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Erster Weltkrieg Auch die Erinnerung kostete Opfer

Das Gedenken an den Ersten Weltkrieg hat bis heute fünf Phasen durchlaufen.

Steinkreuze auf dem Nationalfiredhof der Gedenkstätte Hartmannswillerkopf im Elsass erinnern an die rund 30.000 Soldaten, die dort starben. Foto: dpa

Die Einschätzung, dass die Geschichte eine begründete Herausforderung darstellt, stellt sich für jede Generation neu dar – und anders. So hat jede Generation auch vom Ersten Weltkrieg ihre eigene Erzählung. Die Erinnerung an ihn mag heute nicht mehr dominierend sein. Ist es doch eine öffentliche und nicht nur auf Historiker beschränkte Erkenntnis, dass das energisch auf die Nazigeschichte fokussierte Nahgedächtnis das deutsche Ferngedächtnis in den Hintergrund hat treten lassen.

Darunter hat zweifelsohne die Vergegenwärtigung der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) gelitten. Dennoch ist es sehr dürftig zu behaupten, diese Gedächtnisanstrengung fände heute nicht mehr statt. Man kann in den unwirschen Reflexen auf eine manifeste (eine nicht nur von Militärs instand gehaltene sondern) zivilgesellschaftlich motivierte Erinnerungskultur allergische Reaktionen erkennen. Analytisch betrachtet, ist es wohl so, dass sich der Erste Weltkrieg nicht mehr mit aller Vehemenz aufdrängt; abgerissen sind jedoch kollektives Gedenken und kulturelles Gedächtnis mitnichten.

Beide waren von Anfang an fokussiert auf die Schuldfrage. Stärker noch als Gebietsabtretungen und Reparationslasten war die „Alleinschuld“, wie sie 1919 von den Siegermächten verhängt wurde, für die Weimarer Republik so etwas wie eine verheerende Gründungsurkunde. Typisch für den Weltkrieg war die moralische Ächtung des Feindes, seine Kriminalisierung. Aufgegriffen wurde derlei durch den Versailler Vertrag – mit der Folge, dass die Anerkennung der Niederlage in Deutschland nicht nur leidgeprüft war. Was sich an Unwillen artikulierte, war vielmehr hassgestützt und ressentimentgeladen. Der Krieg war ein monumentaler Lehrmeister gewesen. Vier Jahre hatte auf dem Lehrplan gestanden: keine Kompromisse, keine Konzessionen. Der wurde nun von wilhelminischen Eliten, während der Weimarer Republik weiterhin tonangebend, aktualisiert.

Fünf Phasen der Weltkriegserinnerung

Es bietet sich an, die Weltkriegserinnerung in fünf Phasen einzuteilen. Der weitgehend verhetzten und trotz vernunftgeleiteter Gegenstimmen enorm vergifteten zwischen 1919 und 1933 folgte die aggressiv-revanchistische der Nazizeit. Hitlers Hochrüstung gegen die Neuordnung durch „Versailles“ fand nicht nur in den Munitionsfabriken statt. Als totalitäre Diktatur munitionierte das Dritte Reich auch mental die Volksgemeinschaft mit der Annullierung des „Versailler Diktats“.

Im Gedächtnis der Deutschen blieb „Versailles“ als Schmach. Im kollektiven Gedächtnis – 1939 vom französischen Sozialpsychologen Maurice Halbwachs geprägt – wurde „Versailles“ zum Monument der Siegermächte. Und im kommunikativen, denn dieses ist maßgeblich ein Generationengedächtnis, wurde es von den Kriegsteilnehmern ebenso massiv gepflegt wie im kulturellen Gedächtnis. Das kommunikative Weltkriegsgedächtnis stieg noch mal hinab in die Schützengräben, während das kulturelle die Sinnstiftung in den Tiefenschichten deutscher Befindlichkeiten aufzuspüren suchte.

Die Erinnerung hat Opfer gekostet – Millionen im Zweiten Weltkrieg, von Hitler ausgelöst, um „Versailles“ zu liquidieren. Erlebte diese Form der Erinnerung 1945 ihre Stunde null? Polemisch gestimmt, könnte man das glatt verneinen. Wenn diese dritte Periode der Rückschau nicht doch eine erste der Besinnung geworden wäre, bei aller weiterhin patriotisch gestimmten Ablehnung der „Urheberschaft“ Deutschlands am Krieg. Die Schuldfrage, wie sie die deutsche Geschichtsschreibung während der 50er und 60er diskutierte, wurde weiterhin vaterländisch behandelt. „Ausbruch“, „Waffengang“ oder auch „Blutzoll“: Raunende, Verhängnis und Schicksal beschwörende Vokabeln dominierten die Vergangenheitsschau in Adenauerdeutschland.

In diese Vormachtstellung der Entlastung platzte das Buch des Hamburger Historikers Fritz Fischer. In „Griff nach der Weltmacht“ widersprach er vehement der These des ehemaligen britischen Premiers David Lloyd-George, sämtliche Großmächte seien in die Katastrophe „hineingeschlittert“. Fischer versuchte den Nachweis, dass die Entscheidungsträger des deutschen Kaiserreichs im Juli 1914 ihre seit langem verfolgten imperialistischen Ziele exekutiert hätten, um ihre Weltmachtambitionen durchzusetzen.

Nachdem sich Fischer beziehungsweise eine Fischer-Schule etablieren konnte, standen sich – in der vierten Phase der Erinnerungsarbeit – zwei Lager gegenüber. Eingebettet in den Zeitgeist gewann die Fischer-Schule Oberhand, in den 70er Jahren erreichte sie schließlich Deutungshoheit.
In eine fünfte und vorläufig letzte Etappe ist die Gedächtnisarbeit der Gegenwart eingetreten, auch wenn noch einmal die Nachhutgefechte alter Debatten geführt werden. Die Parole, dass hauptsächlich der Imperialismus verantwortlich für den Ersten Weltkrieg gewesen sei, gilt unter heutigen Historikern als so etwas wie ein vergreistes Losungswort im intellektuellen Niemandsland – Historiker hegen nicht nur Hehres. Im Gegenzug ist zuletzt insbesondere der Historiker Christopher Clark wegen seiner Darstellung „Die Schlafwandler“ zum zwielichtigen Akteur einer angeblichen Entschuldung des deutschen Kaiserreichs erklärt worden.

Man kann Clarks 900-Seiten-Monumentalwerk allerdings auch minuziös lesen. Dann betont er, ausdrücklich auf Fischer hinweisend, den „Griff nach der Weltmacht“, von Berlin aus – aber, so Clark weiter: „Die Deutschen waren nicht die einzigen Imperialisten, geschweige denn die einzigen, die unter einer Art Paranoia litten. Die Krise, die 1914 zum Krieg führte, war die Frucht einer gemeinsamen politischen Kultur. Aber sie war darüber hinaus multipolar und wahrhaftig interaktiv – genau das macht sie zu dem komplexesten Ereignis der Moderne.“

Die jüngste Phase scheint geprägt von Bemühungen um eine Historisierung des ersten „totalen Kriegs“. Eine solche ist aus verschiedenen Gründen nicht einfach. Hat es doch auch damit zu tun, dass die Kriegsgeneration, die das kommunikative und kollektive Gedächtnis (emotional) geprägt hat, verstorben ist. Das führte auch dazu, dass dieser Krieg, der die Körper der Opfer zu Hunderttausenden verschwinden ließ, der den anonymen Tod fabrizierte, dem Grauen dennoch ein Antlitz gab. Geradewegs in aller Öffentlichkeit durch das Gesicht der Kriegsinvaliden. Ihre entstellten Gesichter ruft heute weiterhin das kulturelle Gedächtnis wach.

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