziellen Gestimmtheit“. Während in den Kleinstädten, die Regionalforschung hat dafür laut Münkler die Belege zusammengetragen, ein banges Gefühl des Ausgeliefertseins vorherrschte, dominierte in den größeren Städten, vor allem unter dem Druck der Massen, eine heroische Selbstfeier. Mit dieser „Inauguration des Sakrifiziellen“ knüpften die Versammelten in ihrem „wilden Rausch“ und „hinreißenden Schwung“ (das sind Worte Stefan Zweigs) an uralte Riten an, an archaische Bräuche einer „grausamen Verjüngung“ (Münkler). Mit dieser massenhaften Wiederkehr millionenhaft vorhandener Urtriebe in einer hochgradig zersplitterten Gesellschaft kam es zu einer heroischen Selbstfeier einer homogenen Gemeinschaft. Im Zuge dieser Sakrifizierung, unter archaischen Umständen ein Fest der Gewalt und der Zerstörung, wollten vor allem die Mittelschichten im August 1914 nicht abseits stehen. Zumal der Krieg als eine kurze Affäre angesehen wurde – wer wollte da, bei der Rehabilitierung eines heiligen Geschehens (bei diesem Fest) zu spät kommen.

Die heroischen Imaginationen blieben bald schon regelrecht stecken. Denn anstelle des erwarteten „stürmischen Vordringens“, das mit dem Ausbruch dieses Krieges von den Militärs und der Politik in Aussicht gestellt wurde, ging es seit dem Stellungskrieg binnen weniger Wochen und Monate um eine Neuformulierung des Heroischen – um „stoisches Standhalten“, so Münkler, auch das ein zentrales Kapitel aus seinem monumentalen Panorama, das an dieser Stelle bereits vorgestellt wurde, mit Blick auf andere Schwerpunktsetzungen. Zwei bisher kaum beachtete Aspekte abschließend – mit Folgen bis heute.

Die eine betrifft die Finanzierung des Krieges bis 1916 durch Kriegsanleihen. Als der Obersten Heeresleitung klar wurde, dass die entsetzliche Fortsetzung nicht mehr durch „Manpower, sondern vor allem durch Equipment“ (Münkler) erzwungen werden musste, die totale Enthemmung seit 1916 in einer weiteren Entfesselung der Waffentechniken bestand, war dies nicht mehr durch Kriegsanleihen zu finanzieren. Mit der Einführung von Steuern, so Münkler, wurde dieser Krieg, diese „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) zum Urheber des modernen Steuerstaats.

Eine weitere Hinterlassenschaft ist ablesbar in den postimperialen Räumen, im Nahen Osten, in Syrien oder im Libanon, auch im Irak, dort, wo sich die Franzosen und Engländer lange mit ihren imperialen Interessen gegenüberstanden. Seit 100 Jahren haben sich hier keine stabilen Nationalstaaten ausgebildet, nicht zuletzt gilt dies zukünftig ebenso für die Kaukasusregion oder ein Land wie die Ukraine, wo Europa in den nächsten Jahren, so Münkler auf der Veranstaltung, in einen „Alimentierungswettbewerb mit den Russen“ eintreten wird.

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