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Ausstellung Erster Weltkrieg Im Gehirn derer, die es nicht aushalten

Die Fixierung aufs Militärische, die nationale Selbstüberhebung: Die erschütternden Visionen der Schau „Krieg und Wahnsinn“ im Militärhistorischen Museum Dresden passen sich durchaus in ihre Zeit ein

Jakob Mohrs Selbstbildnis: „Seine Allheiligkeit der König der Märtyrer und Kaiser der Kultur“, 1915. Foto: MHM/Sammlung Prinzhorn

Mutter rührt im großen Suppenkessel auf dem Küchenherd, dicker Dampf steigt auf, Tochter steht dabei, auch mit Kochlöffel, achtet aufs Feuer unterm Herd, die Klappe halb offen, dahinter wohlige Glut. Beide blicken zum Fenster, zum Sohn an der Haustür. Schweiß spritzend versucht er die Tür zuzuziehen. Denn draußen vor der Tür …

Draußen vor der Tür drängen sich Pickelhauben und Jäger-Tschakos heran, drücken an die Fensterscheibe, in den Türspalt. Wärme, was im Magen, danach der heimische Herd, Heimchen am Herd, Heimat, Frieden. Aber die da draußen, die mit den Helmen, die wollen denen drinnen alles wegnehmen. Kriegen sie aber nicht: keinen Fußbreit Küchenkacheln gibt’s und kein Schälchen Suppe.

Vom Zeichner des „Küchenschützengrabens 1916“, Wilhelm Zimmermann, sagten seine Ärzte, er habe „kein Interesse für die Zeitgeschehnisse“ gehabt. Nun, vielleicht nicht für Preußens Gloria und Propaganda-Tamtam. Aber für den katastrophalen Nahrungsmangel nach zwei Jahren industriellen Gemetzels von Jütland bis zum Sambesi, von den Vogesen bis zum Jangtse-kiang, dafür hatte der Insasse der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Göttingen sehr wohl Interesse.

Denn spätestens ab 1915 war die Versorgung der Bevölkerung spürbar rationiert, 1916/17 war dann der „Steckrübenwinter“, von dem an Deutschland den Krieg ernährungswirtschaftlich nachweislich verloren hatte: Insgesamt 800 000 Deutsche starben bis 1918 an Hunger oder dessen Folgekrankheiten. In den „Irrenanstalten“ wurde am dreistesten rationiert – denn die Kranken mussten der Kriegslogik nach als „überflüssige Esser“ gelten.

Kopflos rasende Militärelite

An diesem Irrsinn, der nichts mit weggesperrten Geisteskrankheiten und alles mit einer kopflos rasenden Militärelite zu tun hat, setzt die Bundeswehr an.

Genau die. Und noch genauer: das Militärhistorische Museum der Bundeswehr (MHM) in Dresden. Eine der innovativsten und intelligentesten Kultureinrichtungen der Bundesrepublik.

Auf Vorschlag von Thomas Röske, dem Leiter des Museums der Heidelberger Sammlung Prinzhorn für „Art Brut“, „Outsider Art“, die Kunst der Geisteskranken, entwickelte das im einstigen Arsenal der Sächsischen Armee seit 2011 beheimatete MHM-Team „Krieg und Wahnsinn“. Unter der so klugen wie begeisterten Leitung von Kuratorin Katja Protte ist dort ein dunkler Irrgarten mit kleinen lichten Momenten und eigentümlichen Einblicken zwischen oder hinter den Kulissen entstanden. 120 der 6000 in Heidelberg gesammelten Werke werden gezeigt.

Kaum von ungefähr ist „Krieg und Wahnsinn“ fast im Innersten des von Daniel Libeskind radikal neu gedachten Bauwerks untergebracht. Zum einen braucht es angesichts der Fragilität der Exponate – manche Kranke hatten nichts anderes als Klopapier zum Zeichnen – einen dunklen Raum mit nur sanften Kunstlichtspots. Zum anderen aber haben sich die Ausstellungsmacher vielleicht die konservatorischen Auflagen der überempfindlichen Werke zunutze gemacht – und die Ausstellungsarchitektur gestalterisch als Gehirn angelegt, in dessen Windungen sich der Besucher/Psychiater zurechtzufinden sucht, wo ihn an jeder Windung Neues, gänzlich Unerwartetes anspringt: Selbstbildnisse in Kaiseruniform, sodomitische Spielchen unter der Pickelhaube, ein Lageplan der Anstalt als Kasernenbau im Stile einer Vauban-Feste, schwerbewaffnete Luftschiff-Konstrukte…

Und hinter den Kulissen, an denen die Exponate hängen oder stehen – deren schräge Zusammenstellung ein wenig an das Bühnenbild von „Das Kabinett des Dr. Caligari“ erinnert (die Expressionisten feierten irrigerweise die „Art Brut“ als „unverfälschten“ Kunstausdruck) –, öffnen sich Zwischenräume, manche leer, manche mit einem Referenzobjekt versehen. Da war der Patient, der vor seiner Einlieferung auf dem Berliner Alexanderplatz im Generalsmantel dem Publikum Strategie erklären wollte. Der Mantel verweist auf den Uniformenfetisch des Wilhelminismus, dem „Kranke“ wie „Gesunde“ anheimfielen.

Viele Exponate lassen sich in soziale und psychische Konflikte ihrer Zeit einordnen: die Fixierung auf das Militärische, die dem nationalen Spätzünder Deutschland eigene Selbstüberschätzung – viele Patienten waren Opfer der rabiaten Modernisierung des Reiches. Aber immer wieder trifft den Betrachter ein Bild unerwartet, verstört es ihn, lässt es ihn hilflos zurück. Was trieb den künstlerisch Tätigen dazu? Was wollte er mitteilen? Auf was für Bezüge rekurriert er?

Da sieht man in Gustav Sivers’ „1. Bild von dem bevorstehenden Kriege“ zwei Reihen Uniformierter beim Liegestütz, 36 Mann, mithin ein kriegsstarker Zug, breitkrempige Hüte, dunkle Röcke mit abgesetzten Kragen. Hinter ihnen steht ein Offizier/Ausbilder mit Säbel in weißer Kasernenjacke und Gamaschen. Unter den Soldaten liegen Frauen – der Liegestütz ist eine Massenvergewaltigung. Im Hintergrund stehen 13 Personen, an Bäume gefesselt.

Verweisen die Hüte auf die Kolonialtruppen in Deutschost- und Deutschsüdwest-Afrika (Tansania und Namibia) und deren genozidalen Eskalationen gegen Nama, Herero, Wahehe und andere Völker? Oder geht es um die Revolution in Mexiko 1910, während der reihenweise Kriegsverbrechen begangen wurden? Oder ist es eine Vermengung von militärischem Gewalt-Alltag und alltäglichen Gewaltphantasien aus der schießwütigen Literatur des Karl May, der immerhin damals so etwas wie der Nationaldichter für lese- und abenteuerhungrige deutsche Massen war?

Systematische Verbrechen

Am Ende ist die Antwort nicht wichtig. Aber dass da jemand Jahre vor 1914, Jahrzehnte vor 1933 systematische Verbrechen an der Menschheit durch deutsche Soldaten quasi voraussah – das macht so fassungslos. Dass eine Zivilgesellschaft so etwas imaginieren konnte, dass Adel und Generalität so etwas durchdachten, dass Offiziere und Beamten das durchplanten.

Fassungslosigkeit ist ein denkbar nachhaltiges Ergebnis für den Besuch einer Kunstausstellung.

Und noch ein letztes: Der Mediziner und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn ordnete und verwob die Werke, die man ihm zugeführt hatte, zu der ersten wirkungsvollen Studie „Bildnerei der Geisteskranken“ zwischen 1919 und 1920. Diese Jahre. Gerade diese Jahre. Kriegsende und Novemberrevolution von 1918 hinter sich, scheint sich Deutschland anzuschicken zu einer Explosion der Gedankenfreiheit, der Ideen und Möglichkeiten. Nicht vorher und nicht nachher wird in diesem Land so viel probiert, versucht, experimentiert. Es ist vielleicht auch ein Hinweis darauf, wieso eine irrsinnige Gossen-Soldateska in braunem Tuch sich dazu aufschwang, zwischen 1923 und 1945 Amok zu laufen und eine für sie zu komplexe und unsichere Welt ins Verderben zu reißen.

Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden: bis 7. September. www.mhmbw.de

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