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Ernst Jünger: In Stahlgewittern Ernst Jünger in all seiner Brisanz

Ernst Jüngers Weltkriegsbuch „In Stahlgewittern“ erscheint neu in einer historisch-kritischen Ausgabe. Es sollte unbedingt gelesen werden.

06.01.2014 08:20
Dirk Pilz
Der millionenfach tödliche Befehl auch in diesem Weltkriegsmoment lautete: „Sturmangriff“. Foto: dpa

Er hat ihn einen „Scheißkrieg“ genannt, aber nie daran gedacht, ihn zu verlassen. Ausführlich führte er Tagebuch, kalt und sachlich notierte er Vorstöße und Rückschläge, Todesfälle, Wetterumstände und Waffeneinsätze. Genau protokollierte er auch seine eigenen Verwundungen. Abgesehen von kleineren Prellschüssen und Rissen waren dies fünf Gewehrschüsse, zwei Granatsplitter, eine Schrapnellkugel, vier Handgranaten- und zwei Gewehrgeschosssplitter, die mit Ein- und Ausschüssen insgesamt zwanzig Narben zurückließen.

Am 20. August des Jahres 1918 wurde ihm daraufhin das Goldene Verwundetenabzeichen verliehen. Am 23. August marschiert er mit seinem hannoverschen „Füsilier-Regiment Nr. 73“ nach Marquion, nordwestlich von Cambrai, um von dort gegen die Briten Front zu machen. Zwei Tage später erhält er beim Vorgehen gegen eine neuseeländische Einheit einen Lungenschuss. Es war seine schwerste Verletzung.

Er wird ins Feldlazarett Escaud?uvres überführt und über das belgische Halle ins Krankenhaus Clementinenstift in Hannover weitertransportiert. Am 7. September kommt er an, am 22. September wird dem 23-Jährigen der militärische Orden „Pour le Mérite“ verliehen. Er wurde im Ersten Weltkrieg 685 mal vergeben, 480 mal an Generäle, nur elf mal an Kompanieführer der Infanterie. Ernst Jünger war einer von ihnen. Von 1984 bis zu seinem Tod 1998 erhielt er einen Ehrensold, zuletzt 50 DM im Monat. Nach knapp vier Jahren im Krieg kehrte er verletzt, aber als „rücksichtslos tapferer Führer“ geehrt zurück.

Und als Schriftsteller. Ernst Jünger hat in mehreren Büchern seine Kriegserlebnisse verarbeitet. Das berühmteste, umstrittenste, aber auch lesenswerteste ist sein „Tagebuch eines Stoßtruppführers“, erschienen 1920 unter dem Titel „In Stahlgewittern“. Man warf dem Buch vor, dass es eine bellizistische Gesinnung propagiere, den Krieg als Notwendigkeit hinstelle, womöglich verherrliche. Es ist bellizistisch, Jünger hat den Krieg als naturgegeben und geschichtsnotwendig lange bejaht. Oft wurde „In Stahlgewittern“ zudem als ästhetizistische Kriegsschrift bezeichnet, wenn nicht beschimpft. Es ist ästhetizistisch, aber nicht beschönigend, sondern kalt. Jünger schreibt, als beobachte er Käfer, betrachtete Bäume, Steine, Landschaften. 1917 ist er mit seiner Kompanie in die Schlacht bei Langemarck und Passendale verwickelt: „Es wurde lebhaft geschossen, aber auch gezielt.“ Als ob er in sicherer Entfernung das Geschehen betrachtet hätte. Als ob er nichts selbst geschossen und gezielt hätte.

Dieser Satz steht in der sechsten Fassung, erschienen 1961. Jünger hat sein Buch immer wieder überarbeitet. Erweitert, gestrichen, umgeschrieben. Insgesamt sieben Fassungen finden sich, bis zur letzten von 1978. Die Fassungen von 1922 und 1924 dienten stilistischen Verfeinerungen, offenbar mit dem Ziel, aus dem Text deutlicher ein Abenteuer- und Heldenbuch zu machen, offenbar auch, um sie in den Kontext des von ihm 1924 vertretenen „neuen“ Nationalismus einzurücken.

Entsetzliches Leid

Die Fassung von 1934 versucht den Text solcher politischen Verwendung wieder zu entziehen, die späteren reagierten darauf, dass die Erinnerungen an den Krieg verblassten. Der Text wurde umfangreicher, erklärender. „In Stahlgewittern“ wurde durch seine sechs Bearbeitungen damit zum Dokument Jüngers unablässigen Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg. Ein Krieg, den er freiwillig aufsuchte, den er als Abenteuer, als Heldenplatz begriff. Sein Blick auf diesen Krieg aber hat sich mehrfach gewandelt, das Zerstörerische wurde ihm zusehends deutlicher, bedrängte, verfolgte ihn vielleicht.

Die Erinnerungen wurden mit der Zeit augenscheinlich unabweisbarer, nicht einfacher. Auch das mag die Ursache sein, warum er sich den Text immer wieder vorlegte. Erst in der Ausgabe von 1924 mochte er sich zu der Liebesbeziehung mit einer Französin bekennen, erst 1961 taucht ein Satz über einen getöteten Engländer auf: „Oft habe ich später an ihn zurückgedacht, und mit den Jahren häufiger. Der Staat, der uns die Verantwortung abnimmt, kann uns nicht von der Trauer befreien. Wir müssen sie austragen, sie reicht tief in die Träume hinab.“

Die Intensität, die Nuancen dieser Auseinandersetzung mit dem Krieg und den eigenen Erlebnissen sind erst jetzt zu entdecken, dank der ungemein aufwendigen und präzisen historisch-kritischen, zweibändigen Ausgabe, die der Heidelberger Literaturwissenschafter Helmuth Kiesel besorgt hat. Der Textband dokumentiert linksseitig die Erstfassung von 1920 und rechtsseitig alle Änderungen der späteren Fassungen, farblich abgesetzt und damit hervorragend nachzuverfolgen. Ein zweiter Band druckt Materialien und das Variantenverzeichnis, enthält eine hervorragend differenzierte Einführung Kiesels und präsentiert die komplexe Rezeptionsgeschichte. Hier findet sich etwa ein Text des SPD-Reichstagsabgeordneten Paul Levi, für den „In Stahlgewittern“ 1930 eine „furchtbare Anklage gegen den Krieg“ war.

Das ist auch Kiesels Sicht auf das Buch. Wer durch das entsetzliche Leid, von dem in den „Stahlgewittern“ berichtet wird, nicht gegen den Krieg eingenommen werde, müsse starke Abwehrkräfte besitzen und brauche das Buch nicht, um zum Bellizisten zu werden: „Er muss es schon vorher gewesen sein.“

Das ist so ausgemacht allerdings nicht. „In Stahlgewittern“ ist, unabhängig der unbestrittenen literarischen Qualität, auch deshalb ein bleibendes, wichtiges Dokument, weil es gerade durch seine kühle Sachlichkeit für sehr verschiedene Rezeptionen offen ist, nicht nur für pazifistische. Es ist ein brisantes, gefährlich uneindeutiges, waghalsiges Buch, das unbedingt zu lesen lohnt. In dieser historisch-kritischen Ausgabe, die seine Brisanz in aller wünschenswerten Deutlichkeit hervortreten lässt.

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