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Terrorismus Rebellion und Reflexion

Der Architekturhistoriker Werner Durth berichtet von der Architekturausbildung sowie den Herausforderungen durch eine neue Baukultur der Moderne während der Jahre 1967 bis 1972.

Demonstration
Der Autor ist der Aktivist, der links die Stange für das Transparent hochhält. Foto: privat

Als ich im Sommer 1967 zur Aufnahmeprüfung nach Darmstadt kam, war kaum vorstellbar, dass diese Stadt zwanzig Jahre zuvor ein Trümmerfeld gewesen war. Nach zwei Jahrzehnten waren vielerorts noch Narben des Weltkriegs zu erkennen, die den städtischen Alltag zwar prägten, aber nicht mehr beeinträchtigen konnten. Die beschädigten Bauten der Hochschule waren großenteils, auch in Selbsthilfe der Studierenden und Lehrenden, wieder hergestellt, im alten Hauptgebäude Räume für die Architekturfakultät eingerichtet worden. Noch lange sah man die Folgen der Luftangriffe im Seitenflügel des Altbaus.

Mit dem als politisch unbelastet geltenden Bauhistoriker, Denkmalpfleger und Kirchenbaumeister Karl Gruber war 1945 ein Dekan ernannt worden, der eine solide Kontinuität in der Ausbildung von Architekten verkörperte, während der im selben Jahr 1945 berufene Architekt Ernst Neufert, ab 1925 Bürochef von Walter Gropius beim Bau des Bauhaus in Dessau, den Bezug zur 1933 angeblich abgebrochenen Entwicklung der Moderne in Deutschland herstellte und sich als gelebte Kontinuität der Avantgarde stilisierte. Dass er seit 1938 zu den engsten Mitarbeitern Albert Speers gehörte, erfuhr ich erst später. Ab 1946 Aushängeschild und Star der Architekturfakultät, vertrat er in der Entwurfs- und Baukonstruktionslehre einen bis ins Detail nach Norm und Form regulierten Funktionalismus. 1948 wurde der Münchner Architekt Theo Pabst berufen, auf Gruber folgte 1955 der Stadtplaner Max Guther, zuvor Stadtbaurat in Ulm. Wie in anderen Hochschulen prägten erfahrene Pragmatiker des Wiederaufbaus, welche ihre fachliche Autorität aus ihrer langjährigen Berufspraxis bezogen, die Ausbildung der nachwachsenden Generation. Als Forschung galt ihnen die Arbeit in ihren privaten Büros, für die man, je nach Auftragslage, zeitweise auch Studenten einstellte.

Von dieser Vorgeschichte wusste ich nichts, als ich im Herbst 1967, vor einem halben Jahrhundert, mein Studium begann. (....) Doch wir spürten, dass eine neue Zeit begann. Die Nachkriegszeit war zu Ende, der Wiederaufbau abgeschlossen. Jenseits der Welt kultivierter Routine eröffnete sich 1967 eine neue, abenteuerliche Welt architektonischer Experimente, von denen jedes einen Sprung in die Zukunft zu bedeuten schien. Es war wohl ein Glücksfall, dass das Aufkommen ästhetischer Oppositionsbewegungen gegen die inzwischen selbst schon Geschichte gewordene, durch Standards und Normen verregelte, einseitig funktionalistische Moderne à la Neufert einherging mit einem Wechsel der Generationen unter den Professoren.

Seit 1965 brachte der Stuttgarter Architekt Max Bächer frischen Wind in den Fachbereich, hielt rhetorisch brillante Vorträge über neue Tendenzen in der Architektur, organisierte und moderierte die Reihe der Mittwochsvorträge mit Gästen, die in Abkehr von der massenhaften Eintönigkeit gängiger Baupraxis neue Perspektiven eröffneten. In der Auswahl der Personen und Projekte offenbarte sich Bächers Neigung zu einer skulptural körperhaften Architektur, die sich dem Begriff des Brutalismus zuordnen ließ, der auf den Béton brut als unverkleideten Baustoff verwies. 

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