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100 Jahre Erster Weltkrieg Das Begehren nach dem Blutopfer

100 Jahre Erster Weltkrieg (VII): Das berühmte „August-Erlebnis“ legt eine Kriegsbegeisterung allerorten nahe. Doch von einer ungeteilten kollektiven Euphorie kann keine Rede sein.

Im Ersten Weltkrieg diente Musik zur Kriegspropaganda
Eines kam zum anderen: Eine deutsche Propagandapostkarte aus dem Ersten Weltkrieg sieht den Krieg trotz martialischer Parolen als putzigen Aufmarsch. Foto: epd

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Dass der Briefträger auf dem Land die Mobilmachung ausrief und damit den Krieg ankündigte, ließ die Dachdecker innehalten, den Hammer, der soeben noch niedersausen sollte, sacht beiseitelegen. Das Bild stammt von Ernst Jünger, Jahrgang 1895.

Dass in den großen Städten, unter den „geschichtsträchtigen Giebeln“ die Bekanntmachung des Krieges die aufgestauten Gefühle aufwallen ließ, so dass das Blut kochte, hat Wolfgang Koeppen, geboren 1906, beschrieben.

Dass der „Tod den Helm aufsetzte“, ist eine grotesk-feuilletonistische Bemerkung des zu Kriegsbeginn fünfzehnjährigen Erich Kästner. Und dass sich am Tag der Mobilmachung eine „atemlose Spannung löste“; dass die ersten Reservisten ihre Siebensachen in Pappkartons und freiwillig in die Kasernen schleppten; dass der Säbel, nach dem das Kind im Übereifer griff, vom Vater zurück in den Schrank verbannt wurde: All das ist von Schriftstellern ebenso im Rückblick festgehalten worden wie das Gefühl, dass sich das Leben an den Tod zu verschwenden habe, dass sich der Tod für das Vaterland lohne.
Berühmt ist das „August-Erlebnis“ geworden, mit wogendem Menschenjubel, blumengeschmückt, singend, sofern der Stummfilm das beglaubigen konnte. Auf jeden Fall dokumentiert sind die Massen, die Spalier standen, auf dem Weg zu den Bahnhöfen, wo Eisenbahnwaggons bereitstanden mit forschen Parolen.

Groß die „trancehafte Lust“, wie Carl Zuckmayer schrieb, „fast Wollust des Mit-Erlebens, Mit-Dabeiseins“. Im kollektiven Gedächtnis hat sich seit Jahrzehnten die Erinnerung an eine große Euphorie erhalten; dass es sich bei dem großen Miteinander allerdings nicht um eine allgemeine, sämtliche Bevölkerungsgruppen, Schichten und Klassen erfassende Begeisterung handelte, hat sich erst in den letzten Jahrzehnten als Erkenntnis durchgesetzt. Die Kriegsbegeisterung, die die Truppen eskortierte, war ein vor allem bürgerliches Phänomen. Der gemeinsame Taumel, von dem sich vor allem die Arbeiterschaft und die Bauern fernhielten, brachte eine gewaltige Mittelstandsvereinigung zusammen.

Die Behauptung von einer allgemeinen Kriegsbegeisterung im August 1914 wurde allerdings zu einer der „großen Geschichtsmythen des 20 Jahrhunderts“, wie Oliver Janz schreibt, stellvertretend für den Stand der historischen Forschung. Zu diesem Mythos allerdings konnte es kommen wegen der „selektiven Wahrnehmung“ (Janz) durch Meinungsführer in der Publizistik, in der Politik, nicht zuletzt in den Künsten.

Die Augusttage wurden zur Anbahnung einer „poetischen Mobilmachung“, wie bereits Julius Bab 1920 schrieb, ein Gedanke, den Kurt Flasch vor wenigen Jahren mit seinem Buch zur „geistigen Mobilmachung“ erweiterte. In den Texten, wie sie von Schriftstellern hinterlassen wurden (in der Anthologie „Echolot“ des Literaturwissenschaftlers Matthias Steinbach sind sie hochkompakt dokumentiert), wird das kulturelle Gedächtnis mit einem monströsen Totenkult konfrontiert.

Keine Frage, es gab eine breite Zustimmung zum Krieg. Die kaiserlichen Worte, am 4. August 1914 hineinposaunt in den Weißen Saal des Berliner Schlosses, verfingen allgemein: „Uns treibt nicht Eroberungslust“, bedeutete er ebenso kategorisch wie auch: „Ich kenne keine Parteien mehr, Ich kenne nur Deutsche.“ Das verfing bei Millionen, und das Dekret der Einheit schlug auch bei der Partei ein, die der außerordentlichen Parlamentssitzung ferngeblieben war, weil sie die Reichstagseröffnungen im Schloss grundsätzlich boykottierte.

Trotz der inneren Grundsätze, trotz des öffentlichen Boykotts, die Sozialdemokratie entschloss sich zum „Burgfrieden“. Aber es blieb nicht bei einer Art Stillhalteabkommen, sondern, so Oliver Janz: „Die Anerkennung der loyalen Haltung führte bei manchen Parteifunktionären zu einem regelrechten nationalen Bekehrungserlebnis.“ Zum „August-Erlebnis“ gehört, dass die Sozialdemokratie, als „vaterlandslose Gesellen“ denunziert und geschmäht, in der wilhelminischen Gesellschaft ankommen wollte.

Am 3. August, nur wenige Tage nach den, so Ernst Piper in seiner „Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs, „machtvollen Antikriegsdemonstrationen, beriet die sozialdemokratische Reichstagsfraktion über die Zustimmung zu den Kriegskrediten“. Es fiel der berühmte Satz: „Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich.“

Während die Kriegsmaschinerie auf Frankreich zurollte, hatte der Mechanismus des Krieges einen Kompromiss erzwungen. Oder war es die Furcht vor Repressionen, eine seit den Sozialistengesetzen präsente Angst? War es das Unbehagen, sich gegen die allgemeine Stimmung zu stellen? Aber gegen welche dann, die der Bürger und Kleinbürger? Es ist viel über die sozialdemokratischen Motive spekuliert worden. Um einen vorauseilenden Patriotismus kleinzureden, ihre unantastbare Staatshörigkeit obendrein, hat die SPD ihren Waffenstillstand mit dem Wilhelminismus mit der wahren Sorge um die Wahrung der von ihr erkämpften sozialpolitischen Errungenschaften begründet.

Keine der neuesten Darstellungen, die nicht deutlich machte, dass an der SPD-Basis, in der städtischen Arbeiterschaft „bange Beklommenheit“ (Ernst Piper) herrschte. Auch Christopher Clark widerspricht deutlich den legendären Darstellungen, wonach es eine allgemeine und alles mitreißende Begeisterung gegeben habe. Um es auf einen Begriff zu bringen, spricht er von einem „defensiven Patriotismus“ (Clark), allenfalls „vereinzelt gab es Bekundungen chauvinistischer Begeisterung“. Wie andere Historiker auch erklärt Clark zum „Mythos, dass die Europäer eifrig die Gelegenheit ergriffen hätten, einen verhassten Feind zu schlagen“. Vielmehr habe die Nachricht vom Krieg „an den meisten Orten und für die meisten Menschen wie ein tiefer Schock gewirkt“.

Rhetorisch ausgetobt, so Piper, habe sich indes der „Kampfesmut der bildungsbürgerlichen Funktionseliten“. Es machte sich in diesen Kreisen eine „fanatische Begeisterung“ breit, und weil das Sendungsbewusstsein dieser Eliten raumgreifend war, blieb es nicht verborgen. Geharnischt obendrein die Euphorie der Dichter und Denker.

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Eine treffliche Unterscheidung hat Herfried Münkler in seinem Buch „Der große Krieg“ vorgenommen, sie betrifft die zwischen einer „viktimen Grundstimmung“ und einer „sakrifiziellen Gestimmtheit“. Während vor allem in kleinen Städten ein banges Gefühl des Ausgeliefertseins vorherrschte, dominierte in den Großstädten unter dem Druck der Massen eine heroische Selbstfeier. Mit dieser „Inauguration des Sakrifiziellen“ knüpften die Versammelten in ihrem „wilden Rausch“ und „hinreißenden Schwung“ (Stefan Zweig) an uralte Riten an, an archaische Bräuche einer „grausamen Verjüngung“ (Münkler).

Schon Carl Zuckmayer sprach 1966 in seinen Erinnerungen „von mystischer Begehr nach dem Blutopfer“ unter seinesgleichen, den „Söhnen des gepflegten Bürgertums“. An diesen Gedanken knüpft Münkler an. Im Zuge einer massenhaften Wiederkehr millionenhaft vorhandener Urtriebe in einer hochgradig zersplitterten Gesellschaft kam es zu einer heroischen Selbstfeier einer homogenen Gemeinschaft. Während dieser „Sacrifizierung“, unter archaischen Umständen ein Fest der Gewalt und der Zerstörung, wollten, so betont es auch Münkler, die Mittelschichten im August 1914 nicht abseits stehen. Zumal der Krieg als ein kurze Affäre angesehen wurde – wer wollte da, bei der Rehabilitierung eines heiligen Geschehens, bei diesem Fest zu spät kommen.

Das galt für Frankreich ebenso wie Großbritannien sowie Russland, wo, anders als auch hier auf dem Land, der Kriegsausbruch „vor allem in der Intelligenzija eine Welle des Nationalismus auslöste“ (Oliver Janz). Doch nicht allein frevelhafte Kriegslüsternheit ist als Ursache und Auslöser des Krieges ausgemacht worden, vielmehr auch, das mildert die tödliche Bilanz allerdings keineswegs, krasse Zukunftsängste. Eine auch aus der Rückschau nicht zu leugnende Panik beherrschte die Köpfe, was, ebenfalls von heute aus gesehen, nur noch pessimistischer stimmt. Deshalb, wegen dieser Panik diese Neugier, diese Nervosität.

Der Gedanke, durch einen Präventivkrieg einer in ein paar Jahren dann restlos verfahrenen Situation noch entkommen zu können, beherrschte tatsächlich sämtliche Überlegungen, die „Kriegspsychose“ ist damit ebenso zu erklären wie die chauvinistische Hysterie. Der Sprung in den Ersten Weltkrieg ist auch deswegen ein so komplexes Ereignis, weil dadurch, dass man sich für ihn Hals über Kopf entschied, Handlungsspielräume gewahrt schienen. Das krasse Gegenteil war der Fall. Ein Dezisionismus, ein ungestümer Tatendrang, versprach Optionen, verhieß Handlungshoheit, nur noch die herbeigeführte Kraftprobe schien ein souveränes Vorgehen einzuräumen. Allein dieser Zusammenhang macht den „Eintritt“ in den Ersten Weltkrieg zu einer Tragödie (John Keegan), bei der die (einmal herbeigeführten) Sachzwänge Oberhand über die Akteure gewannen.

Dieser Determinismus berührt auch die Geschichtsschreibung. Er verweist auf das Verhältnis, in dem eine Strukturgeschichtsschreibung und eine Mentalitätengeschichte stehen – und wovon erzählt das „August-Erlebnis“ besonders intensiv, wenn nicht von den Intentionen der Handelnden, die sich in vorgefundene Strukturen verstrickten. Keine sinnvolle Geschichtsschreibung ohne die Verschränkung von Struktur- und Intentionengeschichte, mögen die Orthodoxen der beiden Schulen auch weiterhin gegeneinander Front machen.

Intensiv, das darf man von ihnen verlangen, waren die Schilderungen der Dichter und Denker. Verzerrt wie die Wahrnehmungen waren, galten latente Abneigungen oder aggressive Aversionen der jeweils anderen Nation – in Deutschland ebenso wie in Russland oder Frankreich ließ sie sich mobilisieren. Im wilhelminischen Deutschland allerdings besonders krass, angefangen mit einem Kaiser, der von England lange begeistert gewesen war. Umso hasserfüllter dann der Umschlag, als sich die Bewunderung enttäuscht sah.

Die patriotische Begeisterung war da, und sie hat es nicht versäumt, sich in aller Öffentlichkeit zu zeigen. Wo sie das tat, geschah das nicht nur frohgemut und blumenbekränzt, da marschierte die Hysterie brüllend mit. Der Glaube an einen gerechten Krieg wähnte sich nicht nur im Einvernehmen mit dem Vaterland, auch mit Gott. Darüber wurde der Krieg gegen die Mittelmächte auf russischen Kriegsplakaten zum „Kreuzzug“ stilisiert (Jörn Leonhard).

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Gut gegen Böse, das Licht gegen das Dunkel – ein ungeheurer moralischer Überschuss teilte die Lager in Gut und Böse, auch das erklärt die Augusträusche. „Ja, wir leben in einem Rausch des Gefühls. Die Worte Deutschland, Vaterland, Krieg haben magische Kraft.“ Diese Kettenreaktion, die ein Ernst Toller besang, lief sich rasch tot. Für Toller verlor sich unter dem Eindruck unvorstellbarer Schrecken die Magie des Krieges, das Grauen machte ihn um Pazifisten.

„Dieser Krieg ist groß und wunderbar.“ Das war das Wort einer Geistesgröße wie Max Weber. Es gab Kulturkrieger, die von ihrer Mission nicht abließen, die „Intelligenzija“, von der Jörn Friedrich spricht, „suchte gleichsam nach der ihr lange verwehrten Anerkennung, nach nationaler Zugehörigkeit“.
Ein ähnlicher psychologischer Mechanismus, wie auch bei der Sozialdemokratie, dürfte bei so unterschiedlich Institutionen eine Rolle gespielt haben wie der Deutschen Friedensgesellschaft, den deutschen Frauenvereinen, der katholischen Kirche oder dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, so das in jeder Hinsicht enorm facettenreiche „Kulturwissenschaftliche Handbuch zum Ersten Weltkrieg“, herausgegeben von Niels Werber, Stefan Kaufmann und Lars Koch.

Der Kriegswille wurde allerdings nicht nur durch Institutionen formiert, er schlug sich nieder in einer Millionenproduktion laienhaft verfasster Verse, die Zeitungen waren voll davon. Ebenfalls zum Einsatz an der Kulturfront drängte vehement die Kriegsoperette, auf ihren Bühnen zeigte sich, bei allem „heiligen Ernst“ eine fidele Abenteuerlust und aufgekratzte Siegeszuversicht.

Nicht überall, um es zu wiederholen, war man dermaßen aus dem Häuschen. Und viele der bebenden Beschwörungen von Ehre und Opfer haben die ersten Kriegsmonate nicht überdauert. Einige der Enthusiasten, die in vorderster Front der Erhebung und Erweckung standen, haben die ersten Kriegswochen nicht überlebt.

Deutschland dichtete, Deutschland hasste. Das tat auch England. Und dass das Pamphlet als eine Form von „Vorneverteidigung“ angesehen wurde, ging auch in Frankreich glatt durch. So stilisierte bereits Anfang August, wie Steffen Bruendel in seiner Studien „Zeitenwende 1914“ schreibt, „niemand Geringerer als der berühmte französische Philosoph Henri Bergson der Krieg gegen Deutschland zu einem Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei“.

Das allerdings, so muss man hinzufügen, hatte mit den Meldungen von Gräueltaten zu tun, verübt von den vorrückenden deutschen Divisionen in Belgien. Zum August-Erlebnis gehört auch dieser erste Propagandakrieg des Ersten Weltkriegs. Plakate und Karikaturen waren blutrünstig, und sie streuten nicht nur Gerüchte, denn Massaker und Vergewaltigungen waren Realität in Belgien – nicht zuletzt die barbarische Zerstörung der Bibliothek von Löwen.

Welch ein Wahn, allerdings war er kein deutsches Alleinstellungsmerkmal. „Ein jedes Volk lebt in seiner eigenen patriotischen Wirklichkeit“, heißt es lapidar bei Hermann Broch, in seiner Romantrilogie „Die Schlafwandler“, handelnd zwischen 1888 und 1918. Das Wort „August-Panoramen“, mit dem Jörn Leonhard sein Kapitel überschreibt, mag gemessen daran abstrakt klingen – tatsächlich gibt es einen gesamteuropäischen Überblick darüber, wie das „Aufeinandertreffen von großer Spannung, enormen Erwartungen bei gleichzeitig begrenzten Informationen die Entstehung von Gerüchten begünstigte, in denen die ersten populären Feindbilder des Krieges erkennbar wurden“.

Das „August-Erlebnis“ war kein Gerücht. Aber das „August-Erlebnis“ feierte doch zugleich auch, während seine Aktivisten jubelnd durch die Straßen wogten oder mit Flugblättern nicht nur insgeheim hausieren gingen, ein monströses Gerücht, den Krieg als Feier, als Katharsis. Verabscheut wurden nicht nur fremde Lebensformen, lange schon vor 1914 rumorte ein Unbehagen in der eigenen Kultur, ein Überdruss am gesellschaftlichen Status quo – ein Ekel war überall präsent, wörtlich und habituell, in Frankreich und Deutschland, in Russland und England.

Das „August-Erlebnis“ war ein Event der Realitätsverleugnung. Es ließen sich viele Beispiele für diesen Selbstbetrug anführen. Der folgende, nicht sehr prominent, ist bezeichnend genug. So waren, wie Christopher Clark schreibt, „viele Deutsche schockiert über die belgische Entscheidung, bis zum Äußersten Widerstand leisten zu wollen“.

Eine dermaßen hybride Fehleinschätzung mag bezeichnend sein für jeden Ausnahmezustand. Erhellend ist jedoch, dass die Deutschen, sich in der Opferrolle wähnend, dem von ihnen überrollten und vergewaltigten Belgien eine solche absprachen. Nicht zuletzt auch das Recht auf Heroismus, eine allerdings nicht nur deutsche Sekundärtugend. Dass man ihn in Deutschland für ein deutsches Alleinstellungsmerkmal hielt, auch das war ein millionenfach tödlicher Irrtum.

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