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Zweiter Weltkrieg „Das Schweigen zu brechen, ist erst der Anfang“

Wie wirkte der Zweite Weltkrieg in die Generation der 68er hinein? Ein Gespräch mit der Autorin Sabine Bode über vererbte Traumata und enttarnte Legenden.

Polen
„Vielen Kriegskindern wurde schon früh im Leben immer wieder der Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt Sabine Bode. Foto: dpa

Frau Bode, Sie haben sich in mehreren Büchern mit Kriegskindern beschäftigt sowie mit den Nachwirkungen von Kriegserfahrungen in den Familien. Welche Eindrücke haben Sie von dieser „vergessenen Generation“? 
Wir sprechen hier nicht von der gesamten Generation, sondern in etwa von einem Drittel, das sich nicht von seinen Kriegserlebnissen erholt hat. Dennoch kann man beruflich sehr erfolgreich gewesen sein, hat aber Probleme mit engen Beziehungen. Am besten, ich gebe Auffälligkeiten von ehemaligen Kriegskindern wieder, die mir deren Kinder immer wieder nannten: Den Eltern lag und liegt an einem überschaubaren Alltag, eine Veränderung der Lebensumstände setzt sie enorm unter Stress. Zukunftsthemen wie die eigene Pflegebedürftigkeit weichen sie aus wie auch den Gelegenheiten, die Welt der Jüngeren zu betreten. Das alles ängstigt sie. Sie sind in der Regel wenig reflektiert, verfallen schnell in Schwarz-Weiß-Denken und ihr Bedürfnis nach materieller Sicherheit ist hoch. Das Klima in den Familien wurde mir häufig als unlebendig beschrieben, meistens mit dem Zusatz: „Ich kann meine Eltern emotional nicht erreichen.“

Die Kriegskinder brachten das aber gar nicht mit ihren Kriegserlebnissen in Verbindung?
Die Kriegskinder nannten sich „Nachkriegskinder“. Sie waren nicht der Meinung, sie als Generation hätten ein nennenswertes gemeinsames Schicksal. „Unsere Eltern ja“, so wurde mir oft gesagt, „die hatten Schlimmes erlebt, aber wir doch nicht: Wir waren Kinder! Das war für uns normal!“ Diese „gefühlte Normalität“ blieb fast über das ganze spätere Leben bestimmend. Über etwas, was normal ist, muss man sich nicht den Kopf zerbrechen. 

In vielen Familien wurde über die traumatischen Erlebnisse geschwiegen. In einem Ihrer Bücher heißt es: „Man funktionierte, baute auf, fragte wenig, jammerte nie, wollte vom Krieg nichts hören.“ Viele Kriegskinder brechen erst heute, nach mehr als 70 Jahren, ihr Schweigen – könnte dies auch eine späte Nachwirkung von 68 sein? 
Nein. Wenn heute altgewordene Kriegskinder ihr Schweigen brechen, dann deshalb, weil im Alter die Kindheit wieder näher rückt und sie die Erinnerungen an Schrecken, Verluste und Gewalt nicht mehr länger auf Abstand halten können. In Emails wird mir dies als ein schmerzhafter Prozess beschrieben, an dessen Ende jedoch ein Gewinn steht. Da steht dann zum Beispiel: „Ich fühle mich wie aus einer Betäubung erwacht.“ Wer dagegen seine eigenen seelischen Kriegsverletzungen weiterhin wegdrängt, verfestigt womöglich das Gefühl, immer noch Opfer zu sein, und verhindert, mit seinem eigenen Schicksal Frieden zu schließen. 

Viele berühmte 68er sind Kriegskinder: Rudi Dutschke, Rainer Langhans, Fritz Teufel, KD Wolff, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Wie stark, glauben Sie, haben die eigenen Kriegserfahrungen sie in ihrem Aufbegehren geprägt – oder es sogar erst möglich gemacht?
Wohl eher die Nachkriegserfahrungen. Die von Ihnen genannten Personen wurden wie so viele im Krieg geboren und hatten daher keine oder fast überhaupt keine Erinnerung an NS-Zeit, Krieg und Vertreibung. Im Unterschied zu den älteren Geschwistern, die unermüdlich zum Überleben der Familie beitrugen, spielten die Jungs in den Trümmern. Kleine Vandalen schlugen kaputt, was schon kaputt war. Die rabiaten Streiche der Landkinder standen dem in nichts nach. Also weitgehend eine unbeaufsichtigte Kindheit voller Abenteuer, die sie stärkte. Ein Ausgleich zu der strengen, teilweise auch gewalttätigen Erziehung im Elternhaus. Ich glaube, in der 68er-Bewegung konnten viele Studenten mit kindlicher Lust an der Regelverletzung auf ihr frühes Rabaukentum zurückgreifen. 

Haben Sie in diesem Zusammenhang auch Erfahrungen mit der 68er-Generation gemacht?
Als ich Mitte der 1990er Jahre begann, das Thema „deutsche Kriegskinder“ zu recherchieren, bekam ich den meisten Gegenwind von den ehemaligen Aktiven der Studentenrevolte. Vor allem empörte sie, dass ich hierfür bewusst nur die Kriegsfolgen in den Blick nahm und nicht gleichzeitig die NS-Zeit und den Holocaust. Typisch war die Reaktion eines Lehrers, der 1940 in Berlin geboren wurde. Er ging sofort zum Angriff über: Wie ich dazu käme, Kriegszeit und Nazizeit zu trennen? Das sei doch unmöglich! Ob ich etwa die Seiten gewechselt hätte? Ginge es mir jetzt darum, die Deutschen als Opfer zu stilisieren? Ich fragte zurück: „Hast du dich später nur mit den Schrecken des Nationalsozialismus beschäftigt – aber nicht mit deiner eigenen Kriegskindheit?“ – „Genau. Der Krieg war vorbei, als ich fünf Jahre alt war. Ehrlich, du nervst mit den alten Geschichten ...“

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