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Vietnamkrieg Nach Tet war alles anders

Wir werfen einen Blick auf die Ereignisse, die am 30. Januar 1968 den Lauf der Welt verändert haben.

Nguyen Van Lem, Bay Lop
Der südvietnamesische Polizeigeneral Nguyen Ngoc Loan hat eben die Kugel abgefeuert, die den Vietcong Nguyen Van Lem tötet. Foto: dpa

Am 1. Februar 1968 wurde der Vietcong Nguyen Van Lem in der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon erschossen. Hunderte Menschen wurden an diesem Tag in Saigon getötet, tausende in Südvietnam. Lem wurde vor laufender Kamera erschossen. Sein Mörder, Nguyen Ngoc Loan, war Polizeichef von Saigon. Auch Lem war ein Mörder, mutmaßlich. Bis heute unwidersprochen ist die Aussage des Polizeigenerals, der Gefangene habe kurz vorher die sechsköpfige Familie eines südvietnamesischen Polizisten umgebracht. Loan erschoss Lem aus nächster Nähe, nachdem sich unter den Umstehenden kein Freiwilliger für die Ausführung der Bluttat gefunden hatte.

Der Mord geschieht unfassbar beiläufig – weder der Begriff routiniert beschreibt die Haltung des Polizeigenerals noch trifft kaltblütig zu – er tötet buchstäblich beiläufig. Man sieht ihn im Film danach Bier trinken, eine Zigarette rauchen, keine Sekunde wirkt seine Nonchalance aufgesetzt oder gespielt. Niemand, der diese Szene sieht, kann sich der entsetzlichen Erkenntnis verschließen, dass normal ist, was da gefilmt wurde. Kein Zögern vor der Tat, keine emotionale Reaktion nach dem Mord, der doch vorgeblich aus tiefster Emotion, aus Rache, begangen wurde.

 Das Opfer stirbt, ohne sich sichtbar gegen sein Schicksal aufzulehnen. Lem war mutmaßlich Mitglied einer der vielen Todesschwadrone, die zeitgleich mit den militärischen Angriffen während der Tet-Offensive in den eroberten Gebieten alle (vermeintlichen) Unterstützer der südvietnamesischen Regierung töteten, derer sie habhaft werden konnten. In der Stadt Hue etwa wurden nach dem Ende der Kämpfe Massengräber mit tausenden vom Vietcong ermordeten Männern, Frauen und Kindern gefunden. Auch vier Deutsche, darunter drei Ärzte, zählten zu den entführten und später mit Genickschüssen ermordeten Opfern. 

Und doch ragt und ragte schon damals dieses Foto heraus aus der Flut der Bilder voller Blut, Gewalt, Zerstörung, wie sie die Öffentlichkeit kaum je zuvor gesehen hatte – gesendet Abend für Abend in den Fernsehnachrichten. Die öffentliche Ermordung eines Mörders wurde zu einem Wendepunkt des Krieges. Sie zeigte, was normal war in Vietnam. Und viele US-Bürger fragten sich angesichts dieser Perversion des Normalen, ob diese Leute eigentlich die Guten waren, die ihr Land so bedingungslos unterstützte. Loan starb 1998 in den USA an Krebs. Bis 1991 seine Identität bekannt wurde, hatte er in der Nähe von Washington eine Pizzeria betrieben.

Für die Bevölkerung bedeutete der Vietnamkrieg, was jeder Krieg für alle Zivilisten bedeutet, die in die Nähe der Front geraten: Tod, Leid, Vertreibung. Der Unterschied zu vielen anderen Kriegen damals: In Vietnam war die Front überall. Sie zog nicht weiter mit der Eroberung oder dem Verlust von Gebieten wie im 2. Weltkrieg oder noch im Koreakrieg. Die meisten Regionen Südvietnams waren dreißig Jahre lang ununterbrochen Front, die sich nur im Lauf des Tages änderte.

Tagsüber waren die Dörfer in der Hand südvietnamesischer Truppen, der US-Armee oder ihrer Verbündeten, die Anhänger des Nordens verfolgten. Nachts kam der Vietcong in die Dörfer, um die Unterstützer des Südens zu töten. „Wir wurden von zwei Seiten unterdrückt“, sagte ein vietnamesischer Bauer. Mindestens zwei Millionen Zivilisten starben während des Krieges, massakriert von US-Truppen wie im Dorf My Lai (16. März 1968), ermordet vom Vietcong wie in Hue, verbrannt von Napalmbomben, getroffen von Querschlägern, verstümmelt von Minen. Alte und Kinder, Männer und Frauen. Kollateralschaden nennen es die Militärs heutzutage.

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