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Sport „Das aufregendste Jahr der Studienzeit“

Helmut Digel erklärt im FR-Interview, wie die 68er die Sportfakultäten im Sturm eroberten.

05.06.2018 06:59
Römerberg 1968
Demonstration auf dem Frankfurter Römerberg 1968. Foto: imago stock&people

Herr Digel, auf Ihrem Blog stellen Sie die These auf, dass die Sportwissenschaft, wie wir sie heute kennen, ihren Ursprung in der 68er-Bewegung hatte. Da würden Ihnen sicher einige widersprechen. Was meinen Sie konkret damit?
Die 68er werden heute für viel Negatives verantwortlich gemacht. Ich wollte daran erinnern, dass es damals mehr gab als Marx und Lenin, und dass gerade die Sportwissenschaften in dieser Zeit wichtige Impulse erfahren haben. Das hat aber der Mainstream so nicht wahrgenommen.

Welche Impulse waren das?
Das war zum einen ganz grundsätzlich die Erkenntnis, dass Sport nicht unpolitisch und von der Gesellschaft abgelöst existiert. Damals haben sich Autoren zum Beispiel erstmals kritisch mit der Rolle des Sports in der industriellen Gesellschaft beschäftigt, aber beispielsweise auch damit, wie er von totalitären Systemen zur Propaganda genutzt werden kann.

Aber auch die heutige Ausdifferenzierung der Lehrstühle und der Fakt, dass Sportwissenschaftler sich heute mit einer Vielfalt an Themen von Biomechanik über Ökonomie bis hin zu Philosophie beschäftigen, rührt von diesen Impulsen her.

Sie selbst haben ab Mitte der 60er Jahre, in Tübingen Germanistik, Sport- und Erziehungswissenschaft studiert. Wie haben Sie das Sportstudium damals erlebt?
Es war vor allem theoretisch bescheiden. Die Dozenten waren traditionell eher praktisch in dem ausgebildet, was man damals Leibesübungen nannte. Wir haben ein bisschen was zur Sportgeschichte, zu Anatomie und Physiologie gemacht. Aber es war undenkbar, sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen.

Und dann haben die 68er auch die Sportfakultäten im Sturm erobert?
Na, es hat schon ein wenig länger gedauert, bis das im Sport angekommen ist. Wir waren ja schon räumlich immer weit entfernt vom universitären Leben an den Stadträndern untergebracht, und das hat man durchaus auch ideell gespürt. Sicherlich hat auch nur eine Minderheit sich mit den Inhalten der Studentenbewegung beschäftigt – viele waren eher dem aktiven Sport verhaftet, nicht der Wissenschaft. Andererseits haben wir damals fast alle auf Lehramt studiert und hatten dadurch jeweils mindestens ein weiteres Fach. Dadurch ist der Funke dann irgendwann übergesprungen.

Wie fanden Sie das damals?
Bei mir sind die Studentenproteste 1968 mitten in mein Studium reingeplatzt und haben mir das aufregendste Jahr meiner Studienzeit beschert. In der Mensa wurde man täglich mit Flugblättern überschüttet, in den Vorlesungen gab es Demonstrationen und Sit-Ins, viele Lehrveranstaltungen von Studenten für Studenten. An der Uni herrschte mit einem Mal eine Atmosphäre, in der viele Studenten und sogar manche Dozenten sich für ganz neue Themen  interessierten. Ohne diese Öffnung hätte ich nicht den Beruf des Sportwissenschaftlers ergriffen, sondern wäre ins Lehramt gegangen wie es damals üblich war.

Gab es auch Dinge, die Sie gestört haben?
Naja, einiges war schon eigenartig. Es gab zum Beispiel Demos gegen die praktische Ausbildung, da wurde dann Luft aus Bällen gelassen. Trotzdem glaube ich, dass viele über diese Zeit falsch denken.

Später haben Sie dann nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Funktionär gearbeitet. Wie sind Sie da mit Ihrer kritischen Ausbildung angekommen?
Als Funktionär habe ich mich immer auch in einer kritischen Außenseiterrolle gesehen. Aber natürlich war das ein Stück weit ein klassischer Marsch durch die Institutionen. Man wird irgendwann immer Teil des Systems und muss Loyalität aufbringen. Trotzdem war das ein sehr wichtiger Erfahrungsraum, um zu verstehen, wie neben der Theorie auch die Praxis funktioniert.

Wie steht es heute um die theoretische Auseinandersetzung mit dem Sport?
Früher gab es eine viel lebendigere Debatte. Heute existiert kaum noch ein Organ, in dem kritisch über Sport publiziert werden kann. Das letzte Forum war vielleicht das „Olympische Feuer“ (ehemalige Zeitschrift der Deutschen Olympischen Gesellschaft), aber auch das ist aus wirtschaftlichen und politischen Gründen eingestellt worden. Der DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) lehnt heute fast alles ab, was auch nur ein bisschen kritisch ihm gegenüber ist.

Interview: Alicia Lindhoff

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